Platz 20: Topas, 1969 (7,5/10)
Dieses komplizierte Spionagedrama, basierend auf einem Roman von Léon Uris, hat einen unverdient schlechten Ruf. Das mag daran liegen, dass die komplexe Geschichte eines eigenwilligen französischen Geheimdienstoffiziers, der am Vorabend der Kubakrise in die Politik des Kalten Krieges verstrickt wird, im Gesamtkontext von Alfred Hitchcocks Filmografie wie ein Werk wirkt, das der Meister nur halbherzig umsetzt. Es fehlt ihm an seinem gewohnten visuellen Glanz, seinen raffiniert inszenierten Suspensemomenten und seinem charakteristischen schwarzen Humor; fast schon wirkt es wie eine nüchterne und trockene Interpretation eines klassischen Hitchcock-Films.
Nach den unerwarteten Flops von „Marnie“ und „Der zerrissene Vorhang“ hatte der Meister der Spannung sichtlich etwas von seinem Enthusiasmus eingebüßt. Und doch ist „Topas“ erzählerisch ein erstaunlicher Film, ein vielschichtiges, episodisches Epos, das meist in geschlossenen Räumen spielt und ständig zwischen amerikanischen Agenten, russischen Überläufern, kubanischen Revolutionären und französischen Verrätern wechselt - alle verwickelt in einen beinahe katastrophalen internationalen Zwischenfall. Unkonventionell in Struktur und Erzähltempo, konzentriert sich „Topas“ weniger auf die Spione selbst, sondern vielmehr auf das oft widersprüchliche, perverse und schmutzige Geschäft der Spionage. Im Mittelpunkt steht die fragwürdige Rekrutierung von Normalbürgern, die manipuliert und zu Schachfiguren von Supermächten und Geheimdiensten gemacht werden.
Hitchcock packt bemerkenswert viel Handlung in jede Szene, wodurch „Topas“ stark an die Romane von John le Carré erinnert - in seiner prosaischen Gleichsetzung und Verflechtung politischer und privater Intrigen. Elegant inszeniert, vollgepackt mit europäischen Stars (Frederick Stafford, Karin Dor, Michel Piccoli, Dany Robin, Philippe Noiret) und diplomatischen Turbulenzen, ist es ein ungleichmäßiges, aber dichtes Werk subtiler Spannung: ein bewusst unglamouröser Kontrapunkt zu den reißerischen und weltumspannenden James-Bond-Abenteuern der Swinging Sixties.
Platz 19: Sklavin des Herzens, 1949 (8/10)
Auch wenn es nicht zu seinen Meisterwerken zählt, ist dies einer der unterschätztesten Filme von Alfred Hitchcock. Irgendwie ist es ein „intimes Epos“. Angesiedelt im kolonialen Sydney des Jahres 1831, dreht sich der Film um eine Dreiecksbeziehung zwischen einem Sträfling, der zum wohlhabenden Landbesitzer aufsteigt (Joseph Cotten), seiner gequälten und agoraphobischen Frau (Ingrid Bergman) und dem gutmütigen Cousin des Gouverneurs (Michael Wilding). Er erzählt von Eifersucht und Klassenkampf vor dem Hintergrund der Gründung einer Nation.
Wie schon bei seinem vorherigen Film „Cocktail für eine Leiche“ wagte er es, das gesamte Projekt fast ausschließlich in neun- bis zehnminütigen Einstellungen zu drehen und die Kamera so in ständiger Bewegung zu halten. Diese stilistische Herausforderung meisterte er in seinem zweiten Versuch mit Bravour. Auf einzigartige Weise untersucht Hitchcock die Räume und die Beziehung der Figuren zu ihrer Umgebung; allein durch seine manierierte Bildgestaltung erzählt er ganze Geschichten. Die endlosen Kamerafahrten erzeugen unterbewusst ein beklemmendes Gefühl der Klaustrophobie, genau wie Bergmans alkoholkranke Figur sich im Haus ihres Mannes gefangen fühlt, aber auch in einem inneren Gefängnis aus sexueller Spannung und Unterdrückung. Wie eine brutale Neuauflage von Hitchcocks triumphalem Gothic-Romanze-Horrorfilm „Rebecca“ ist der Film eine technisch atemberaubende filmische Meisterleistung.
Diese fast schon erotisch anmutende, an Douglas Sirk erinnernde romantische Atmosphäre (eingefangen in leuchtendem Technicolor vom wegweisenden Kameramann Jack Cardiff) wird von den fabelhaften Schauspielern getragen, allen voran von der brillanten Bergman. Ihr funkelnder und erschütternder Monolog, den sie nach der Enthüllung aller Geheimnisse hält, ist Schauspielkunst in ihrer reinsten Form. Die melodramatischen Wendungen der Handlung können mit dieser filmischen Kunstfertigkeit nicht immer mithalten und geraten mitunter etwas kitschig, dennoch ist es ein ergreifendes Erlebnis.
Platz 18: Frenzy, 1972 (8/10)
Wie so viele Filme der frühen 1970er-Jahre, die provokant Konventionen in Frage stellten und kreative Grenzen sprengten, ist „Frenzy“ eine gewagte Produktion voller schmutziger Perversionen. Es gibt explizite Darstellungen von Vergewaltigung und Mord, zahlreiche Eindrücke von geschändeten, nackten Frauenkörpern, einen übermäßigen Gebrauch von Schimpfwörtern und keinerlei sympathische Charaktere. Selbst der Protagonist, der fälschlicherweise für einen widerlichen Sexualmörder gehalten wird, ist kein heldenhafter Flüchtling, sondern ein waschechter Mistkerl, ein impulsiver, ungepflegter Trunkenbold ohne jegliche positive Eigenschaften.
Befreit von den Beschränkungen des Hays Code zeigte der berüchtigte Regisseur Alfred Hitchcock in seinem vorletzten Film (seinem letzten in Großbritannien) seine skrupelloseste Seite: Es ist sein einziges Werk mit einem R-Rating. Überraschenderweise ist „Frenzy“ trotz dieser verstörenden, abstoßenden Geschichte, die in einem heruntergekommenen London spielt, bevölkert von Sexualstraftätern, Verlierern und Einfaltspinseln, kein typischer Hitchcock-Film - kein Noir-Thriller oder Kriminalmelodram, sondern eine unglaublich kranke und rabenschwarze Komödie, ein rabenschwarzes Stück morbider Groteske über die perverse Faszination der Engländer für Serienmörder noch Generationen nach Jack the Ripper.
Ein Running Gag über einen Detektiv, der zu Hause von den unverdaulichen Kochkünsten seiner frankophilen Frau gequält wird und sich dabei als weitaus fähigere Ermittlerin als ihr Mann entpuppt, bildet das seltsam schlagende Herzstück von „Frenzy“. Inmitten all der straff strukturierten, gekonnt geschriebenen und perfekt inszenierten düsteren Momente persifliert Hitchcock gekonnt die Eigenartigkeit der Engländer. Dieses schlüpfrige, gewalttätige und makabre Ausreißerwerk hat viel Bewundernswertes an sich, auch wenn seine bewusst eingesetzte Vulgarität nicht jedermanns Sache ist. Man könnte es als geschmackvolle Geschmacklosigkeit bezeichnen.
Platz 17: Das Rettungsboot, 1944 (8/10)
In fast all seinen Filmen hatte Alfred Hitchcock einen kleinen, unauffälligen Gastauftritt, ein Cameo. Meistens ging er einfach im Hintergrund eine Straße entlang. Doch für seine Rolle in „Das Rettungsboot“ musste er kreativ werden. Das Kammerspiel spielt vollständig auf hoher See. Nachdem ein Nazi-U-Boot ihr Schiff versenkt hat, fliehen sechs Männer und drei Frauen in einem Rettungsboot und treiben über den Ozean. Besonders pikant ist, dass einer von ihnen ein Deutscher ist, da auch das U-Boot zerstört wurde.
Es ist ein vielseitiger allegorischer Mikrokosmos der alliierten Gesellschaften während des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte (basierend auf einer Idee von John Steinbeck) erzählt von verschiedenen Konfrontationen zwischen den Passagieren. Einer der Männer ist schwarz und ziemlich überrascht, als die anderen ihn unter den gegebenen Umständen nach seiner Meinung fragen. Eine Frau ist ein Paradebeispiel für amerikanischen Materialismus und verliebt sich in den Sozialisten an Bord. Die Protagonisten lieben, hassen oder verraten einander, diskutieren Rassismus und Antisemitismus, einige von ihnen sterben sogar. Und können sie den Deutschen trauen, oder sind sie Narren, wenn sie überhaupt darüber nachdenken?
Obwohl der Film offensichtlich als moralstärkende Kriegspropaganda konzipiert wurde, ist er in erster Linie ein packendes Überlebensdrama über eine zusammengewürfelte Gruppe, die in einer schrecklichen Notlage zurechtkommen muss. Meisterhaft inszeniert, mit melancholischen und klaustrophobischen Passagen und extrem trockenem Humor, hält „Das Rettungsboot“ die Spannung hoch und die Handlung glaubwürdig. Die darin enthaltene Warnung ist universell: Wir sitzen alle im selben Boot. Sogar Hitchcock. Man muss nur genau hinschauen: An einer Stelle ist er als Illustration auf einer Zeitung zu sehen.
Platz 16: Die 39 Stufen, 1935 (8/10)
Keine Frage: Alfred Hitchcock hat viele bedeutende Klassiker der Filmgeschichte geschaffen. Sein erster Film, der diesen Status vollends erreichte, war „Die 39 Stufen“. Und das völlig zu Recht. Es ist einer jener Filme, deren Qualität absolut zeitlos ist. Mit seinen rasanten 86 Minuten ist er wohl sein temporeichstes Werk. Es ist ein Thriller über einen Flüchtigen, der unfreiwillig in eine Spionageverschwörung hineingezogen wird (und damit als Vorbild für andere Hitchcock-Filme wie „Saboteure“ oder „Der unsichtbare Dritte“ diente).
Diese Flucht quer durchs Land wird mit viel trockenem, schwarzem Humor erzählt, wobei der Spaß im Vordergrund steht und nicht die Paranoia, während gleichzeitig die atemberaubend gefilmten schottischen Highlands immer wieder wunderbar in Szene gesetzt werden. Der Film wird mitunter auch recht experimentell: Wichtige Ereignisse finden außerhalb des Bildes statt und werden erst im Nachhinein deutlich, eine Erklärung für eine plötzliche Wendung liefert ein schneller (und wirklich witziger) Zwischenschnitt. Für Hitchcock war es tatsächlich viel wichtiger, kreative und fantasievolle Wege zu finden, die komplexe Spionagehandlung zu erzählen, als es die Geschichte selbst war. In diesem Film wurden seine Eigenheiten zu Markenzeichen.
Doch „Die 39 Stufen“ entfaltet seine volle Wirkung erst, als der charmante Hauptdarsteller Robert Donat auf die freche Blondine Madeleine Carroll trifft und die beiden, aneinandergekettet, vor ihren Verfolgern fliehen und sich dabei ineinander verlieben. Ihre turbulente Hassliebe ist einfach köstlich und sorgt für großartige Dialoge und jede Menge Slapstick. Alles ist einfach und direkt gehalten, und obwohl Hitchcock später inszenatorisch bedeutend ambitionierter wurde, ist es schon hier ganz erstaunlich, wie mühelos er erstklassige Unterhaltung inszenieren konnte.
Platz 15: Sabotage, 1936 (8/10)
In vielen Interviews erklärte Alfred Hitchcock, dass die Spannung in seinen Filmen dadurch entsteht, dass er dem Publikum Informationen gibt, von denen die Figuren nichts wissen. In seinem frühen britischen Thriller „Sabotage“ gibt es eine exemplarische Szene, in der ein Junge mehrere Minuten lang unwissentlich eine Zeitbombe durch London transportiert. Der Zuschauer wartet gespannt darauf, wie die Szene endet, wie der Junge von dem tödlichen Paket getrennt wird. Und dann lässt Hitchcock die Bombe einfach explodieren.
Der Meisterregisseur erlaubte seinem Kino nur selten wieder eine so sadistische Note. „Sabotage“ ist einer der ungewöhnlichsten Hitchcock-Filme; kein Mystery-Thriller, sondern ein Krimi-Drama über eine Ehefrau, die mithilfe eines verdeckten Ermittlers entdeckt, dass ihr Mann für eine anarchistische Terrororganisation arbeitet. Es ist ein düsterer Film, in dem viele unschuldige Menschen sterben, und selbst die am Ende vollzogene Gerechtigkeit hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Es gibt einige brillante Szenen: ein Stromausfall in London, eine verhängnisvolle, tödliche Busfahrt, ein Besuch im Aquarium, ein Mord aus Verzweiflung und - so bizarr es auch klingen mag - die Vorführung eines frühen Walt-Disney-Zeichentrickfilms im Kino.
Trotz des makabren Humors sucht man vergeblich nach der mitreißenden Unterhaltung anderer Hitchcock-Klassiker und wird stattdessen mit einem eiskalten Nervenkitzel der übelsten Sorte konfrontiert. Es ist bezeichnend, dass der Terrorist in diesem Film in einer Wohnung hinter der Leinwand eines Kinos lebt. Denn in „Sabotage“ gibt es tatsächlich einen Terroristen „hinter den Bildern“. Sein Name ist Alfred Hitchcock.
Platz 14: Die rote Lola, 1950 (8/10)
Viele Kritiker und Zuschauer verurteilten Alfred Hitchcock für den Trick in seinem etwas in Vergessenheit geratenen Thriller „Die rote Lola“. Was zunächst wie einer seiner vielen Filme über einen unschuldig Beschuldigten wirkt, entpuppt sich im Finale als Schwindel. Diesmal ist der falsche Mann eigentlich der Richtige. Aber wie kann das sein? Hitchcock zeigte uns in den ersten zehn Minuten doch in einer Rückblende, was wirklich geschah! Tja, eben nicht: Er hatte gelogen.
Es war keine echte Rückblende, sondern die Visualisierung der erfundenen Geschichte eines Lügners. Was viele als billigen Trick abtun, ist in Wirklichkeit das geniale Gerüst für das, worum es in „Die rote Lola“ wirklich geht: um Schauspielkunst. Eine Rolle so überzeugend zu spielen, dass man sich fast selbst täuscht. Um den Namen ihrer unerwiderten Liebe und ihres (nicht ganz unschuldigen) Freundes reinzuwaschen, versucht eine junge Schauspielerin (grandios gespielt von Jane Wyman), den Fall zu lösen, indem sie ein Pseudonym annimmt und sich in das Haus der Hauptverdächtigen (der glamourösen Marlene Dietrich) einschleicht, die - passenderweise - ebenfalls Schauspielerin ist.
Es ist ein wunderbares Spiel mit falschen Identitäten und Täuschungen, voller intensiver Spannung, für die Hitchcock so geliebt wird. Vor allem aber ist es einer seiner witzigsten Filme, mit einer gehörigen Portion trockenem britischem Humor, absurden Wendungen und urkomischen Irreführungen. Der Vater der Protagonistin ist eine von Hitchcocks großartigsten Figuren: Er entwickelt eine ungeheure Freude daran, Verbrechen aufzuklären, und Alastair Sim verkörpert ihn mit einem herzerwärmenden Lächeln. Er ist der Inbegriff eines Scene-Stealers in diesem unterschätzten Juwel eines Filmemachers, bei dem wir nur auf eines vertrauen können: sein handwerkliches Können.
Platz 13: Im Schatten des Zweifels, 1943 (8/10)
Man muss sich vor Augen halten, wie gewagt „Im Schatten des Zweifels“ 1943 war. Die US-Propagandamaschinerie verklärte die Idee des amerikanischen Traums vom Landleben und glorifizierte den amerikanischen Mittelklasse-Lebensstil. Inmitten dieses Mechanismus schuf Alfred Hitchcock, ein Brite, ein Regisseur von außerhalb, ein düsteres Psychodrama über die verdrängte psychosexuelle Schattenseite des kleinstädtischen Optimismus - einen Blick hinter die Fassade der Vorstadt.
Der Film handelt von einem mysteriösen Onkel, der seine idyllische Familie besucht, aber - wie der schwarze Rauch des Zuges bei seiner Ankunft zeigt - Schrecken mit sich bringt. Um es klarzustellen: „Im Schatten des Zweifels“ handelt so explizit von Inzest, wie es damals unter den strengen Bestimmungen des Hays Codes möglich war. Zwischen dem Onkel und seiner Nichte (beide heißen Charlie) besteht eine dunkle Verbindung, zunächst zärtlich, dann zunehmend pervers. Später warnt er sie davor, ihr „gemeinsames kleines Geheimnis“ mit der Familie zu teilen. Natürlich meint er im Kontext des Films ihren Verdacht, er könnte ein Serienmörder sein. Und doch ist es nicht schwer zu verstehen, was Hitchcock damit sagen will, auch wenn er es nicht deutlicher hätte ausdrücken können.
Lange bevor John Carpenters „Halloween“ und David Lynchs „Blue Velvet“ dafür gefeiert wurden, entmystifizierte Hitchcock bereits die banale, von weißen Lattenzäunen umgebene Vorstadtidylle und enthüllte sie mit psychologischer Raffinesse und Regiekunst als frauenfeindlichen, verdorbenen Mikrokosmos. Der Film unterscheidet sich so sehr von den üblichen Werken des Meisters - er ist weitaus melodramatischer, kommentativer, verzichtet auf aufwendige Spannungsszenen -, ist aber dennoch ein eindringliches und zum Nachdenken anregendes Noir-Erlebnis. Er ist nicht umsonst ein Klassiker.
Platz 12: Jung und unschuldig (8,5/10)
Obwohl „Jung und unschuldig“ zu den weniger bekannten Tonfilmen Alfred Hitchcocks zählt, enthält er eine seiner brillantesten Szenen. In einer 67 Sekunden langen Plansequenz enthüllt er im großen Finale den gesuchten Mörder. Die Kamera schwebt hoch über einer feiernden Menge, die zu „No One Can Like the Drummer Man“ tanzt, und nähert sich dann dem Mörder so nah, dass sie direkt vor seinen Augen stehen bleibt. Welch bahnbrechende, meisterhafte Leistung in dieser Zeit!
Generell ist „Jung und unschuldig“ ein sehr unterschätztes Juwel in Hitchcocks Filmografie - eine gekonnte Mischung aus Romantik, Komödie und Spannung. Er wirkt wie eine unbeschwerte, leicht alberne Version seines früheren Klassikers „Die 39 Stufen“. Wieder wird ein Mann fälschlicherweise des Mordes beschuldigt und flieht vor der Polizei; wieder trifft er eine junge Frau, die ihm zunächst widerwillig hilft, und dann entwickelt sich eine skurrile Dynamik zwischen ihnen. Die Suche nach einer verlorenen Jacke mag zwar wenig Sinn ergeben, doch die einzelnen Episoden sind spektakulär und unglaublich witzig. Dazu gehören eine aberwitzige Kneipenschlägerei, eine turbulente Kindergeburtstagsfeier, eine Beinahe-Kollision mit einer Lokomotive und eine Flucht durch einen Minenstollen.
Anders als üblich konzentriert sich dieser Film nicht auf den „falschen Mann“, sondern auf die Heldin, die ihm hilft. Nova Pilbeam spielt bezaubernd die Tochter des Polizeichefs, die den Flüchtigen aus Gerechtigkeitssinn unterstützt, sich von ihrem konservativen Vater emanzipiert und dabei vielleicht sogar romantische Gefühle entwickelt. Die Chemie zwischen ihr und ihrem Schauspielkollegen Derrick De Marney ist charmant, ja geradezu elektrisierend. Beide hätten viel größere Stars werden sollen.
Platz 11: Verdacht, 1941 (9/10)
Ein Großteil von „Verdacht“ besteht aus Nahaufnahmen von Joan Fontaines Gesicht, unterbrochen von Schnitten auf das, was sie sieht. Unterbewusst keimt in ihr der Verdacht, dass ihr Playboy-Ehemann Cary Grant nicht nur seine betrügerische Spielsucht hinter seiner überaus charmanten Fassade verbirgt, sondern womöglich auch ein Mörder ist. Alfred Hitchcocks Regie konzentriert sich ganz auf ihre subjektive Wahrnehmung. Wir sehen nur, was sie zu sehen glaubt. Wir sind gezwungen, alles durch ihre Augen zu interpretieren.
Und wir können uns nie sicher sein, ob wir Hitchcock trauen können. Seine Bildsprache ist innovativ und aufregend, zugleich aber auch völlig subtil - man denke nur an das ikonische Bild des „leuchtenden“ Glases Milch, das möglicherweise vergiftet ist. „Verdacht“ ist ein bemerkenswerter Film, ein langsam sich entwickelndes Drama, das sein Publikum bewusst manipuliert. Hitchcock, ein Genie der manipulativen Filmkunst, navigiert meisterhaft durch unsere Paranoia, präsentiert uns unmissverständliche Informationen und stellt uns in der nächsten Szene alles so dar, als hätten wir uns geirrt, als hätten wir seine Filmsprache nicht verstanden, als wäre es unsere Schuld. Das Finale setzt dem Gaslighting die Krone auf: Hitchcock entlarvt seinen beängstigenden Film zunächst als einen einzigen Bluff, serviert uns ein bizarres Happy End und sät dann erneut Zweifel an allem. Es ist, als ob „Verdacht“ uns wirklich hasst.
Fontaine und Grant sind hervorragend. Wir wissen immer, was Fontaine denkt, und können nie erahnen, was in Grants Kopf vorgeht. Und genau das ist dieser Film: eine feministische und philosophische Erzählung darüber, wie wir aufgrund unserer begrenzten subjektiven Perspektive niemals wirklich bezüglich irgendetwas sicher sein können.
Platz 10: Psycho, 1960 (9/10)
Die ikonische Mordszene unter der Dusche war mit ihrer explosiven Gewalt, dem stakkatoartigen Schnitt und Bernard Herrmanns kreischenden Violinen so einflussreich, dass jeder Cineast „Psycho“ allein schon wegen dieses Moments gesehen haben sollte. Sie markiert den Wendepunkt des Films, denn von einem Augenblick auf den anderen verwandelt sich ein schäbiges Noir-Drama ohne tiefere Bedeutung (im Grunde ein Moralstück über gestohlenes Geld, wie eine klassische Folge von „Alfred Hitchcock präsentiert“) in ein erschreckend verstörendes Mosaik freudianischen Wahnsinns.
Mit geringem Budget gedreht, revolutionierte dieser berüchtigte Schwarz-Weiß-Schocker von Alfred Hitchcock die grammatikalischen Strukturen filmischen Erzählens. Plötzlich stirbt die Hauptfigur, der Anker für den Zuschauer, ohne Vorwarnung und reißt alle sorgfältig etablierten Handlungsstränge mit ins Grab. Nun sucht die Erzählung verzweifelt nach einem neuen Zentrum und wechselt ständig die Perspektive. Dies gibt Hitchcock reichlich Gelegenheit, sich als gerissener Manipulator zu beweisen. Er erzeugt meisterhaft Spannung um die Frage, was für ein Film „Psycho“ letztendlich sein wird, und bringt uns sogar implizit dazu, mit dem Bösewicht mitzufiebern.
Unsere Komplizenschaft verleiht dieser reißerischen Horrorgeschichte ihre markerschütternde Wirkung. Ihre perfiden Wendungen sind längst Teil des popkulturellen Bewusstseins, gerade weil sie so fundamental dem widersprechen, was der menschliche Verstand über sich selbst begreifen kann. Hitchcocks Kino ist mit seinen voyeuristischen langen Einstellungen und suggestiven Kamerabewegungen stets ein Angriff auf das Publikum, und nie war er uns gegenüber existentiell grausamer. Seine maßgebliche Proto-Giallo-Meisterschaft hallt in der Filmgeschichte bis heute nach; man kann ihn am besten als die Mutter aller Slasher-Filme bezeichnen.
Platz 09: Bei Anruf Mord, 1954 (9/10)
Ein meisterhaftes Drehbuch, mit präziser Genauigkeit geschrieben. Verfasst von Frederick Knott, basierend auf seinem eigenen Theaterstück, besteht es im Grunde nur aus einer einzigen zentralen Szene: einem Mord, genauer gesagt, einem Mordversuch, bei dem der Mörder selbst zum Opfer wird. Alles, was dieser Szene vorausgeht, ist ein akribisches Vorspiel, die Planung, die Inszenierung. Alles Folgende ist die Verarbeitung, die Aufdeckung, die Dekonstruktion.
Diese Geschichte eines missglückten Attentats fügt sich nahtlos in die Filmografie Alfred Hitchcocks ein, der die theoretische Idee des perfekten Verbrechens bereits in „Cocktail für eine Leiche“ und „Der Fremde im Zug“ erforscht hatte. Fast ausschließlich in einer einzigen Wohnung angesiedelt, setzt Hitchcock stark auf die exzellenten Dialoge, verfügt aber auch über die richtige filmische Sprache, um ihnen Gewicht zu verleihen. Es ist ein Genuss zu sehen, wie er Kamerabewegungen, Perspektivwechsel, suggestive Nahaufnahmen und gezielte Schnitte einsetzt, um die Dynamik der Figuren aufzubauen und wieder aufzulösen und eine ständige Atmosphäre klaustrophobischer Angst zu erzeugen. Er experimentierte hier mit 3D-Filmtechnik, doch selbst in der gängigeren 2D-Version ist die handwerkliche Perfektion ein filmischer Genuss, ein Paradebeispiel für gelungene Raumnutzung.
Die Schauspieler - die rehäugige, ängstliche Grace Kelly, der geheimnisvoll bedrohliche Anthony Dawson, John Williams als exzentrischer Detektiv und Ray Milland als stilvoller Inbegriff der Boshaftigkeit der Oberschicht - sind allesamt großartig. Doch der wahre Star ist die Struktur und Hitchcocks hintergründiger Humor, als sich der Schlüssel zum Rätsel als … ein echter Schlüssel entpuppt. Diese spannungsgeladene, spielerische, minimalistische Eleganz ist absolut fesselnd und unglaublich intensiv.
Platz 08: Das Fenster zum Hof, 1954 (9,5/10)
Vielleicht das beste Beispiel, welches all das veranschaulicht, was die Filme von Alfred Hitchcock so faszinierend macht. Seine technische Brillanz ist in jeder Sekunde spürbar, er hat die packende und rätselhafte Kriminalgeschichte vollkommen im Griff, es gibt fein beobachteten, trockenen Humor, eine Romanze mit einer wunderschönen Blondine (Hat je eine Frau in einem Film so atemberaubend ausgesehen wie Grace Kelly hier?), Schuldgefühle, Obsessionen, Beklemmung. Alles, was Hitchcocks Kino ausmacht, ist in „Das Fenster zum Hof“ auf wunderbare Weise präsent; in vielerlei Hinsicht ist es sein quintessentiellstes Meisterwerk.
Seine wirkungsvolle Filmsprache besteht im Wesentlichen aus einem einfachen Drei-Einstellungen-Schema: Wir sehen James Stewart. Wir sehen, was er sieht. Wir sehen seine Reaktion. Das ist der ganze Film, erzählt aus seiner subjektiven Perspektive. Gedreht in einem Studio, das aufwendig wie ein urbaner Innenhof gestaltet wurde, entwickelt der Film eine psychologisch feinsinnige Miniaturerkundung von Voyeurismus, morbider Neugier und Sensationsgier - unserer urtümlichen Faszination für das Sehen und der Anziehungskraft des Betrachteten.
Es ist ein selbstreflexives Kino, das sich selbst hinterfragt: Die Fenster, durch die Stewart seine Nachbarn beobachtet, sind Leinwände, auf denen sich menschliche Dramen entfalten; sie sind Filme im Film. Stewart selbst beobachtet sie durch eine Kamera; er ist der Regisseur. Nur sein Blick verleiht diesen Handlungen Bedeutung. Und wir teilen nicht nur seine Sicht, sondern beobachten ihn durch Hitchcocks Kamera: Auch wir sind Voyeure. Filmemachen und Filmeschauen sind zwei Tätigkeiten, die von Natur aus eine verruchte Perversion bergen. Wenn „Das Fenster zum Hof“ eine vielsagende Metapher für die Zuschauersicht ist, dann nur, weil das Leben selbst ein Panoptikum ist: ständig beherrscht von der Macht des Blicks.
Platz 07: Eine Dame verschwindet, 1938 (9,5/10)
Selten war Alfred Hitchcocks Filmografie so politisch engagiert wie das Finale von „Eine Dame verschwindet“. Die titelgebende vermisste Dame ist bereits wieder aufgetaucht. Der Zug, in dem fast der gesamte Film spielt, ist nun von Soldaten eines faschistischen Regimes umstellt. Nur die britischen Passagiere sind noch an Bord. Sie beraten, was zu tun ist. Einer von ihnen hisst die weiße Fahne und ergibt sich. Er wird sofort erschossen. Die Übrigen halten zusammen und stellen sich dem Feind. Nur durch Mut kann das Böse besiegt werden, sagt Hitchcock, und das angesichts der damaligen britischen Appeasement-Politik gegenüber Adolf Hitlers Nazi-Deutschland.
Dennoch ist „Eine Dame verschwindet“ nie belehrend, schwerfällig oder überdramatisch. Ganz im Gegenteil: Hitchcock erzählt eines der geistreichsten Drehbücher überhaupt mit beeindruckender Leichtigkeit. Der Film ist voller Spannung, Romantik und ikonischer Charaktere, allen voran Margaret Lockwood und Michael Redgrave in den Hauptrollen als eines der liebenswertesten und bezauberndsten Paare der Filmgeschichte. Auch Naunton Wayne und Basil Radford glänzen als implizit homosexuelle Cricketfans.
Die Geschichte um eine verschwundene Dame und einen Zug voller Menschen, die sich plötzlich nicht mehr an sie erinnern können, bietet brillant umgesetzte Slapstick-Komik und ist gleichzeitig unglaublich fesselnd. Hitchcock konstruiert dieses Rätsel wie ein Zauberer einen Trick und lässt uns rätseln, wie ihm das gelungen ist. Diese gekonnte Mischung aus geopolitischer Aussage, turbulenter Komödie und raffiniert inszeniertem Mystery-Storytelling macht „Eine Dame verschwindet“ wohl zum besten Comedy-Thriller aller Zeiten - zumindest zu einem Anwärter darauf.
Platz 06: Rebecca, 1940 (10/10)
Ein Geisterfilm, in dem der Geist nie erscheint und doch allgegenwärtig ist, so sehr, dass sein Name dem Filmtitel zugrunde liegt, während die eigentliche Hauptfigur namenlos bleibt. In seiner ersten amerikanischen Produktion erzählt Alfred Hitchcock die Geschichte einer zweiten Ehefrau, die vom Gespenst der ersten Liebe ihres Mannes heimgesucht wird. In einer düsteren, schmerzhaften Mischung aus Melodrama, Romantik, Mysterium und gotischem Exzess entwirft Hitchcock eine psychologisch komplexe Geschichte von Besessenheit, die von einer Frau erzählt, die unter dem Blick der gesellschaftlichen Erwartungen gefangen ist.
Kameramann George Barnes nutzt eine wunderschöne expressionistische Schwarz-Weiß-Fotografie, um auf dem Anwesen von Manderlay eine unheimliche, fast außerweltliche Atmosphäre zu schaffen, die - wie die titelgebende Rebecca selbst - zu einem filmischen Rätsel wird. Hitchcock spielt meisterhaft mit der Ungewissheit und steigert so immer weiter die alptraumhaft surreale Natur dessen, was geschieht und was nicht. Joan Fontaine brilliert als leidende Frau, gefangen in ihrer Ehe mit dem scheinbar gefühllosen Laurence Olivier, während ihre Gegenspielerin, die unheimliche Haushälterin Mrs. Danvers (grandios gespielt von Judith Anderson), wie ein Vampir wirkt, der ihr das Leben aussaugen will.
Es ist ein einzigartig fesselndes, fast surreales Erlebnis, die traumatischen Ereignisse vor dieser opulenten Kulisse mitzuerleben. Man fühlt sich wie in Trance, besonders wenn Hitchcock durch die Bewegungen seiner Kamera Rebecca - den Geist, die „andere Frau“ - schließlich doch noch erscheinen lässt, ohne sie jedoch tatsächlich im Bild zu zeigen. An diesem Punkt sollte man spüren, dass man es mit psychologisch subtilem Storytelling in seiner erhabensten Form zu tun hat. Von all seinen Meisterwerken gewann nur dieses einen Oscar für den besten Film. Und das völlig zu Recht, möchte man hinzufügen.
Platz 05: Die Vögel, 1963 (10/10)
Ein typischer Tierhorrorfilm, nur mit Krähen, Spatzen und Möwen statt übernatürlicher Monster: Alfred Hitchcocks zeitloses Meisterwerk ist die ultimative Verschmelzung von derben B-Movie-Elementen und der erhabenen Pracht europäischer Autorenfilme. Was als romantische Komödie mit neckischen Flirts an der kalifornischen Küste beginnt, entwickelt sich zu einer satirischen Auseinandersetzung mit der Verschlagenheit der gehobenen Mittelschicht und den unzähligen Missverständnissen, die aus der gelangweilten Verachtung füreinander im amerikanischen Kleinstadtleben entstehen. Und dann … greifen die Vögel an!
Mit technischer Brillanz beschwört Hitchcock dichte, biblische Schwärme der Zerstörung herauf. Mit über 370 atemberaubenden Spezialeffekten ist seine Geschichte des Vogelterrors voller existenziellem Schrecken, der durch die außergewöhnlich inszenierte Technicolor-Pracht noch verstärkt wird: beunruhigende Angriffe aus der Luft, subtile Schreckmomente und ikonische Bilder wie Dutzende von Krähen, die ein Klettergerüst auf einem Spielplatz bevölkern, oder das ambivalente Ende von apokalyptischer Schönheit. Der Film kommt sogar ganz ohne traditionelle Filmmusik aus! Das Zwitschern, Rasseln und Pfeifen der Vögel und die qualvollen Schreie der hervorragend besetzten Tippi Hedren (in ihrem Schauspieldebüt) genügen vollkommen.
Doch der größte Coup des Films liegt darin, dass er die zentrale Frage unbeantwortet lässt: Warum greifen die Vögel an? Hitchcock deutet viele mögliche Interpretationen an (Sind sie eine Externalisierung der ödipalen Dynamik seiner Figuren oder üben sie einfach Rache für die Misshandlung ihrer Mitgeschöpfe durch die Menschen?), legt sich aber auf keine fest. Er vermittelt bewusst weder Moral noch Botschaft, sondern nur eine erschreckende Erinnerung an unser angeborenes Wissen um unsere gewaltige Unterlegenheit, unsere Hilflosigkeit gegenüber der Willkür der Natur. Wir erfahren nie, warum die Vögel angreifen. Wir wissen nur: Wenn sie es tun, sind wir erledigt.
Platz 04: Vertigo, 1958 (10/10)
Vertigo ist gleichermaßen eine Sammlung aller Motive und Formeln des Film noir - Voyeurismus, die geheimnisvolle blonde Femme fatale, obsessiv selbstzerstörerische Männlichkeit, die undurchschaubare kriminelle Verschwörung - wie auch deren Perversion. Was als fesselnde Detektivgeschichte über sexuelle Sehnsucht, die Möglichkeit übernatürlicher Welten und die unerklärliche Anziehungskraft suizidaler Visionen beginnt, wandelt sich schließlich zur existentiellsten und verstörendsten Darstellung unstillbarer Besessenheit, die je auf Film gebannt wurde.
Oft als bester Film aller Zeiten bezeichnet, ist er die ultimative Chronik der Projektion, die Quintessenz der Objektifizierung von Frauen durch den männlichen Blick, die Geschichte davon, wie Menschen all ihre Fantasien und Begierden auf andere projizieren, sich in imaginäre Persönlichkeiten verlieben und so sehr von diesen Idealen besessen sind, dass die Realität unter ihnen zusammenbricht. Alfred Hitchcocks neurotische, fetischisierende Filmkunst neigte stets zu symbolischer Selbstreflexivität, doch in „Vertigo“ nimmt sie geradezu bekenntnishafte Züge an, indem er all seine erzählerischen Instinkte auf ihren perversen, voyeuristischen Kern reduziert: Sehen heißt erinnern, erinnern heißt aufzwingen. Es ist eine visuell meisterhafte, metatextuelle Erzählung, die ihr eigenes Medium beständig transzendiert und dekonstruiert.
Die eindringlich-evokative VistaVision-Kameraführung mit ihren erotischen Rottönen und geisterhaften Grüntönen zeichnet ein hypnotisch schönes Porträt von San Francisco und dient als eleganter Schleier für dieses zutiefst beunruhigende Erlebnis. Mit James Stewart und Kim Novak in einer herzzerreißend tragischen Romanze, der brillant melancholischen Musik von Bernard Herrmann, Edith Heads außergewöhnlichen Kostümen und dem revolutionären Vorspann von Saul Bass ist es eine verstörende, traumatische Spirale in psychologische Abgründe, deren eiskalte Grausamkeit in ihrer tragischen Unausweichlichkeit umso menschlicher erscheint.
Platz 03: Über den Dächern von Nizza, 1955 (10/10)
Möglicherweise der visuell schönste Film des gesamten 20. Jahrhunderts. Jede einzelne Einstellung wirkt wie ein Gemälde; Robert Burks' Kamera kann sich an der Côte d'Azur mit ihren grünen Hügeln, dem glitzernden Meer und den sonnigen Stränden, bevölkert von den beiden attraktivsten Filmstars ihrer Generation - Cary Grant und Grace Kelly -, nicht sattsehen. Ein herausragendes Reiseepos voller Charme, ein verführerisches, amouröses Porträt europäischen Glamours, hinreißend stilvolles, exquisites Kino der Sommermode, das das unbeschwerte französische Flair der Küste von Cannes perfekt einfängt.
Eine so extravagante, elegante romantische Komödie voller neckischer Flirts und sexueller Doppeldeutigkeiten (Beispiele hierfür sind eine brillante Kussszene mit Feuerwerk oder ein romantisches Picknick, bei dem Kelly Grant vor die Wahl zwischen Brust und Bein stellt - kleiner Hinweis: Sie meint nicht nur das Hähnchen, das sie essen) würde man eher von Ernst Lubitsch erwarten als von Alfred Hitchcock, dessen Regiekunst stärker mit der Tradition des Film noir verbunden ist. Hier sehen wir Hitchcock im Urlaubsmodus, frei von erzählerischen Zwängen, ganz im Bann der grandiosen VistaVision-Fotografie visueller Pracht, verliebt in die farbenprächtigen Panoramen und die aufwendigen, ikonischen Kostüme und Kleider der legendären Designerin Edith Head.
Die leichte Geschichte um einen Juwelendieb auf der Jagd nach seinem Nachahmer dient lediglich als Kulisse, als Leinwand, auf der Hitchcock sein brillantes Talent für die Gestaltung und Inszenierung raffinierter Sequenzen unter Beweis stellen kann. „Über den Dächern von Nizza“ zeigt ihn von seiner entspanntesten, abenteuerlustigsten und verspieltesten Seite und verlangt nach der größtmöglichen Leinwand. Es ist ein leichter Film, aber deshalb keineswegs weniger meisterhaft.
Platz 02: Berüchtigt, 1946 (10/10)
So viele virtuose Sequenzen aus „Berüchtigt“ sind längst Teil des filmischen Bewusstseins geworden: die dreiminütige Kussszene zwischen Cary Grant und Ingrid Bergman, die unglaublich komponierte Kranfahrt auf den versteckten Kellerschlüssel oder der nervenaufreibende Showdown, der aus einem langsamen Abstieg die Treppe hinunter besteht! Von all seinen Filmen ist dieses ästhetisch überzeugende Meisterwerk Alfred Hitchcocks die perfekte Demonstration seiner Kunstfertigkeit. Seine Inszenierung und sein Blocking sind eine Meisterklasse der Film-noir-Regie; er lenkt, erweitert und zerstreut unseren Blick mit atemberaubender Präzision.
Es ist ein subtiler Nachkriegs-Spionagethriller von psychologischer Raffinesse, der sich ganz auf die komplexe sadomasochistische Dreiecksbeziehung im Zentrum konzentriert. Bergman spielt brillant eine freizügige Junggesellin, in die sich der Spion Grant während einer stürmischen Romanze verliebt. Doch dann ist er gezwungen, sie in die Arme eines anderen zu treiben. Sie soll einen ehemaligen Verehrer (den sensationellen Claude Rains), einen Nazi, der sich in Rio versteckt hält, verführen, um seine Pläne herauszufinden, und muss sich im Grunde für ihr Land prostituieren. Eine epische, tragische Geschichte über Liebe, Pflicht und Missverständnisse, über soziokulturelle Doppelmoral in Bezug auf weibliche Sexualität und über einen Mann, der Eifersucht, Stolz und Patriotismus überwinden muss, um die Frau zu retten, die er liebt.
Mit Kameramann Ted Tetzlaff, der einige der atemberaubendsten Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Filmgeschichte schuf, ist dies Hitchcocks erotischster, aber auch einer seiner verstörendsten Filme; eine gekonnte, fast minimalistische Verschmelzung von Intrige und Kunstfertigkeit. Ben Hechts raffiniert strukturiertes Drehbuch führt alle Figuren auf eine umgekehrte Reise: von der Lüsternheit zurück zur Jungfräulichkeit. Kino vom Feinsten, ein absolutes Muss - ein Must-See und ein Must-See-Again. Immer und immer wieder.
Platz 01: Der unsichtbare Dritte, 1959 (10/10)
Möglicherweise die umfangreichste Sammlung ikonischer Szenen der Filmgeschichte. Der Film begleitet einen einfachen Mann, der in außergewöhnliche Umstände gerät, und bietet eine unermesslich reichhaltige Abfolge von perfekt inszenierten und präzise getakteten Action- und Komödienmomenten: Der Unfall mit dem betrunkenen Fahrer, der Mord bei den Vereinten Nationen, das erotische Abendessen im Zug, der Angriff des Sprühflugzeugs, die „Unterbrechung“ einer Kunstauktion, das schwindelerregende Finale auf den Köpfen des Mount Rushmore - sie alle zählen zu den größten Momenten der Filmgeschichte.
„Der unsichtbare Dritte“ ist wohl Alfred Hitchcocks bester Film, aber definitiv der „Hitchcockischste“; das Magnus Opum seines Schaffens. Es ist ein berauschender, einzigartig spektakulärer Cocktail aus allem, was sein Werk ausmacht: Verwechslungen, leidenschaftliche Romanzen, Regierungskonspirationen, Schurken aus der Oberschicht, geheimnisvolle Blondinen, überfürsorgliche Mütter, Freud'sche Psychologie, verzweifelte Heldentaten und die kafkaeske Prämisse, dass ein Individuum zum Spielball in den institutionalisierten internationalen Machtkämpfen des Kalten Krieges wird. In vielerlei Hinsicht eine Hommage an all seine Obsessionen, Motive und Leidenschaften, seine stilistischen Eigenheiten und seinen feinen Instinkt für pure Unterhaltung und bissigen Humor.
Als Inbegriff des Spionageklassikers und oft als essentielle Vorlage für moderne Action-Blockbuster - von James Bond bis Mission: Impossible - angesehen, ist es ein unbestrittenes Meisterwerk und als solches der Höhepunkt unvergesslicher Künstler wie des Titeldesigners Saul Bass, des Hauptdarstellers Cary Grant, des Drehbuchautors Ernest Lehman und des Komponisten Bernard Herrmann, dessen Musik auf sensationelle Weise Bedrohung und Leichtigkeit vereint. Wenn ein Thriller jemals fesselnder, erotischer oder in seiner dynamischen Brillanz noch müheloser sein könnte, dann wurde er bisher noch nicht gedreht.