HCN007 hat geschrieben:Bei meinen Wertungen bin ich mir eigentlich mittlerweile sehr sicher, was ich von einem Film erwarte / erwarten kann und kann das auch bereits vor Sichtung des Films punktemäßig vorhersagen. Bei meinen Top-Platzierungen in diesem Jahr gibt es klare gesetzte Kandidaten (Rogue One, Arrival, The Revenant, Jason Bourne) und Filme, die mich extrem positiv und nachhaltig überrascht haben (The Hateful Eight, Room).
Das verstehe ich irgendwie noch nicht so ganz, du setzt deine Noten also schon im Voraus? Klar hat man immer im Vorfeld gewisse Erwartungen / Hoffnungen, und liegt damit manchmal auch goldrichtig, genauso gut kann es aber sein, das man gnadenlos enttäuscht wird oder die Erwartungen übertroffen werden. Einen Film bepunkten bevor man ihn gesehen hat? Nicht in meiner Welt.
HCN007 hat geschrieben:Nachhaltigen Interpretationsspielraum bietet auch das sehr konsequente Ende, das die Frage aufwirft – ging es hier um Vergeltung oder Vergebung ?
Dieser Satz hingegen ist absolut treffend und beschreit das fantastische Ende adäquat. Nocturnal ist einer dieser Filme, bei denen ich zuerst im Lauf der Schlussszene Angst hatte, dass der Regisseur das richtige Ende nicht findet, dann aber absolut belohnt wurde, denn Ford blendet im perfekten Augenblick ab. Vergebung und Vergeltung gab es in meinen Augen beides,
Vergeltung dadurch, dass Edward seine Ex-Frau die qualvolle Welt von Tony hautnah hat durchstehen lassen, abstrakt symbolisiert durch ihre Lektüre des Manuskripts, und ihr damit den Spiegel ihrer eigenen Fehler und Untaten vorgehalten hat (Tony verliert Frau und Kind genau wie Edward, transzendiert in eine grauenhafte Mordgeschichte, es gibt am Ende nur Verlierer wenn Tony, der Polizist und der Mörder alle sterben). Vergebung hingegen dadurch, dass seine "Rache" zugleich ein Schlussstrich ist, er verbannt Susan aus seinem Leben und symbolisiert dies indem er nicht zum Abendessen erscheint. Die Verbindung zwischen Susan und Edward ist vorbei.
vodkamartini hat geschrieben:Keine Sorge, bei solch einem Film steigt die Erwartungshaltung nicht ins Unermeßliche.

Für mich ist hier interessant, dass er nachwirkt und dich noch beschäftigt. Das klingt sehr vielversprechend, zumal vermutlich jeder etwas anderes darin sehen kann bzw. anderes heraus ziehen kann.
Dann ist ja gut, ich bin auf jeden Fall schon gespannt, was du damit anzufangen weisst, sofern du ihn überhaupt schaust, was ich bei dir als Neo-Noir- und Thriller-Fan aber eigentlich voraussetze.
vodkamartini hat geschrieben:Und ist doch schön, zum Jahresabschluss mal mit 10 Punkten "belohnt" zu werden.
Inder tat, auch wenn es diesen Jahrgang ein paar sehr gute bis exzellente Filme gab (Arrival, Hell or High Water, Un + Une, The Revenant) hat mir doch immer der letzte kleine Sprung zur "Ekstase" gefehlt, Nocturnal hat das jetzt nachgeholt.