Re: Der Hitchcock Thread

#646
Casino Hille hat geschrieben:
23. September 2020 13:29
Um das kurz hevorzuholen: To Catch a Thief habe ich noch kurz vor Corona-Ausbruch im Kino in einer Retrospektive gesehen und das ist ein Film für Träumer. Die Diebstahl-Geschichte habe ich kaum verfolgt, aber ich war begeistert von den tollen Farben, der romantischen Stimmung, dem herrlichen Humor etc. Hat auch meiner Begleitung sehr gut gefallen, und er ähnelt im gewissen Sinne stimmungstechnisch Charade, Ärger im Paradies oder in Teilen auch Hitchs späterem Der unsichtbare Dritte.
Ja, To Catch a Thief ist fast schon mehr Lubitsch als Hitchcock. Litchcock sozusagen ...

Re: Der Hitchcock Thread

#647
GoldenProjectile hat geschrieben:
23. September 2020 13:22
Nachdem ich ihn gestern spät zum vierten oder fünften Mal gesehen habe: Welcher Tor gibt hier Rear Window eigentlich keine 10 Punkte?
Na ich! Schöner Film, aber ich habe auch immer das Gefühl, dass er sich mittendrin ein klein wenig zieht. Nix dramatisches, aber genug um ihn von den Spitzen-Hitchens zu trennen.
Casino Hille hat geschrieben:
23. September 2020 13:29
Um das kurz hevorzuholen: To Catch a Thief habe ich noch kurz vor Corona-Ausbruch im Kino in einer Retrospektive gesehen und das ist ein Film für Träumer. Die Diebstahl-Geschichte habe ich kaum verfolgt, aber ich war begeistert von den tollen Farben, der romantischen Stimmung, dem herrlichen Humor etc. Hat auch meiner Begleitung sehr gut gefallen, und er ähnelt im gewissen Sinne stimmungstechnisch Charade, Ärger im Paradies oder in Teilen auch Hitchs späterem Der unsichtbare Dritte.
Den mittleren kenn ich nicht, aber die beiden anderen haben gegenüber Nizza einen entscheidenden Vorteil: sie haben eine wesentlich packendere Handlung. Ich mag Nizza ja auch, er lebt viel von Stimmung, Atmosphäre und einzelnen Momenten und genau die liefert er auch zu Genüge. Aber ähnlich (bzw. deutlich mehr) als beim Fenster zieht er sich für mich gerade im Mittelteil merklich, allen pittoresken Sehenswürdigkeiten zum Trotz.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Hitchcock Thread

#648
Casino Hille hat geschrieben:
23. September 2020 13:29
Wenn ich in der Hilleschen Datenbank nachschaue: Offenbar bin ich ein solcher Tor! :D
AnatolGogol hat geschrieben:
23. September 2020 13:42
Na ich!
vodkamartini hat geschrieben:
24. September 2020 14:47
Bin auch ein Anti-10-Tor beim Fenster und einer, der immer sehr viel Vergnügen an den Nizza-Dächern hat. Ein zwar subtiler aber durchgängig toller Humor.
Wie albern!

Naja, Hauptsache ich wurde in meiner 10 bestätigt. Denkt euch einfach noch ein paar Maibaumsche Ausführungen über unmittelbares Erleben etc. zu meinem Kurztext. Was für ein Film... (sagte ich das schon?)

To Catch a Thief fand ich gar nicht mal so toll, müsste ich aber entsprechend nachprüfen. Charade habe ich klar besser in Erinnerung.
We'll always have Marburg

Re: Der Hitchcock Thread

#649
GoldenProjectile hat geschrieben:
23. September 2020 15:42
To Catch a Thief fand ich gar nicht mal so toll, müsste ich aber entsprechend nachprüfen. Charade habe ich klar besser in Erinnerung.
Gestern nachgeprüft und es hat sich nichts geändert. Film ist gepflegt unterhaltsam. Einige sind ja der Meinung dass die Beziehungskiste zwischen Grant und Kelly mehr das Zentrum des Films sei als die eigentliche Juwelengeschichte, da kann ich bedingt zustimmen, weil im fertigen Film beides zusammen, ineinander verwoben funktionieren sollte (ähnlich wie Beziehungskiste und Mordfall im Fenster), dies aber nicht besonders elegant tun und eher neben- als miteinander laufen. Auch weil die Story zwischen dem solariums-gebräunten Archie Leach und der holden Fürstin von Monaco trotz einiger toller Einzelmomente nicht die Tiefe des Pendants aus Rear Window erreicht, wenn der Vergleich mal erlaubt ist.

Das sommerliche Riviera-Setting ist schon sehr charmant, und auch visuell bietet Hitchcock zwischendurch immer wieder tolles (auch wenn auf meiner billigen Einzel-DVD nicht viel vom hochauflösenden Vistavision übrigbleibt, so flimmert der klein-gestreifte Pullover Grants ständig, und ausgerechnet den trägt Bräunungs-Archie gefühlt die gesamte erste Filmhälfte). Besonders die Szenen beim Feuerwerk im Hotelzimmer sind exzellent und atmosphärisch, oder ein eleganter Kameraschwenk über den auf dem Rücken schwimmenden Grant, oder die einlullenden Farben der abschliessenden Tanzszenen (auch wenn letztere sich trotz aller Bildgewalt etwas ziehen). Zwischendurch agieren Grant und Kelly aber auch vor recht farblosen Rückprojektionen, was den Urlaubscharme des Films immer wieder etwas stört, auch verglichen mit den Vögeln, in denen die Matte Paintings von Bodega Bay sehr gut funktionieren.

To Catch a Thief ist wie eingangs erwähnt ein gepflegt unterhaltsamer Film, für Hitch aber mehr ein laues Lüftchen. Es wirkt ein wenig als wären Hitch, Grace und Grant im Urlaub. Mehr als 6 Punkte gebe ich weiterhin nicht.
We'll always have Marburg

Re: Der Hitchcock Thread

#650
Auf TCAT bzw. ÜDDVN freue ich mich im Vorfeld einer Sichtung immer wie Bolle, nur um dann beim Schauen doch immer wieder die gleiche Ernüchterung zu verspüren. Ich mag den Film ja trotzdem, aber das vorsichhin plätschern entwertet die vielen tollen einzelnen Szenen und Momente dann doch in gewisser Weise. Immer noch ein schöner FIlm und vor allem auch einer, der wie kaum ein anderer sich wie Urlaub im Süden anfühlt. Aber eben auch einer, bei dem ich immer das Gefühl habe, dass er recht weit hinter dem bleibt, was eigentlich möglich gewesen wäre. Vielleicht liegt es tatsächlich auch ein wenig daran, dass der sonst auf den kontrollierten und bequemen Studiodreh schwörende Hitchcock hier so viel wie selten On Location gedreht hat und daher vielleicht nicht ganz so bei der Sache war wie gewohnt. Und ja, Cary Nussbraun ist wohl tatsächlich der Schauspieler mit der stärksten Sonnenbräunung in der Geschichte der bewegten Bilder. :D
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Hitchcock Thread

#651
Ihr könnt bezüglich "Über den Dächern von Nizza" (der deutsche Titel ist viel schöner!) sagen was ihr wollt, aber kaum ein Film hat einen besseren Start: Wenn Hitch auf die Karte mit der Aufschrift "If you love life, you'll love France" filmt, und dann hart auf ein schreiendes Frauenzimmer schneidet, muss ich jedes Mal laut auflachen. Das trifft mein Komik-Zentrum zu 100 Prozent. :mrgreen: Meine französischen Freunde mögen es mir verzeihen…
Prejudice always obscures the truth.

Re: Der Hitchcock Thread

#654
GoldenProjectile hat geschrieben:
24. September 2020 09:38
Einige sind ja der Meinung dass die Beziehungskiste zwischen Grant und Kelly mehr das Zentrum des Films sei als die eigentliche Juwelengeschichte, da kann ich bedingt zustimmen, weil im fertigen Film beides zusammen, ineinander verwoben funktionieren sollte
Das ist dann aber mehr deine Ansicht, und nicht die des Films. :wink: Ich finde Maibaum's Kommentar zu Lubitsch gar nicht so falsch, also das "Über den Dächern von Nizza" eigentlich fast mehr Lubitsch als Hitchcock ist. Als Liebeskomödie, die ganz um die teils sehr subtil-ironischen Spielereien von Kelly und Grant konstruiert ist, funktioniert das meines Erachtens alles prächtig. Ein richtiger Wohlfühlfilm und sehr erotisch, selbst für Hitch-Verhältnisse. Auch der Soundtrack klingt eher nach Melodram als nach großem Thrill und die Kriminalgeschichte ist nur der Aufhänger, der die Geschichte anfangs in Gang bringen muss. Sobald Grant auf Kelly trifft ist das alles nicht mehr so wichtig, wird am Ende aber sehr hübsch wieder aufgenommen.

Es ist vielleicht ganz einer der fünf Top-Filme von Hitchcock, aber ich mag ihn sehr gerne: Die Charaktere sind exzellent gezeichnet, die Scharmützel sind wunderbar amüsant geschrieben (mit Pfiff!, möchte ich anmerken) und einige Szenen sind so kunstvoll inszeniert, ohne sich dabei je aufzudrängen --> man denke nur an die tolle Anfangsszene, wenn die Diebesserie durch eine schwarze Katze visualisiert wird, die von Dach zu Dach schleicht.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Der Hitchcock Thread

#655
Aus der Rubrik "GP's Jolly Hitch-Rewatch":

Trouble With Harry (1955) ist kein komödiantischer Brüller und wohl auch nicht mehr ganz so pechschwarz in seinem Humor, wie damals. Aber ich mag ihn durch das charmante Ensemble und die einlullende Herbstatmosphäre, ausserdem ist Herrmanns erster Score für Hitch sehr gelungen. Folglich punktet der Film vor allem durch die liebevollen Interaktionen der vier Hauptfiguren. Für Hitchcock nur eine kleine Fingerübung, aber eine mit Charme und Unterhaltungswert. 7 Punkte.

Shadow of a Doubt (1943) mochte ich früher nicht so, mittlerweile verstehe ich ihn besser auf der Ebene einer abgründigen und zerstörerischen Familiengeschichte und Hitchs Bildgestaltung ist teilweise formidabel, beispielsweise wenn die entzückende Teresa Wright die Bibliothek aufsucht und aus der dort gesichteten Zeitung die vermutliche Wahrheit über Onkel Charlie erfährt (der vom coolen Joey Cotten exzellent zum besten gegeben wird, warum war der coole Joey Cotten in den 40ern eigentlich kein Star vom Kaliber eines sagen wir mal Grant oder Bogie?). Was zwar unterhaltsam ist, aber mir oft immer noch nicht so recht zur nihilistischen Prämisse passen will ist die Skurrilität einiger Charaktere, zum Beispiel die neunmalkluge und belehrende kleine Schwester oder der exzentrische Nachbar, der immer wieder beim Abendessen auftaucht. Und das Ende lässt ein bisschen nach, das geht zu lang und hätte ominöser bleiben können. Trotzdem noch starke 7,5 Punkte.
We'll always have Marburg