Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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danielcc hat geschrieben:
Genau, hätte es in DAF doch nur einen guten Dialog gegeben, gute Charaktere, intelligente Ideen, irgendwas innovatives, imposante Kulissen, weniger Dümmlichkeiten, einen motivierteren Hauptdarsteller, eine Dramaturgie ... ich bin sicher im Nu wäre DAF ein toller Film gewesen :?
Und um dann noch ein wenig Polemik ;) hinterherzuschieben, und da du ja MR so magst, ganz ehrlich, gegenüber MR ist DAF in diesen Punkten immer noch Gold für mich.

Außer den Kulissen, die aber in MR auch nur da sind, aber für den meisten Teil jegliche Wirkung verfehlen.

Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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Maibaum hat geschrieben:
danielcc hat geschrieben:
Genau, hätte es in DAF doch nur einen guten Dialog gegeben, gute Charaktere, intelligente Ideen, irgendwas innovatives, imposante Kulissen, weniger Dümmlichkeiten, einen motivierteren Hauptdarsteller, eine Dramaturgie ... ich bin sicher im Nu wäre DAF ein toller Film gewesen :?
Und um dann noch ein wenig Polemik ;) hinterherzuschieben, und da du ja MR so magst, ganz ehrlich, gegenüber MR ist DAF in diesen Punkten immer noch Gold für mich.

Außer den Kulissen, die aber in MR auch nur da sind, aber für den meisten Teil jegliche Wirkung verfehlen.
Ich glaube der glühende MR-Jünger bin eher ich als Daniel :D
Der große Unterschied zwischen DAF und MR ist für mich dass MR einfach ein in sich stimmiger Film ist. OK, DAF irgendwo auch aber eben nur als überzeichnete Satire. Und ob er wirklich bewusst so angelegt war bin ich mir nach wie vor nicht so sicher. Allerdings empfinde ich die skurrilen Charaktere und ihre witzigen Dialoge (vor allem natürlich Wint-Kidd) als die mit Abstand grösste Stärke des Films. Ansonsten ist da ja nun wirklich nicht viel zu holen und die in der Tat lahme Inszenierung ist nur ein Sargnagel mehr bei dem Film (Slumber Inc. lässt schön grüssen). Wäre der Film nicht so ungewöhnlich skurril, dann hätte er für mich kaum einen Reiz.
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Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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danielcc hat geschrieben:vielleicht könnte man den gleichen thread auch für Lazenby, Moore, Dalton und Brosnan machen. Naja, bei Moore wird es schwierig an eine Fortsetzung nach AVTAk zu denken...
wie sagt man so schön: 2 Dumme - 1 Gedanke: daran hatte ich auch schon gedacht!
Bei Moore hab ich aber an einen anderen Ansatz gedacht, voila:
Was wäre passiert, wenn Roger Moore 1968 die Bondrolle übernommen hätte und man den angedachten TMWTGG in Kambodscha gedreht hätte?
Da ist natürlich jetzt der Spekulation endgültig Tür und Tor geöffnet, weil man dafür überhaupt keinen realen Anhaltspunkt mehr benutzen kann, ein deutlich jüngerer Moore und ein vermutlich mit ganz anderen Elementen ausgestatteter TMWTGG. Man müsste natürlich auch voraussetzen, dass Kambodscha nicht in die Wirren des Vietnamkrieges mithineingezogen worden wäre.

Moore war seinerzeit ja durch Simon Templar ein sehr bekannter und beliebter TV-Star und hätte als Bond ohne Zweifel sicherlich eine wesentlich bessere Akzeptanz erhalten als Lazenby. Allerdings darf man natürlich nicht vergessen, dass bis einschliesslich YOLT die Figur James Bond für die Öffentlichkeit untrennbar mit Connery verbunden war. Ein Einstieg 1968 wäre für Moore also sicher wesentlich schwerer gewesen als 1972. Der Fehlversuch mit Lazenby und das eher schwache Comeback von Connery haben es Moore in echt wesentlich leichter gemacht in die Bondrolle zu schlüpfen. Ich glaube dannoch, dass er aufgrund seiner Präsenz und seines Bekanntheitsgrades das Publikum überzeugt hätte. Wie hätte TMWTGG 1968 ausgesehen? Sicherlich ganz anders als 1974, ich sehe da eher eine Mischung aus YOLT und LALD vor meinem geistigen Auge. Wesentlich mehr Exotik und Glamour als in den ersten beiden Moorebonds in echt. Da die Einspielergebnisse damals schon rückläufig waren hätte wohl auch TMWTGG etwas weniger eingespielt und der Folgefilm (OHMSS?) wäre dann schon eine echte Nagelprobe für Moore geworden. Moore in OHMSS ist natürlich ein ziemlich verwegener Gedanke, aber wenn man daran denkt dass er gerade in den Szenen mit Solitaire in LALD seine Rolle recht einfühlsam spielt hätte das durchaus auch funktionieren können.
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Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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Maibaum hat geschrieben:
AnatolGogol hat geschrieben: Da du die gesamt Qualität des Films auf die Inszenierung reduzierst heisst das aber nix anderes, als dass ein guter (Bond-)Film nur von der Qualität seines Regisseurs abhängig ist. Oder von der "Tagesform" seines Regisseurs (da Hamilton mit GF und LALD ja bewiesen hat, dass er es besser kann). Alle anderen Elemente sind demnach nachrangig und quasi austauschbar? Da kann ich nicht folgen, gerade bei DAF...
Nö, nicht komplett, aber die Inszenierung ist schon das wichtigste. Schließlich geht es hier um Filme und nicht um Bücher, in denen die Geschichte schon eine vergleichswesie größere Bedeutung hat.
Aber das ist auch ein sehr umfassender Begriff der die Schauspielerführung, die Art wie Dialoge gesprochen werden, die Rhythmisierung der Szenen, die Länge der einzelnen Szenen im Verhältnis zueinander, die Kameraführung und ähnliches beinhaltet.

Übrigens finde ich GF auch in seinen Höhepunkten schwach inszeniert, und deswegen gibt es für mich auch 8 bessere Bonds als GF, obwohl GF eine sehr clevere Handlung (wenn auch kein imposantes Ende) hat und mit die besten Dialoge und auch schauspielerisch zum Besten der Serie gehört. Aber stilistisch gibt er mir nicht genug.
Was DAF dann schwächer als GF macht ist das eben die "sonstigen Elemente" uninspirierter daherkommen als in GF.

Jedenfalls sind alle anderen Elemente nicht austauschbar, aber dem Stil untergeordnet. Diese anderen Elemente müssen in einem wirklich guten Film natürlich auch funktionieren, aber mehr in dem sie dem Stil dienen. (Deswegen ist QOS auch in einer anderen Dimension für mich)

LALD ist übrigens tatsächlich der einzige Hamilton Film der auch stilistisch funktioniert.
Und interessanterweise (und glücklicherweise) sind die von der Regie her besten Bonds auch die in denen dann die "anderen Elemente" am Besten rüberkommen. Aber vielleicht bedingt (bzw. inspiriert) ja das Eine das Andere.
Hab mir gerade beim Geschirrabtrocknen nochmal meine Gedanken zum Thema Bondfilme und ihre Inszenierung/Regisseure gemacht. Für mich ist bei allen Bondfilmen die Inszenierung nur ein Punkt unter vielen, im Idealfall unterstützt die Inszenierung das gute Grundgerüst und eine ideenreiche Story. Im schlechten Fall macht eine verkorkste Inszenierung den Film lahm und langatmig. Die Regisseure der Bondfilme sind für mich in erster Linie gute, solide Handwerker aber keine wirklichen Regiekünstler, die es verstehen einem Film unverkennbar ihren Stempel aufzudrücken. Keinem der bisherigen Bondregisseure ist dies bislang wirklich gelungen. Ausser vielleicht Forster, aber da ich sowohl seine Inszenierung und die visuelle Gestaltung von QOS als völlig daneben empfinden wie auch den Film an sich als Gurke ansehe ist dies natürlich eine sehr zweifelhafte Ehre. Andererseits kann ich nach deinen Ausführungen jetzt wesentlich besser verstehen, warum QOS für dich so ein Sonderstellung innerhalb der Bondserie einnimmt. Das tut er auch sicher, wobei nur die Frage ist wie man seinen qualitativen Wert einstuft.

Aber um noch mal zum Thema zu kommen: einen wirklich prägenden Regisseur mit einem eigenen Stil gab es abgesehen Forster in den Bondfilmen bis dato nicht und genau das ist eben auch der Punkt, warum für mich die Inszenierung allerhöchsten unterstützenden Charakter innerhalb der Bondfilme hat. Gerade die Bondfilme leben für mich von wesentlich mehr als nur von der Führung des Herren auf dem Regiesessel.
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Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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AnatolGogol hat geschrieben:
Ich glaube der glühende MR-Jünger bin eher ich als Daniel :D
Uuupsie, große Entschuldigung, ich hatte gedacht die Antwort wäre ebnfalls von dir gewesen. Jedenfalls war sie klar an dich gerichtet, nicht an Daniell.

Ich sehe übrigens DAF nicht als überzeichnete Satire. Für mich sind da nur die nun verstärkt auftretenden, und bewußter eingesetzten selbstparodistischen Elemente, die in den Moore Bonds auch zu oft ins Flache abgleiten.

Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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@AnatolGogol

Leider hat die Ausführung meiner Gedanken etwas mehr Zeit in Anspruch genommen als ich ursprünglich vorgesehen hatte, so dass ich mich erst jetzt wieder ins Geschehen einklinke.

Da ich vor einigen Jahren im anderen deutschsprachigen Bond-Forum eine ausführliche Hypothese hinsichtlich eines "Was wäre gewesen wenn George Lazenby einem sieben Filmevertrag als Bond-Darsteller nachgekommen wäre" verfasst habe, werde ich meine nachfolgenden Gedanken auch im anderen Forum unter einem eigenen Thread mit einem Kurzhinweis schalten.



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Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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Teil I - Ist-Analyse: »Das Bond-Franchise im Jahre 1967 – ...«


Betrachtet man die weltweiten Boxoffice-Triumphe, welchen die offizielle Bond-Filmreihe in den Mittsechziger feiert und ist man als Fan sich über das Heer der Trittbrettfahrer und Nachahmungstäter bewusst, den die Erfolgswelle nach »Goldfinger« (1964) und »Thunderball« (1965) mit sich zog, lässt sich der exorbitante Aufwand, der in »You only live twice « (1967) betrieben worden ist, als Kampfansage gegen all jene verstehen, die ihren Teil vom Kuchen frech abschmarotzen wollen.
Die Serie ist zu diesem Zeitpunkt alleiniger Marktführer im Zenit des Action- und Agenten-Filmsegmentes und gibt in ihrem Genrebereich als Ideengeber den Ton an, dem sich die Konkurrenz sowohl auf den großen Leinwänden als auch auf der kleinen Mattscheibe unterordnet.

Der Gigantismus, der sich im fünften offiziellen Serienbeitrag aus dem Hause EON vor allen im Adam’schen Überset des Vulkanverstecks und der elegischen Filmmusik John Barrys ausdrückt, werden zu den herausragenden Qualitätsmerkmalen dieser Aufwandsepisode, an der sich spätere Film-Abenteuer des Agenten auch immer mal wieder messen lassen müssen. Die Handlung des Films erinnert dagegen eher an eine scheinbare Art Umsetzung von einem der ersten »Tim und Struppi«-Geschichten von Hergé und fällt durch gravierende Plotlöcher auf, die oft bar jeder Logik sind. Das Schauspieler-Ensemble geht im überbordenden Prozedere des ganz auf Spektakel bedachten Werkes völlig unter, so dass einzelne Elemente am Ende mehr wert sind als das gesamte Werk und man von Produktionsseite sich darüber im Klaren ist, dass der Aufwand hinsichtlich exotischer Drehorte und der für die Serie nun typischen Großsets in der nächsten Folge nicht weiter gesteigert werden kann.

Mit der Verkündung Sean Connerys bei der Londoner Premieren-Aufführung gegenüber Queen Elizabeth II, dass er Ian Flemings Star-Agenten nicht gedenke, im nächsten 007-Film erneut zu verkörpern, trennen sich die Wege zwischen dem Filmstar und den beiden Erfolgsproduzenten Harry Saltzman und Albert Romolo Broccoli erst einmal (– wobei der Spruch »Man sieht sich immer zweimal im Leben« wahrscheinlich im Deutschen auch ein sehr gelungener selbstironischer Titel für Connerys erste Rückkehr in dieser Rolle geworden wäre.)

Die Beweggründe Sean Connerys aufzuhören sind zu diesem Zeitpunkt vielfältig:
Zum einem sorgt der internationale mehr als übertriebene Medienrummel um seine Person im Zusammenhang mit dieser Filmrolle dafür, dass der Star kaum ein vernünftiges Privatleben in der Öffentlichkeit ausüben kann. Diesem Druck hält auf Dauer auch seine Ehe mit Diane Cilento nicht stand.
Das zwischenmenschliche Klima gerade zum Koproduzenten der Serie, Harry Saltzman, erweist sich auf Dauer als total gestört.
Der eigene Wertanspruch an seine Person in Zusammenhang mit dieser Filmrolle im Fokus der Öffentlichkeit und dem finanziellen Erfolg an den internationalen Kinokassen lassen Sean Connery im Vergleich zu Kollegen wie Richard Burton hinsichtlich der monetären Entlohnung schlechter dastehen, was den Schotten sehr verdrießt.
Die Angst ausschließlich mit nur dieser einen Filmrolle beim Publikum anzukommen und akzeptiert zu werden, wird für den Schauspieler zu einer nicht ungerechtfertigten paranoiden Belastung, der er versucht dadurch zu entkommen, dass er außerhalb der Serie sehr konträre Rollen zu dem von ihm aufgebauten Helden-Image des James Bond-Charakters annimmt.
[Ähnlich verhält sich übrigens später auch Christopher Reeve nach seinem Durchbruch in der Rolle als »Superman«.]


Der Beweis, dass das Produzieren von 007-Filmen nicht ausschließlich alles für ihn ist, zeigt sich darin, dass Co-Producer Harry Saltzman schon ab »Thunderball« verstärkt schon dabei war und ist, neben der Agenten-Serie um den Jetsetter und lasziven Playboy Bond parallel mit der Verfilmung des intellektuell angehauchten Spion Harry Palmer eine zweite Reihe zu installieren mit einem weiteren angehenden Darsteller-Star aus der Riege der britischen „Angry young men“ – Michael Caine.
Nach »Ipcres File« (1965), »Funeral in Berlin« (1966) und »Billion Dollar Brain« (1967) wird Harry Saltzman den Briten Michael Caine auch noch in weiteren Produktionen wie »Play Dirty« (1968) und »The battle of Britain« (1969) als Hauptdarsteller verpflichten. Bedenkt man, dass Caine in der Rolle als Alfie (1966) auch als Womanizer Furore gemacht hat, erscheint es schon gerade zu blasphemisch, dass man von Seiten der Produzenten nie in der Öffentlichkeit darüber spekuliert hat, ihm die Bond-Rolle als Nachfolger Connerys anzubieten, als man in den Jahren 67 und 68 auf der Suche nach einem neuen Darsteller war.
[In dieser Hinsicht kommt Michael Caine dieser Tage übrigens noch zu späten Ehren: In ]Pixars »Cars 2« (2011) hat der Mime die Sprechrolle des Finn McMissile übernommen; ein Auto welches an Bonds 64er Aston Martin DB5 angelehnt ist und als britischer Staragent fungiert. :D]


Mit dem Weggang Sean Connerys scheint man von Seiten der Produzenten sich bewusst ein bisschen mehr Zeit nehmen zu wollen, da sowohl die Suche nach einer passenden Location für Blofelds Alpenversteck sich als problematisch erweist als auch das Ausfindigmachen des nächsten Hauptdarstellers. Bekannte US-amerikanische Protagonisten wie Adam West oder Clint Eastwood lehnen ab mit der Begründung, dass der Part zu sehr mit Sean Connery ausgefüllt worden sei, so dass sie mit ihrer eigenen Performance in dieser Rolle nur ‚verlieren’ könnten gegen die gewaltige über die Jahre gewachsene Überdominanz, die das weltweite Publikum dem Vorgänger geschenkt hat und mit dem sie diesen identifiziert.

Auch scheint sich langsam eine Übersättigung hinsichtlich der andauernden Agenten-Welle im Kino und auf den Bildschirmen abzuzeichnen.
Anglo-amerikanische TV-Serien wie »The man from U.N.C.L.E.« mit Robert Vaughn und David McCallum, »Danger Man« und »The prisoner« mit Patrick McGoohan, »I Spy« mit Robert Culp und Bill Cosby laufen 1968 aus.
Langlebige britische Erfolgsserien wie »The Avengers« mit Patrick Macnee und »The Saint« mit Roger Moore werden 1969 aus dem Programm genommen. Für Mel Brooks Agenten-Satire »Get Smart« mit Don Adams kommt im September 1970 das Aus.
Die 69 erst begonnene Serie »Department S« und der daraus entstehende Spinoff »Jason King« mit Peter Wyngarde erweisen sich als Kind ihrer Zeit und schaffen es bis 1972.
»Mission Impossible « mit Peter Graves feiert als letzter klassische Genrebeitrag aus den Sechzigern bis 1973 Erfolge bevor auch diese Serie dann (erst einmal) vorübergehend abgesetzt wird.
Weibliche Konkurrenz-Produktionen wie »Honey West.« mit Anne Francis oder »The Girl from U.N.C.L.E.« mit Stephanie Powers haben als Nischenableger dieses Genres noch weniger Zulauf, so dass sie schon nach wenigen TV-Staffeln frühzeitig wieder aus dem Programm genommen werden.


Mit einer PR-Kampagne, die angeblich die Suche nach Scarlett O’Hara für die in den Dreißigern anstehende Verfilmung von Margaret Mitchells Erfolgsroman »Gone with the wind« in den Schatten stellen soll, versucht man das Interesse an der Bond-Filmreihe mediengerecht in der Öffentlichkeit wach zu halten und man überrascht schließlich am Ende mit einem Nobody, den keiner auf dem Schirm hatte – George Lazenby, ein 29jähriger Australier, der vorher als eines der bestbezahlte Modelle Großbritannien gearbeitet hatte und Filmerfahrung gerade Mal in Werbeclips als Werbeträger für eine Schokolade erlangt hatte.

Mit der Verpflichtung des ehemaligen Cutters der Filmserie, Peter Hunt, zum Regisseur von »On her Majesty’s Secret Service« geht man von Seiten der Filmproduzenten somit gleich ein doppeltes Risiko ein, weil dadurch zwei unbeleckte Neulinge sich beweisen müssen. Während Peter Hunt zwar die internen Abläufe der Produktion wie kein zweiter Mitarbeiter in- und auswendig kennt, hat er es sich in erster Linie zur Aufgabe gemacht sein Erstlingswerk zu einer größtenteils werktreuen Buchadaption von Flemings Roman zu machen.
Während die vorangegangen Filme der Reihe immer versucht haben leichte Zeitbezüge und weltpolitische Befindlichkeiten in das jeweilige Abenteuer zu integrieren, negiert Peter Hunt diese Aspekt völlig und präsentiert am Ende ein Werk, welches ausschließlich in einem eigenen Bond-Universum spielt. In einer Zeit in der sich in Europa und Amerika ein ganzes Weltbild und das Bewusstsein bestimmter Bevölkerungsgruppen gravierend wandelt, schließt der Film diese Aspekte völlig aus und lebt in einem eigenen Kokon. Im Rückblick erkennbare Modesünden dieser Zeit sowie der Hinweis auf eine stattgefundene Maul- und Klauenseuche gehören zu den wenigen Zugeständnisse an die weltlichen Problematiken jener Tage. Während in Europa Protestbewegungen gegen kapitalistische und gesellschaftliche Ordnungen Änderungen hervorbringen, kommt bei Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung die Frage nach dem Sinn eines gerechten militärischen Engagements in Vietnam auf, nachdem sich das Weltbild vom guten Weltpolizisten immer mehr ins Negative verkehrt.

Auch wenn »On her Majesty’s Secret Service« durch neuartige Innovationen bei nie zuvor gezeigten Actionszenen auf der Leinwand von sich Reden machen kann, hat die zu lang anhaltende Produktion von rund neun Monaten zu viele Narben bei verschiedenen Beteiligten vor und hinter der Kamera hinterlassen. George Lazenbys schauspielerische Unerfahrenheit am Set, sein Glaube mit diesem Film ein gemachter Mann in der Branche zu sein, und Peter Hunt, der seinen Hauptdarsteller nicht vernünftig ‚handeln’ zu weiß, führen dazu, dass beide für immer aus diesem Franchise ausscheiden werden. Gerade Lazenbys Aussage vor Start des Films nicht noch einmal als James Bond auf die Leinwand zurückzukehren, unterminiert zusätzlich seine eigene Arbeit als auch seinen beruflichen Weiterverbleib in der Filmindustrie.
Der Film bleibt so hinter den finanziellen Erwartungen zurück und braucht 18 (!) Monate, bevor er in die schwarzen Zahlen kommt.

Parallel kommt hinzu dass zu Ende des Jahrzehnts die Filmindustrie in Hollywood in große finanzielle Schwierigkeiten gerät und man den Geschmack des zahlenden Publikums immer weniger weiß konkret einordnen zu können. Zahlreiche andere teure Großproduktionen spielen ihre Kosten nicht ein, während manche Independentfilme, wie »Easy Rider« zum unerwarteten Kassenknüller avancieren.

Mit Hilfe von Wiederaufführungen älterer 007-Streifen zeichnet sich für den Verleih United Artists als Financier der Serie ab, dass die Zuschauer Bond nicht völlig abgeschrieben haben, sondern dass bestimmte Ingredienzen weiterhin gewünscht sind, man jedoch mit dem bisherigen Konzept nicht so locker weiterfahren kann.
Die Verpflichtung von Tom Mankiewicz als neuen Drehbuchautor, der frische Ideen ins Franchise bringen soll, ergibt eine gravierende Richtungsänderung in der Machart der Filme.
Während Broccoli und Saltzman als Kreative, welche die Serie auf Bestellung fertigen, mit John Gavin als ihren nächsten Bond-Darsteller aufwarten wollen, bekommen die verantwortlichen Geldgeber für die Filmproduktion kalte Füße und intervenieren bei der Wahl des neuen Hauptdarstellers.
Da zu diesem Zeitpunkt die Serie an einem Scheidepunkt steht, wird sich mit der geplanten Verfilmung von »Diamonds are forever« entscheiden, ob ein Fortbestand der Reihe im Kino stattfinden wird oder ob man das Produkt abschließend auf den Bildschirm überträgt wie das später etwa mit »Shaft« der Fall sein wird. Bei dieser Alles-oder Nichts-Rechnung entschließt der Verleih sich Sean Connery mit einem Angebot zurückzuholen, welches nach Mario Puzo Eines ist, welches der Schauspieler nicht mehr ausschlagen kann. Endlich sieht der Schotte sich am Ziel seiner Wünsche angelangt. Obwohl er schon für den Western »Shalako« über eine Million Gage eingestrichen hat, wird ihm endlich dass zu teil , was er als gerechten Verdienst für sich ansieht. Er wird somit zum Vorreiter anderer späterer Gagenabschlüsse für Stars wie etwa Jack Nicholson, der für seine Rolle als Joker in Tim Burtons »Batman«-Verfilmung mit über $ 50 Millionen nach Hause geht, oder für Tom Hanks, der bei «Forrest Gump« noch mehr Geld für sich rauszuholen weiß.

Interessanter Weise begibt man sich nach der Verpflichtung von Sean Connery in Medias Res und obwohl man nicht weiß, ob es am Ende dem Zusammenwirken von Guy Hamilton, Tom Mankiewicz und Sean Connery zu verdanken ist, dass für den Fortbestand der Serie gravierende Korrekturen vorgenommen werden, die den Erhalt sichern und den ersten Film der Reihe zeigen, der sich nicht mehr an seinen eigenen Vorlagen ausschließlich orientiert sondern Einflüsse aktueller anderer Filmproduktionen wie ein nasser Schwamm aufsagt und als etwas eigenständig neues präsentiert. Dabei scheint man sich erst einmal ausschließlich auf den US-amerikanischen Markt zu konzentrieren.

Als erstes wichtiges Element wird die Helden-Performance heruntergefahren. Der Bond, der Sechziger in der Gestalt Sean Connerys, steht für ein Heldensymbol einer Lebenskultur und für eine Staatsmacht, in welcher der US-Bürger unter der Ägide eines Richard Nixons immer weniger Vertrauen fasst. Nicht von ungefähr agiert Bond erstmalig gegen die offiziellen Vertreter des Gesetzes, um in seinem neuen Abenteuer Anklang beim Publikum zu finden. Mit dem weitergehenden Dauereinsatz in Vietnam wandelt sich das Bild der US-Gesellschaft gegenüber seinen Rechtsvertreter und der Staatsmacht gravierend und nicht ohne Grund bevölkern Anfang der Siebziger Antihelden die Leinwand des Kinos. Zu den bekanntesten Film-Ikonen dieser Phase avancieren die unmoralisch und außerhalb des Systems agierenden polizeilichen Gesetzeshüter James ‚Popeye’ Doyle, dargestellt von Gene Hackman in »French Connection« (1971) und Clint Eastwood als »Dirty Harry« (1971). Beide nehmen das Gesetz auf ihre Art und Weise in die Hand und bedienen sich ganz „lustig“ einer sehr eigenen Lizenz des Tötens ohne dafür vor dem Gesetz zur Verantwortung gezogen zu werden.

Trotz obligatorischer Anmachsprüche des Bond’schen Connery wird eine erotische Stimmung bei den Sexszenen auf Null in »Diamonds are forever« gefahren. In Zeiten freier Liebe scheint die Zigarette danach cooler zu wirken als die obligatorische Piepshow aus vergangenen Promiskuitätstagen.

Die zynisch bekannten Oneliner der Sechziger werden auf die Charaktere Wint und Kidd übertragen, während Bond zum clownenden Wortagitator abstrusen, amerikanischen Schmalspurwitzes verkommt.

Zusätzlich übernimmt man zahlreiche Merkmale, welche die Zuschauer an anderen stark frequentierten aktuellen Filmproduktionen zu schätzen wissen und integriert sie in Guy Hamiltons zweite Regiearbeit für Bond. So ist die überzogene Brutalität ein Zugeständnis an den aktuellen Zuschauergeschmack, der Werke wie Stanley Kubricks »A clockwork Orange« oder Roman Polanskis »Shakespeares: The tragedy of MacBeth« konsumiert, die eine Welt zeigen, welche durch die täglichen Kriegsverbrechen in Vietnam, die in den Medien aufbereitet werden, sich immer tiefer ins kulturelle Bewusstsein der Menschen eingräbt. Die Erkenntnis, als Einzelner so gut wie nichts gegen solchen Irrsinn ausrichten zu können, schlägt sich in Defätismus um, den Literaten und Kabarettisten am ehesten dann in ihren zeit- und sozialkritischen Darstellungen in die Form der Satire verkleiden. Satirische Filme wie »Catch 22« (1970), »M.A.S.H.« (1970) oder b]Stanley Kubricks[/b] »A clockwork Orange« (1971) kristallisieren sich in dem Zeitraum als Publikumsmagneten heraus.

So integriert »Diamonds are forever« diese zeitaktuellen Mode-Erscheinungen anderer Filmerfolge in eigener Sache und präsentiert als Konsequenz eine eigenständige Satire, die Ende 1971 anscheinend den aktuellen Gefallen vieler Zuschauer findet, an dessen Ende ein weltweites Einspielergebnis von über $ 116 Millionen steht.
So ist »Diamonds are forever« der erste Bond-Film, der rein auf seine Zeit den aktuellen Geschmack seines Jahrgangs getroffen hat, der sich aber zahlreichen nachfolgenden Generationen verschließt und somit nicht zum zeitlosen Klassiker, sondern zu einem in seinem Zeitfenster verhafteten Pulp-Produkt geworden ist, dem der eine Fan etwas abgewinnen kann, während der andere mit einem rätselhaften Fragezeichen zurückbleibt.
Entscheidend bleibt der Punkt, dass »Diamonds are forever« als finanzieller Rechtungsanker für die Serie gegriffen hat und schon anderthalb Jahre später ein weiteres Epos im neuen Gewand der leichten Komödie mit einem erstarkten positiven Helden die Leinwände unsicher machen konnte, der mit einem erneuten Darstellerwechsel von nun eine jüngere Zuschauergeneration ansprechen und an sich binden sollte.


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Zuletzt geändert von photographer am 1. März 2011 18:24, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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Teil II - Hypothese: »Sean Connery als Hauptdarsteller im sechsten offiziellen Bond-Beitrag der Serie – und Roger Moore wäre niemals Bond danach geworden...«


Driften wir nun also ins Reich der Spekulationen und fiktiver Wünschgedanken ab:
Gesetz den Fall, dass die Produzenten der Bond-Serie und ihr Verleiher mit Sean Connery nach dessen Absage doch noch ein zufrieden stellendes Arrangement im gegenseitigen Einvernehmen gefunden hätten, mit dem jeder hätte leben können, ist zu vermuten, dass eine Verfilmung von »On her Majesty’s Secret Service« als Endprodukt einen anders gearteten Film in vielerlei Hinsicht ergeben hätte.
In erster Linie wäre es wohl auch hier um Connerys Gage gegangen, welche ihn so oder so zum Bestverdiener des Jahres in den Medien hätte aufsteigen lassen müssen, so wie auch um Mitspracherechte bei der Besetzung von Leuten vor und hinter der Kamera, sowie einer realistischen Begrenzung an Drehtagen, für die er zur Verfügung zu stehen hätte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Peter Hunt den Posten des Regisseurs nach »You only live twice« - wie mit den Produzenten im Vorfeld vereinbart - automatisch zugesprochen bekommen hätte, wäre wohl eher unwahrscheinlich gewesen, da nicht nur der Hauptdarsteller, sondern auch noch Verleih ein Mitspracherecht gehabt hätte. Wer weiß ob Sean Connery auf eine Rückkehr von Terence Young gepocht hätte?
Bestimmte gereifte Arbeitsbeziehungen, die sich durch die lange Zusammenarbeit innerhalb der Serie ergeben hätten, wären auf jeden Fall erneut zum Einsatz gekommen. So wäre Bob Simmons als leitender Stunt-Arrangeur verpflichtet worden, da er in der realen Zeitleiste seiner Zeit Sean Connery nach Spanien zu den Dreharbeiten von »Shalako« gefolgt ist. Auch eine erneute Verpflichtung Ken Adams als Setdesigner und Ted Moore als Kameramann wären nicht aus zu schließen gewesen. Der Hang auch diesen Film mit Gadget-Spielereien erneut aufzupeppen, wäre wahrscheinlich wieder (maßlos) ausgelebt worden.
Das Drehbuch dürfte sich stärker von der Buchvorlage entfernt haben, obwohl man an einer Ermordung Tracys in den verschiedenen entstandenen Skripten nachweislich immer festgehalten hat. Statt der schwelgenden Hochzeitsfeier im Rosamunde Pilcher-Stil, wie sie Peter Hunt schließlich zelebriert hat, wäre die anonyme standesamtliche Trauung im kleinsten Familienkreise, wie sie Ian Fleming in der Buchvorlage präsentiert, eine Lösung gewesen, die eher in eine Connery-Bondfilm-Fassung gepasst hätte.
Dass Ernst Stravo Blofeld und Irma Bunt innerhalb dieser Filmepisode von einem Connery-Bond ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, ist nicht völlig unrealistisch, da dies in verschiedenen Drehbuchentwürfen erwähnt wird und somit dass Ende des Romans nicht automatisch als Maß aller Dinge in betracht gezogen worden ist, und ich auch glaube, dass der Exitus des Bösen in einem Bond-Film ein positiveres Echo beim Zuschauer hinterlässt, wie es schließlich auch Martin Campbell in»Casino Royale« 2006 umgesetzt hat
Auch vermute ich, dass Sean Connery mit diesem Film seinen definitiven Abschied in der Serie gefeiert hätte, außer ihm wäre eine Teilhaberschaft als Produzent angeboten worden, auf die sich aber Broccoli und Saltzman niemals eingelassen hätte.
Wäre »On her Majesty’s Secret Service« quasi anderthalb Jahre nach »You only live twice« im Dezember 1968 in die Kinos gebracht worden, welches einem identischen Zeitfenster zu »Thunderball« entsprochen hätte, hätte man das Problem gehabt, dass der Start mit Alistair MacLeans Romanverfilmung »Where eagles dare« (dt Titel »Agenten sterben einsam«) zusammengefallen wäre und gravierende Parallelitäten innerhalb beider Filmwerke doch zum einem Interessenkonflikt an der Kinokasse geführt hätten. Vermutlich wäre dann der Start eines Films verschoben worden.

Gemäß meiner Prämisse, dass Sean Connery als James Bond für den nächsten Filmbeitrag nicht zur Verfügung gestanden hätte und Roger Moore aufgrund anderweitiger Verpflichtung die 007-Rolle niemals hätte übernehmen können, ergeben sich für mich für die angehenden Siebziger folgenden optionalen Gedankenspiele.

Berücksichtigt man die verschiedenen Befindlichkeiten in Europa und den USA ergibt sich Anfang Siebzig für mich folgendes Bild:
Die zerrissene, frustierte Selbstbildnis und Eigenverständnis der US-amerikanische Seele gegenüber der eigenen Weltpolitik, bringt wie schon im Vorfeld von mir erläutert, verstärt den Typen des Antihelden zum Vorschein, wobei der uramerikanische Westernheld zum zeitgemäßen urbanen Großstadthelden modifiziert wird, der das Gesetz selber in die Hand nimmt.
Charles Brosnan mutiert so zur erfolgsreichsten US-Action-Ikone der Siebziger, wobei »Death wish« (1974) (dt. Titel »Ein Mann sieht rot«) den verqueren Höhepunkt dieser gesellschaftspolitischen Wahrnehmung einnimmt.
Neben den selbstjustiziaren Epen sind es Literaturverfilmungen, sowie das Genre des Katastrophenfilm-Spektakels, die sich beim amerikanischen Publikum bis Mitte der Dekade besonderer Beliebtheit erfreuen. Beginnend mit »Airport« (1970) folgt 1972 »The Poseidon Adventure«. »Earthquake« und »The towering inferno« entwickeln sich 1974 zu den Überkrachern der Saison und werden die Boxoffice-Hits des Jahres. »The Hindenburg« (1975), »The Cassandra crossing« (1976) leiten dann den Niedergang ein, da auch die Effekte nicht ganz so perfekt erscheinen. Zum absoluten Desaster entwickelt sich zum Ausklang des Jahrzehnts schließlich Ronald Neames »Meteor« 1979.
Diesem Film-Phänomen erweisen die Bond-Filme jener Tage übrigens ihren Respekt. Nicht von ungefähr werden die Destruktionsorgien von Scaramangas Schurkenversteck und der Untergang der Liparus weitaus effektvoller und langatmiger in ihrer Zerstörung in Szene gesetzt als dies bei vorangegangenen Bösewichtsbastionen innerhalb des Franchises der Fall war.

Basierend auf diesen Überlegungen hätte ich mir gut einen Richard Burton als Nachfolger Connerys in der Rolle des toughen Bond-Guys für drei Filme vorstellen können – vorausgesetzt die Produzenten wären nicht zu geizig gewesen, die geforderten Gagen zu berappen. Auch ein Albert Finney als weiterer Vertreter der „Angry young men“ wäre keiner uninteressante Wahl gewesen. Beides natürlich Darsteller, die einen älteren Bond-Typus repräsentiert hätten, welche dem Thema der Genußsucht hinsichtlich übermäßigen Alkoholkonsums eine interessante Randnote vermittelt hätten.

Mit dem endgültigen Abzug der Amerikaner aus Vietnam und benachbarten Konfliktherden und dem Eingeständnis diesen Waffengang definitiv verloren zu haben, sowie dem erzwungenen Rücktritt Richard Nixons, wandelt sich auch das Konsumverhalten an den US-amerikanischen Kinokasse. Statt gebrochener Charaktere und „Filmen mit moralisch getränkter Botschaft“ sehnt sich das Publikum nach Märchengeschichten und dem Guten im Menschen.
Die Mär’ vom infantilen ehrlichen Underground-Dog Rocky, der im gleichnamigen Boxerdrama die Chance seines Lebens bekommt, definiert in Ansätzen ein neues Weltbild der amerikanischen Seele. Mit »Star Wars« (1977) als verdeckter Metapher auf den Vietnamkrieg mit umgedrehter Heldenstruktur – „Charly“ als Guter gegen das böse Imperium nixon’scher Prägung und der im darauf folgenden Jahr entstehende »Superman« (1978) komplettieren das neue Wunschbild des Amerikaners in der weltweiten Öffentlichkeit.

Nehme ich noch einmal den Tatbestand außen vor, dass Roger Moore für die Bond-Serie niemals zur Verfügung stehen könnte, und um von den typischen bekannten Denkansätzen innerhalb der bekannten Angaben innerhalb der Serie mal ab zuweichen, wäre ich daher nicht abgeneigt, mir als einige jüngere Bond-Variante zu Beginn der Siebziger Michael York auszumalen.


Betrachtet man dazu den Erfolgsverlauf zu Begin der Siebziger in den Europäischen Kinos zeichnet sich zu den USA ein anderes Bild ab.

Während Jean Paul Belmondo als Frankreichs „Hans in Dampf in allen Sachen“ diese gesamte Dekade abwechselnd mit Rollen in Actionreißern als auch in Action-Komödien erfolgreich bedient, zeichnet sich auf dem europäischen Festland ein anderes neuartiges Filmphänomen ab. Dazu gleich mehr, da ich noch kurz einige Anmerkungen zu „Bebel“ machen möchte in Zusammenhang zur Bond-Thematik und Anverwandtem:
Der Film »Borsalino« 1970 zeigt Frankreichs damalige Superstars Jean Paul Belmondo und Alain Delon in ihrem ersten gemeinsamen Film: als Marseiller Gangster der dreißiger Jahre. Ihr erstes „Kennenlernen“ in diesem Buddy-Movie beläuft sich darin, dass dieses in einer wüsten Kneipenschlägerei endet, wo kein Tisch mehr auf dem anderen stehen bleibt und das angesägte Filmmobiliar vollständig in Mitleidenschaft gezogen wird. Wer sich die erste Begegnung von Danny Wilde und Lord Brett Sinclair in der englischen Krimiserie »The persuaders« vo Augen führt wird nicht umhinkommen, Parallelen zu erkennen.
Henri Verneuils französisch-italienischer Actionkrimi »Angst über der Stadt« 1975 präsentiert eine realistisch gehaltene Fußverfolgungsjagd über den Dächern von Paris, die vermutlich – auch – ein Ausgangspunkt für Marc Forsters Ausführungen ist, wenn er immer wieder darauf hinweist, dass er in »Quantum of solace« verstärkt gezielte Anleihen aus Werken der Siebziger eingebaut hat.
Amüsant und einem dem damaligen Zeitgeschmack angepassten zwinkernden Auge ist sicherlich auch Belmondos überzogene Antwort auf Bonds filmischen Venedig-Besuch in »Moonraker« 1979 zu werten, wenn er als „Der Puppenspieler“ 1980 seinen eigenen Boots-Auftritt im Hotel Danieli zelebriert.
Jean Paul Belmondos absolute Hommage an die alten Connery Bond-Filme entsteht schon 1973, als er in »Le magnifique« als heruntergekommener Autor François Merlin sich mit den Widrigkeiten des Alltags herumschlagen muss, die sein literarischer Alter-Ego Bob St. Clair auf James Bond-gemäße Art, wobei sich Fiktion und reale Außenwelt zwischen den Handlungs-Charakteren immer mehr vermischen. So wird mal kurzerhand in den Wunschvorstellungen des Autoren auf den Schreibmaschine der unverlässliche Monteur in einem gewaltigen Blutbad massakriert, während seine angebetete, neue Nachbarin im realen Leben den Avancen seines Verlegers ausgesetzt ist, die in der Romanwelt der Helden-Alter-Ego vor den Fängen diesen schmierigen Halunken bewahrt. Eine herrliche Persiflage auf das Bond-Franchise der Sechziger, die zu Ende leider etwas verliert.


Nun zu dem anderen westeuropäischen Filmphänomen jener Tage, welches auf dem Festland gewaltig einschlug:
Den Prügelorgien und Klamaukspäßen des Spaßduos Terence Hill und Bud Spencer, welche spätestens mit der Westernparodie »Vier Fäuste für ein Halleluja« 1972 zu den Überstars eine Zuschauergeneration werden, die bis zu Ende des Jahrzehnts wiederholt immer wieder riesige Erfolge sowohl in Soloprojekten als auch im Team einfährt.
Während Piere Brice nach elf Auftritten in seiner Identifikationsrolle des edlen Indianerhäuptling Winnetous zu Ende der Sechziger in der Leinwandversenkung verschwindet, können Terence Hill und Bud Spencer nach ihrem Erfolgsdurchbruch in »Vier Fäuste für ein Halleluja« in vielen Ländern Westeuropas über viele Jahr mit mehreren Projekten jedes Jahr Erfolge aufweisen, die gerade in Deutschland locker ein Zuschauerpublikum von einer Million aufwärts regelmäßig tragen.
Betrachtet man diesbezüglich die Kampfszene in Saidas Umkleideraum und die Prügelorgie vor Hai Fats Karateschule in »The man with the golden gun« mal in diesem Zusammenhang, kann man sich die Frage stellen, ob Guy Hamilton nicht nur den Karatefilmen von Bruce Lee hier seine ironische Aufwartung gemacht hat.

Diesbezüglich erklärt sich damit schon, warum die Moore-Bond-Ära auch schon zu Start in Westeuropa einen gelungenen zensiert hatte. Wer weiß, wenn Harry Saltzman seine Anteile nicht hätte verkaufen müssen, ob Guy Hamilton dann - gerade auch aus Loyalität zu Saltzman gegenüber – nicht auch »The spy who loved me« gemacht hätte, ähnlich wie Tom Mankiewicz dann vielleicht eher als Offizieller dabei gewesen wäre und nicht nur versteckter Consultant.
»The spy who loved me« Drehbuchautor Christopher Wood verweist übrigens in seinem Buch »The spy I loved« auf die Idee einen Panzerjagd in Norwegen hin, in der zahlreiche Polizeiautos zu Schrott gefahren werden, während er in seiner Filmadaption zum zehnten offiziellen Bond-Film er 007 ersten Auftritt mit einem Skiausflug in den Alpen so einleitet, dass der Geheimagent mit einer neuen weiblichen Bekanntschaft in einem Hubschrauber Richtung Chamonix fliegt um schließlich mit Skiern aus dem Heli auszusteigen. Was die Idee hinsichtlich einer weiteren Autoverschrottungs-Stampede in einem Bond-Film angeht, war dies noch absolut zeitgemäß, wenn man bedenkt, dass Hal Nedhams Roadmovie »Smokey and the bandit«) 1977 (dt. Titel »Ein ausgekochtes Schlitzohr« mit Burt Reynolds in der Hauptrolle der zweiterfolgreichste Film in den USA nach »Star Wars« war.
So kann man indirekt die Behauptung aufstellen, dass Guy Hamilton quasi mit der Autoverfolgungsjagd in Las Vegas in »Diamonds are forever« die Steilvorlage für die Konstellation des Hal Nedham Films erbracht hat, welche mit der Einführung der Figur des Sheriff Peppers seine erweiterte Fortführung im Bond’schen Kosmos erlebte, welcher im nachhinein sich als eine indirekte Fortfühung durch Jackie Gleasons Darstellung als Bufford T. Justice zu einer Art US-Ableger entwickelt, welcher drei eigenständige Filme und eine Fernsehserie hinter sich herzieht. Erinnert man sich dann noch, dass Guy Hamilton sich Burt Reynolds auch als Bond ausmalen konnte, war seine Weitsicht in dieser Hinsicht gar nicht mal schlecht.

Weicht man also mal von den bisher bekannten teils eingefahrenen Gedankenspielen ab, wäre ein Michael York als verjüngter Bond sicherlich eine interessante Alternative in den Siebzigern gewesen, der dem damals angesagten Typus des Softies voll gerecht geworden ist und der mit seinen späteren Rollen in den Musketierverfilmungen von Richard Lester und seinem Part in »Logan’s run« (1976) zum Angesagten Teenie-Star seiner Zeit geworden ist.

Nimmt man Albert R. Broccolis Befindlichkeiten mal aus, hätten die angehenden Achtziger dann sicherlich gut einem Lewis Collins zu Gesichte gestanden.


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Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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also wenn er mal loslegt, dann aber richtig... den ersten part habe ich durch. Kompliment!

Ein paar Punkte sind mir aufgefallen:
- warum hat OHMSS so lange gebraucht um schwarze Zahlen zu schreiben, wenn das Verhältnis Budget/Einspielergebnis praktisch das gleiche war wie bei YOLT? Also entweder lief der auch schon schwach oder OHMSS hat komischerweise VIEL länger gebraucht, um dann aber doch bei ähnlichen Zahlen zu landen. Ohnehin: Von Einspielergebnissen die das 11fache des Budgets sind, kann man seit vielen Jahren nur Träumen
- du hast es nichr extra erwähnt, aber ich glaube Connery hat bei DAF am Einspielergebnis partizipiert oder? Anders sind ja auch die Zahlen für Nicholson nicht zu erklären
-Das mit den gesellschaftlichen BEgründungen für die Entwicklung von DAF finde ich sehr interessant. So mag man die Verfolgung mit der Polizeit begründen, besser wird es dadurch aber nicht
- ist DAF wirklich brutaler als die Filme zuvor? ist mir nicht bewusst aufgefallen bisher

Jetzt bin ich gespannt auf den zweiten Teil, da ich nämlich die Verbindung DAF-LALD jetzt noch nicht ganz sehe...
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Was wäre passiert, hätte Connery nach YOLT weitergemacht

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photographer hat geschrieben:@AnatolGogol

Leider hat die Ausführung meiner Gedanken etwas mehr Zeit in Anspruch genommen als ich ursprünglich vorgesehen hatte, so dass ich mich erst jetzt wieder ins Geschehen einklinke.
Die Qualität deiner Beiträge macht die Wartezeit mehr als wett! :D Ich kann dich nur zu deinen Ausführungen beglückwünschen, hätten manche Doktorarbeiten die Qualität deiner Beiträge bräuchten bedeutend weniger Minister von ihrem Amt zurücktreten...

Ich wusste gar nicht, dass man Eastwood die Rolle angeboten hat. Erstaunlich, dass wäre ja allein schon einen eigenen Was-wäre-wenn-Thread wert! Gab es tatsächlich ein echtes Angebot von EON oder lehnte Eastwood vorsorglich via Medien ab um den Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen? Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an die Aussage von Burt Reynolds, der in einem Interview ebenfalls damals eine Übernahme der Bondrolle ausschloss mit den Worten „Ich weiss ich bin der beste Burt Reynolds. Ich wäre aber nur der zweitbeste Sean Connery.“

Die Spekulation mit Burton und Finney und vor allem natürlich der Verweis auf die Genusssucht war mehr als unterhaltsam zu lesen! :D Der „Alleskönner“ Finney, noch dazu in jungen Jahren, hätte sicherlich eine sehr eigenständige Interpretation der Rolle hingelegt. Aufgrund der schier unglaublichen Bandbreite an Rollen die Finney in seinem Leben schon verkörpert hat fällt es mir allerdings sehr schwer mir vorzustellen, wie er genau die Rolle angelegt hätte. Burton wäre 71 so abwegig nicht mehr gewesen, da seine Karriere sich damals ja bereits im Sinkflug befand und seine Gagenforderungen vermutlich seinerzeit bereits ein etwas niedrigeres Niveau angenommen hätten als noch 3 Jahre zuvor. Dick Burton wäre eine interessante Wahl gewesen, wobei man natürlich auch klar feststellen muss, dass er im Verlauf der 70er körperlich rapide abgebaut hat und spätestens ab Mitte der 70er als End-40er daherkam wie sein eigener Schatten (seine müden Auftritte in „Die Wildgänse kommen“ oder „Steiner-Das eiserne Kreuz Teil 2“ legen davon eindrucksvoll Zeugnis ab). Hätte also Bourbon pardon Burton die Rolle von 1971 – 1975 übernommen, hätten wir zumindest im letzten Film schon einen merklich abgewrackten Hauptdarsteller gehabt. Ob das wirklich vorteilhaft für die Zugkraft der Filme gewesen wäre (nicht umsonst hat Burton in den 70ern fast seine komplette Zugkraft verloren) ist mehr als fraglich. Burton um 1968, also direkt nach YOLT wäre allerdings eine prächtige Wahl gewesen. Eine ebenfalls großartige Alternative wäre Ende der 60er/Anfang der 70er Oliver Reed gewesen. Der passt noch dazu sehr gut in die Reihe der trinkfesten potenziellen Kandidaten. Reed hätte sowohl die raue Seite von Bond wie auch die elegante, kultivierte Seite sehr gut rüberbringen können. Auch schauspielerisch wäre da einiges möglich gewesen (OHMSS?). Interessant, dass alle drei genannten potenziellen Kandidaten schauspielerische Schwergewichte waren, was ja eher unüblich für die Bondrolle ist.

Mein Kompliment für die Idee mit Michael York, den hatte ich im Zusammenhang mit Bond überhaupt nicht auf dem Schirm. York ist nun nicht gerade als schauspielerisches Schwergewicht in die filmischen Analen eingegangen, aber ab 73 könnte ich ihn mir aber in der Tat sehr gut vorstellen, die D´Artagnan-Rolle in den beiden Lester-Filme ist ja praktisch die perfekte Bewerbungsmappe. Der Anfang 30er York, der damals ja aber fast 10 Jahre jünger rüberkam wäre in der Tat der perfekte Bond für die jüngere Generation geworden. Vermutlich hätten sich die Filme mit ihm vom Stil her gar nicht so sehr von denen von Roger Moore unterschieden. Ob er aber über mehr als zwei, drei Filme die Fans bei der Stange gehalten hätte? Ich bin skeptisch, da bekanntlich die Halbwertzeit von Jugendidolen doch recht kurz ist.

Der Belmondo-Verweis passt perfekt, für mich ist Belmondo in den 70ern/frühen 80ern eh so was wie „der bessere James Bond“. Es ist schon erstaunlich, auf welch hohem Niveau die Franzosen damals Actionkomödien produzierten, die Belmondofilme brauchen sich da wirklich nicht vor der Konkurrenz aus USA oder GB zu verstecken.

Der vielzitierte Lewis Collins wäre meines Erachtens aber eine sehr unglückliche und vermutlich auch wenig zugkräftige Wahl gewesen. Collins, der außer seiner zugegebenermaßen eindrucksvollen Rolle in den Profis nur noch durch debile B-bis D-Söldneraction aufgefallen ist als Zugpferd, dass die Serie durch die ohnehin schwere 80er-Jahre-Kinokonkurrenz führen soll? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das gut gegangen wäre. Auch habe ich etwas Probleme mir die Grundausrichtung der Bondfilme mit ihm vorzustellen. Sicherlich hätte man seine imposante Action-Präsenz als Basis genommen die Filme etwas tougher daherkommen zu lassen. Der Mooresche Klamauk wäre vermutlich ironisch-herben Machosprüchen gewichen. Klingt zwar auf dem Papier nicht schlecht, aber ob das Publikum den doch eher konturlosen Collins in der Rolle akzeptiert hätte?

Allerdings ist auffällig wie viele geeignete Schauspieler für die End-60er und 70er einem für die Bondrolle in den Sinn kommen, während einem für die 80er in der Beziehung nicht wirklich ein passender Kandidat einfallen will. Ab den späten 80ern hätte ich mir Liam Neeson sehr gut in der Rolle vorstellen können, für die frühen 80er wäre der junge Jeremy Irons eine interessante Idee. Aber ob gerade letzterer bereit gewesen wäre die Bondrolle zu übernehmen?
Zuletzt geändert von AnatolGogol am 1. März 2011 20:12, insgesamt 1-mal geändert.
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