DonRedhorse hat geschrieben: 4. Mai 2019 15:18
@Hille: Was hast Du denn erwartet, die Zeitreise-Geschichte war doch der einzig logische Schluss
Zeitreisen per se stören mich nicht. Aber der Film hing ab Minute 10 für mich dramaturgisch in der Luft. Die murksen gleich zu Beginn den Schurken ab, was allerdings auch dazu führt, dass dem Film bis zum dritten Akt ein Antagonist bzw. ein richtiger Konterpart fehlt, der dann natürlich passend vorm Showdown per extrem kompliziert herbei konstruiertem Deus Ex Machina wieder aus dem Hut gezaubert hat - nur leider ohne jeden Impact, da er die Leute überhaupt gar nicht kennt, die er da bekämpft (und ein großes Finale von 22 Filmen sollte nicht einseitig persönlich sein, da beraubt man sich sehr vieler Möglichkeiten).
Die Zeitreise war für mich schlicht extrem faul geschrieben. Im Ernst: Müssen die da 2 Stunden lang nur doofe Witze reißen (bei der Ausgangslage vor allem!), warum verhalten sich alle so selten dämlich? Wenn die Zeitreise eh keine Konsequenz für irgendwen hat, warum die Geheimniskrämerei und der Versuch, so gut wie gar nicht in die laufenden Zeitlinien einzugreifen? Der Film spricht ellenlang aus, dass er gerade NICHT Back to the Future ist, und dann verhalten sich doch alle genauso wie in Back to the Future. Man kann nicht beides haben. Vielleicht erwarte ich von einem Superhelden-Krawallfilm, der letztlich nur das große Battle und natürlich die nächsten 9 Filme vorbereiten soll auch etwas zu viel, aber so einfallslos und blöd muss es doch dann auch nicht sein. Von so Geschichten wie der extrem zuckrigen Tochter von Tony Stark mal ganz zu schweigen, das kann ich einfach nicht mehr sehen (zumal es hier nur eine Trope ist, um seinen (genau dadurch sehr vorhersehbaren) Tod trauriger zu machen - als wenn der Tod einer seit 11 Jahren im Kino dauerpräsenten Heldenfigur nicht traurig genug wäre).
Das große Battle hat mich auch null beeindruckt. Hatte kaum Scale, kaum Epik, und wirkte eher wie aus vielen Schnipseln zusammengeschnitten, da kam bei mir kein Raumgefühl auf. Das haben alle anderen Avengers-Filme deutlich besser hinbekommen, Endgame leidet natürlich auch darunter, alle 30 Charaktere in der Schlacht einmal ins Bild kriegen zu müssen (von dem Facepalm-Feminismus-Moment mal ganz zu Schweigen... was war das bitte?) und daher sich kaum auf die Action konzentrieren zu können. Exemplarisch dafür die Verengung der Action auf den Staffellauf mit dem Infinity Gauntlet.
Und zu den Charakteren... naja. Ansichtssache.
1. Thor ist fett und ein Säufer. Punkt. Er macht keine Entwicklung im Film durch, es gibt nichts interessantes zu ihm zu erzählen, er "überwindet" seine Schwächen und Probleme nie, und das ganze Drama der Figur taugt nur für Nonstop-Gags. Meinetwegen, aber er ist damit eine verschenkte Figur, die man ersatzlos streichen könnte, der letztlich nur Guardians 3 vorbereitet.
2. Banner kann den Hulk jetzt kontrollieren (ohne jede Entwicklung dahin, er kann es plötzlich einfach), und leistet den gesamten Film gar nichts, außer am Ende mit den Fingern zu schnipsen. In der eigentlichen End-Schlacht spielt er nicht mal eine Rolle. Ebenfalls ein Pausenclown, mit einem einzigen nützlichem Moment im Plot, der aber sehr unspektakulär daherkommt.
3. Hawkeye ist die verpassteste Chance aller Avengers-Filme. Er verliert seine Familie, wird zum eiskalten Schwertkampf-Killer und wandelt sich in 30 Sekunden wieder zum alten Bogenschützen. Danach spielt er dann wieder denselben unwichtigen Part wie in allen Avengers-Filmen vorher, und trägt faktisch nichts zum Plot bei (die ScarJo hätte sich auch alleine opfern können).
4. Black Widow: Natürlich kriegt sie das erste Mal überhaupt eine charakterdefinierende Szene (Familien-Monolog), kurz bevor sie abgemurkst wird. Für mich kompletter Unsinn, wie ihr Tod herbei geführt wird. Anstatt daraus eine intime Szene zwischen ihr und ihrem besten Freund zu machen, kommt platte Action und die zwei Helden kämpfen darum, wer zuerst unten aufschlagen darf.
5. Iron Man ist ganz der Alte und hat dank Downey Jr. die emotionalsten Szenen (sein Tod, sein Aufeinandertreffen mit Dad). Der obligatorische Pathos-Opfer/Erlösertod ist Geschmackssache. Tendenziell nerven mich solche Klischees eher, grundsätzlich ist das aber nicht übel durchgetaktet und ein einigermaßen stimmiges Ende für den Charakter.
6. Captain America hat sich noch nie entwickelt, war immer der strahlende Alphamann, das ändert auch Endgame nicht. Sein Ende hat bei mir nur Fragezeichen hinterlassen. Wie viele Filme hat der jetzt wegen seinem besten Freund Bucky geflennt? Wie oft haben diese Filme betont, dass Cap ein Kämpfer ist, der sich der neuen Welt anpassen muss, aber nie aufgibt? Und dann flüchtet er einfach in die 70er, um mit seinem alten Flirt rumzuturteln? Naja, vermutlich Fanservice oder sowas.
vodkamartini hat geschrieben: 4. Mai 2019 15:26
Man kann das schon kritisieren. Das Problem mit den Zeitreiseplots ist, dass es da schon zwangsläufig zu "Logik-Dehnungen" kommt. Mir fällt jedenfalls kein Zeitreise-Film ein, den man nicht auseinander nehmen könnte. Anderseits ist es ein faszinierender Gedanke, zurück in die
Zeit zu reisen, um die Gegenwart zu beeinflussen, oder einfach nur, um mal dort einzutauchen.
Logik interessiert mich nicht. Aber genau das was du schreibst, passiert in Endgame gerade nicht. Zurück in die Zeit reisen kann die Gegenwart nicht beeinflussen. Es ist einfach nur etwas, das man tut, aber ohne jede Konsequenz. Iron Man hätte in Endgame einfach nach New York reisen, und die ganze Stadt in die Luft jagen können, solange er die Steine kriegt. Eine andere Figur (die Blaue mit der Glatze) tötet später sogar ihr eigenes jüngeres Ich, ohne das es Auswirkungen auf sie oder ihre Existenz hat. Das ist für mich ganz schwach und das ist es, was ich als faul und einfallslos beschreibe. Der fehlende Gegenspieler und der omnipräsent nervige Kindergarten-Humor ("That's america's ass") haben dann bei mir zur Langeweile und zum Nerv-Faktor beigetragen. Aber keine Sorge, ich will hier niemanden überzeugen, es freut mich, wenn die meisten Zuschauer mit Endgame ihren Spaß hatten. Vor allem jene, die das MCU lieber mögen als ich.
DonRedhorse hat geschrieben: 4. Mai 2019 15:18
Und Thor fand ich sehr witzig, sorry für meinen infantilen Humor.
Vollkommen in Ordnung. Aber ja, ich fand es wirklich streckenweise infantil. Der große zwei Meter Hüne als Heulsuse und depressiver Säufer, dessen Bierwampe zig mal ins Bild gehalten wird... Naja. Über Humor lässt sich aber natürlich nicht streiten.