Re: Zuletzt gesehener Film

10471
Brügge hat total viel Humor, nur funktioniert der eben so, wie eigentlich bei allen Filmen von Martin McDonagh, dass gerade die grotesken und humoristischen Elemente erst die Tragik des ganzen Geschehens richtig transportieren. Denn in seinem Kern ist das ein tieftrauriges Drama und toll geschriebenes Charakterstück, und die erste Stunde des Films ist natürlich essenziell für alles, was im letzten Drittel des Films geschieht. Ich liebe gerade diese Mischung aus pechschwarzem Humor und Tragik, die einem in die Magengrube schlägt, kann aber verstehen, dass das nicht jedermann so geht. Dazu sind die Schauspielleistungen in diesem Film exzellent, und bis vor ein paar Tagen hätte ich nie gedacht, dass Colin Farrell seine tolle Leistung in diesem Filmn je übertreffen könnte - bis er und McDonagh mich eines besseren belehrt haben.
Das einzige, was ich dem Film wirklich vorwerfen kann, ist daher, dass McDonagh's Nachfolgefilme "Three Billboards outside Ebbing, Missouri" und "The Banshees of Inisherin" noch besser sind.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10472
Wofür ist die erste Stunde essenziell? Am wichtigsten ist ja nur die Szene in der Kirche und dass Kennenlernen des kleinwüchsigen Schauspielers (obwohl selbst das in diesem Maße nicht nötig war). Und wir erfahren, dass sich die Protagonisten gut leiden können. Aber das hätte man wunderbar in max. 15 Minuten erzählen können.
Es gab im Film 5 Schmunzler (übergewichtige Amerikaner, Platzpatrone, der Kleinwüchsige holt das Bier von der für ihn zu hohen Bar herunter, „ein Besucher auf dem Turm hatte gestern einen Herzinfarkt“, „wir haben heute geschlossen“), aber von richtigen Lachern und Humor (wie z.B. bei Hot Fuzz) ist es für mich meilenweit entfernt. Auch der Charakter von Fiennes ist gegen Ende einfach dumm geschrieben „Man muss zu seinen Prinzipien stehen“… kompletter Nonsens.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10473
00T hat geschrieben: 21. Januar 2023 14:18 Brügge hat total viel Humor, nur funktioniert der eben so, wie eigentlich bei allen Filmen von Martin McDonagh, dass gerade die grotesken und humoristischen Elemente erst die Tragik des ganzen Geschehens richtig transportieren.
Ja, stimmt, aber "Brügge" finde ich auch eher wenig gelungen, weil zu sehr spürbar ist, dass McDonagh in Quentin-Tarantino- und Guy-Ritchie-Gefilden hausieren gehen will. Eine richtig eigene Sprache hat er da meines Erachtens noch nicht, sondern es ist ein Ausprobieren in Fahrwassern, die andere geprägt und letztlich besser beherrscht haben. Er ist dann mit jedem Film eigenständiger geworden und "The Banshees of Inisherin" ist schon jetzt einer der großen Filme der 2020er, ein Künstler auf der Höhe seines Könnens..
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Re: Zuletzt gesehener Film

10474
iHaveCNit: Babylon (2023) – Damien Chazelle – Paramount Pictures
Deutscher Kinostart: 19.01.2023
gesehen am 21.01.2023
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kino 2 – Reihe 16, Platz 20 – 16:00 Uhr


In der Riege von jüngeren Filmemachern, die mich zu begeistern wissen, findet sich auch ein Damien Chazelle wieder. Ich erinnere mich gerne daran, dass mich Chazelle mit „Whiplash“ begeistern konnte. Nach dem Besuch seines „La La Land“ kam ich sehr sehr lange nicht aus dem Gefühl der Euphorie heraus und sein „Aufbruch zum Mond“ hat mich immersiv an den Rand des spannungsgeladenen Deliriums gebracht. Umso gespannter war ich, in welche Ekstase mich sein neuer Film „Babylon – Im Rausch der Ekstase“ bringen wird.

Im Los Angeles der 20er-Jahre treffen auf einer Party des Produzenten Don Wallach mehrere unterschiedliche Menschen und Träume zusammen. Der junge Set-Assistent Manny Torres will sich zu einem bedeutenden Mann hinter den Kulissen hocharbeiten, die junge Schauspielerin Nellie La Roy träumt von der großen Karriere als Schauspielstar, der etablierte Schauspielstar Jack Conrad ist gerade auf der Höhe seiner Kunst angelangt und möchte dort auch bleiben – und auch ein junger afroamerikanischer Trompeter und eine chinesische Variete-Sängerin haben ihre Träume in einem Hollywood, dass in den kommenden Jahren einen Wandel vom Stumm- zum Tonfilm erleben wird. Ein Wandel, der für alle inmitten von feiernden Exzessen mit vielen Herausforderungen und Rückschlägen verbunden sein wird.

„Babylon“ ist mit über 3 Stunden Laufzeit ein unfassbares Biest von einem Film, dass als Epos gleichermaßen Chazelles Liebeserklärung an ein noch sehr junges Hollywood, ohne es zu glorifizieren und zu verklären. Viel eher wird der Mythos der Traumfabrik in gewisser Art und Weise kritisiert, entzaubert, entmystifiziert und dekonstruiert. Auf sehr ehrliche Art und Weise zeigt der Film, wie viel Blut, Schweiß, Tränen und diverse andere Körperflüssigkeiten damals neben dem üblichen Alkohol geflossen sind, wenn es um die Ambitionen aller Beteiligten gegangen ist und ihren Kampf, sich in dieser Welt zu behaupten und einen Platz zu finden. Und wie viele auch von diesem Kampf verschlungen worden sind. Nicht nur dass, auch die Rolle von Rassismus, Sexismus und Schmutzkampagnen finden hier ihren Platz. Der Film legt zu Beginn mit einer unfassbaren Kraft ein Tempo vor und es gelingt ihm nicht ganz, dieses Tempo über die gesamte Laufzeit von den über 3 Stunden zu halten. Audiovisuell ist der Film eine Wucht. Die Kamerafahrten, die Schnitte, der Sound und auch die übertrieben gute Musik von Justin Hurwitz sind in einem regelrechten Fluss und geben dem Film eine unfassbare Energie – die einen genau wie die im Film Beteiligten in einen Rausch und eine Ekstase versetzen kann. Des weiteren sorgt die gesamte Ausstattung des Films von den Sets, den Kostümen, des Make-Ups und dem Haardesign für eine stimmige Atmosphäre des Films. Wenn es um das Schauspiel geht, mag der eher unbekannte Diego Calva als einer der Hauptprotagonisten einen richtig guten Job machen, jedoch geht er ein wenig unter, wenn man sich anschaut, wie gut Margot Robbie und Brad Pitt in diesem Film sind. Von den ekzessiven Partys über im wahrsten Sinne atemberaubenden Drehs bis hin zu den ruhigen intimen Momenten liefert der Film sehr viel. Vielleicht ein wenig zu viel, um hier den Fokus zu behalten. Dennoch ist Chazelle in seinen Filmen vor allem auch für seine beeindruckenden Abschlüsse bekannt – und hier hat Chazelle mich in Staunen und Gänsehaut versetzt – kann aber auch verstehen, wenn einen das, was hier als Schlusspointe des Films gesetzt wird, ein wenig aus dem Film herausziehen könnte. Ich gehöre jedoch nicht zu dieser Gruppe und war fasziniert und begeistert.

„Babylon“ – My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10475
Patrice hat geschrieben:Wofür ist die erste Stunde essenziell?
Ich halte eine ausführliche Einführung von Charakteren und ihren Beziehungen zueinander in einem charaktergetriebenen Film für essenziell. Die Aktionen von und der Konflikt zwischen Farrell, Gleeson und auch Fiennes im zweiten Teil des Films ergeben sich ja schließlich auch aus dem, was der Film uns vorher über sie erzählt, und ich denke nicht, dass die Abhandlung dieser Entwicklungen in 15 Minuten funktioniert hätte. SIcher kannst du alles noch kürzen, aber dadurch gehen dann auch wichtige Sachen verloren. Um zB den Schmerz des Farrell-Charakters ordentlich aufzuzeigen, reicht die Szene in der Kirche nicht. Ich muss auch sehen, wie er daran leidet, wie er versucht, wieder an etwas Freude zu finden. Der Zwiespalt, in den Brendon Gleeson gestürzt wird, als die wahre Intention hinter dem Brügge-Aufenthalt klar wird, dominiert ja die erste Hälfte des Films, und lässt die letztliche Entscheidung des Killers, seinen Kollegen nicht umzubringen, so schwerer wiegen. Zudem gibt es so einige tolle Dialoge in der ersten Hälfte, die ich bestimmt nicht missen möchte.
Patrice hat geschrieben: von richtigen Lachern und Humor (wie z.B. bei Hot Fuzz) ist es für mich meilenweit entfernt
Ist ja auch nicht diese Art von Humor. Die Komik steckt ja oft in den teils rabenschwarzen Dialogen und absurden Situationen. So halte ich die Absurdität eines Berufskillers, der seinen Freund umbringen möchte und ihn dann aber am Selbstmord hindert, für sehr komisch. Der Witz ist ja gerade, dass einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt, weil die SItuation es eigentlich verbietet. Das ist keine Schenkelkloper-Komödie à la Hot Fuzz. Aber wenn du da die Komik nicht drin sehen kannst, werde ich dir das kaum erläutern können. Über den eigenen Sinn für Humor zu streiten hat bekanntlich wenig Sinn.
Patrice hat geschrieben: Auch der Charakter von Fiennes ist gegen Ende einfach dumm geschrieben „Man muss zu seinen Prinzipien stehen“… kompletter Nonsens.
Das ist kein Nonsens, sondern ergibt sich klar aus dem, was Fiennes vorher selbst über sich sagt. Ich finde das sehr geschickt, wie der Film diese SItuation aufbaut.
Casino Hille hat geschrieben: Ja, stimmt, aber "Brügge" finde ich auch eher wenig gelungen, weil zu sehr spürbar ist, dass McDonagh in Quentin-Tarantino- und Guy-Ritchie-Gefilden hausieren gehen will.
Interessant, das würde ich am ehesten noch über "7 Psychos" sagen. Dass auch der Brügge-Film sich da, gerade in den Dialogen, durchaus an Tarantino und Co. orientiert, würde ich gar nicht bestreiten, aber ich finde schon, dass dort auch bereits eine eigene Handschrift erkennbar ist. Gerade diese Mischung aus Humor und Tragik, wo ja oft die lustigen Szenen eigentlich sehr tragisch sind und die tragischen Szenen eine gewisse Komik beinhalten, lässt sich doch hier auch schon gut erkennen, auch wenn er das in seinen späteren FIlmen sicher noch mehr ausspielt.
Bei den Banshees stimme ich dir aber uneingeschränkt zu, der Film hat mich absolut begeistert.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10476
Gerade Bruges und Banshees habe ich in McDonaghs Handschrift als relativ gut vergleichbar wahrgenommen, in der Art wie sie mit schwarzem Humor "locken", aber diesen dann in tieftrauriger Tragik ersticken. Generell habe ich McDonaghs Filme alle als recht konstant in Erinnerung, alle im Bereich 7 Punkte, Billboards vielleicht etwas höher.

Hmm, Hot Fuzz ist also eine Schenkelkloper-Komödie? Ist das etwas Gutes oder Schlechtes?
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Re: Zuletzt gesehener Film

10477
GoldenProjectile hat geschrieben: Hmm, Hot Fuzz ist also eine Schenkelkloper-Komödie? Ist das etwas Gutes oder Schlechtes?
Ich liebe Hot Fuzz, meiner bescheidenen Meinung nach das Beste, was die britische Comedy abseits von Monty Python hervorgebracht hat. Ich wollte damit eigentlich nur ausdrücken, dass Hot Fuzz eher zu lauten Lachern und eben Schenkelklopfern animiert, als die McDonagh-Filme es tun.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10478
Alles klar, vielleicht sehe ich den Begriff einfach zu negativ, aber ich tue mich immer ziemlich schwer damit einen Film, der ein komplexeres Charakterstück ist als die meisten Oscar-Dramen und ein besseres Actionspektakel als die meisten Hollywood-Blockbuster, auf eine Komödie zu "reduzieren".
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Re: Zuletzt gesehener Film

10479
Dann hat zumindest das Erwartungshaltungsmanagement des Films (Brügge) bei mir nicht gezündet. Es wird mit einer „rabenschwarzen Gangsterkomödie“ geworben. Dem wird der Film nach meinem Geschmack nicht ansatzweise gerecht. Ja es gab amüsante Szenen, die ich auch genannt habe, aber von wirklich lustigen Momenten war es meilenweit entfernt. Ich habe nicht mit etwas wie „Hot Fuzz“ gerechnet, aber mit dem was kommuniziert wurde und zwar einer „rabenschwarzen Gangsterkomödie“.
Hört sich jetzt vielleicht etwas merkwürdig an, aber wenn ich mit dem Wissen an den Film gegangen wäre, dass es zentral und hauptsächlich um die Charaktere geht und es keine Komödie im herkömmlichen Sinn ist, hätte ich den Film anders aufnehmen können. Vielleicht gebe ich ihm mit einer angepassten Erwartung irgendwann mal eine neue Chance. Ich hab aber erstmal noch genug Filme in der Warteschleife die geschaut werden wollen 😅

Und ja, „Hot Fuzz“ ist eine Schenkelklopper-Komödie, aber mit leicht blutigem Anteil 😉 Den Film habe ich jetzt 4-5 mal geschaut und immer mit anderen Leuten. Der Film ist immer durchweg gut bis sehr angekommen, weil er vom Humor, Action, ernsten Momenten und dem allgemeinen Timing nahezu perfekt ist. Dazu bietet „Hot Fuzz“ einen grandiosen Cast.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10480
Ach naja, diese Werbesätze nehme ich nie für bare Münze. Die sind oft von Agenturen, die eben verzweifelt versuchen, alle Filme gleich klingen zu lassen, um Interesse zu wecken. Für ein "ruhiges und intrinsisches Charakterdrama" geht keiner ins Kino. Da klingt: "So rührend, dass einem die Tränen kommen" doch gleich viel besser. Und genau deshalb ich das nicht ernstzunehmend. Man gucke sich mal den Trailer für "The Banshees of Inisherin" an, der verzweifelt diesen tieftraurigen Film irgendwie als Komödie zu verpacken versucht, weil sich sein tatsächliches Wesen nicht in einen Werbeclip packen lässt. Aber so erzeugt man immerhin überhaupt Interesse. Die Trailer für "Tár" werden dem Film stimmungstechnisch sehr wohl gerecht, werden auf die allermeisten Leute aber eher abschreckend wirken.

"Rabenschwarze Gangsterkomödie" passt sicherlich auf "Brügge", aber zugleich hat der Film noch viele andere Facetten. So wie "Schenkelklopferkomödie" sehr gut auf "Hot Fuzz" passt, aber irgendwie nicht die ganze Wahrheit ist.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10481
iHaveCNit: Maria träumt oder: Die Kunst des Neuanfangs (2023) – Lauriane Escaffre und Yvo Muller – Atlas Film
Deutscher Kinostart: 19.01.2023
gesehen am 24.01.2023
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Petit – Reihe 1, Platz 5 – 18:45 Uhr


Bevor es in ein sehr dramalastiges Kino-Wochenende geht, wollte ich noch etwas entspannten, unterhaltsamen Spaß für Zwischendurch. Und so hat sich in meinem Feierabendkino ein gar nicht mal so sperriger Film mit dem sperrigen Filmtitel „Maria träumt oder: Die Kunst des Neuanfangs“ angeboten. Da ich durchaus auch ein Freund französicher Arthouse-Komödien bin, war der Film nach seinem Trailer eine sichere Bank. Nach „Passagiere der Nacht“ von Mikhael Hers zieht sich hier auch noch ein weiteres Muster fort. Aber mehr dazu dann weiter unten.

Maria ist Haushälterin und lebt in einer eingeschlafenen Ehe. Nachdem die Frau, für die Maria über mehrere Jahre den Haushalt gepflegt hat, verstorben ist stehen die Zeichen auf Neuanfang. Sie fängt eine Stelle als Reinigungsfachkraft in einer pariser Universität für Kunst an. Dort trifft sie auf sowohl den kauzigen Hausmeister Hubert als auch die weltoffene Studentin Naomie – und auch auf neue Seiten an ihr selbst. Doch wird sie den Mut haben auch dazu zu stehen ?

Das angesprochene Muster bezieht sich auf die junge französische Schauspielerin Noée Abita, die in „Passagiere der Nacht“ bereits als Talulah die von Charlotte Gainsbourgh gespielte Elisabeth als Frau mittleren Alters fasziniert und inspiriert hat. Hier ist sie als Kunststudentin Naomie zu sehen, die die ebenfalls im mittleren Alter befindliche von Karin Viard gespielte Maria faszinieren und inspirieren wird. Als 90-Minüter ist der Film sehr kompakt und geht auch egal in welche Richtung wir schauen nicht wirklich tief. Er bleibt sehr seicht, aber das ist für mich kein Problem gewesen. Im Kern geht es hier aber nicht nur um die Beziehung von Maria und Naomie und die Entwicklung von Maria, sondern auch um die sich hier ergebende romantische Annäherung zu dem von Gregory Gadebois gespielten kauzigen Hausmeister Hubert, was aus dem Film auch durchaus eine warmherzige, romantische Komödie macht, die unterhält und auch ein wenig ans Herz gehen kann und die perfekte romantische Wohlfühlkomödie für die aktuellen, kalten Tage ist.

„Maria träumt oder: Die Kunst des Neuanfangs“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10482
iHaveCNit: Close (2023) – Lukas Dhont – Pandora Film
Deutscher Kinostart: 26.01.2023
gesehen am 25.01.2023 in OmU Spotlight-Sneak
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 21:00 Uhr
gesehen am 26.01.2023
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Studio – Reihe 3, Platz 1 – 20:15 Uhr


Der Januar 2023 ist zumindest wenn man sich die deutschen Kinostarts ansieht ein Monat, in dem besondere Männerfreundschaften aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Nach Martin McDonaghs „The Banshees Of Inisherin“ und „Acht Berge“ von Charlotte Vandermeersch und Felix van Groningen geht es nach Ausflügen auf irische Inseln und italienische Berge nun nach Belgien in Lukas Dhonts „Close“, der auch ganz frisch einer der 5 glücklichen Nominierten für den Oscar 2023 in der Kategorie „Best International Film“ ist.

Leo und Remi sind schon seit Ewigkeiten gute Freunde. Sie pflegen eine innige, nahezu selbstverständliche und absolut vertraute sowie unzertrennliche Freundschaft. Als beide kurz vor ihrer Pubertät auf eine neue Schule kommen, werden beide damit konfrontiert, dass hinter ihrer Freundschaft noch mehr stecken könnte. Das sorgt vor allem bei Leo für Trotzreaktionen und eine immer weiter zunehmende abweisende und ablehnende Haltung, die bei Remi für immer stärkende Irritationen und Unsicherheiten sorgt – bis es zu einem tragischen Ereignis kommt.

„Close“ hat mich sehr begeistern können. Das liegt zum einen an dem unfassbar toll gecasteten Duo aus den Kinderdarstellern Eden Dambrine und Gustav De Waele. Vor allem wird Eden Dambrine in „Close“ einen Großteil des Films auch mitunter auf seinen Schultern tragen müssen, was ihm mit Bravur gelingt, denn sein Charakter des Leo muss hier auf eine sehr emotionale und vielschichtige Reise gehen – auf die er sowie die großartige Kamera uns natürlich auch mitnimmt. Der Film und diese Reise schafft es uns spielend und virtuos an der Freundschaft der Beiden teilhaben zu lassen und jede Geste, jeden Augenblick wahrzunehmen, denn die selbstverständliche Freundschaft der Beiden braucht kaum das gesprochene Wort. Wenn man sich auf diese Reise einlässt, durchlebt man auch eine emotionale Achterbahnfahrt der Gefühle – genau wie es diese auch für unsere Protagonisten ist. Ich habe mit ihnen gelacht, mit ihnen gefiebert, mit ihnen gelitten und … ! Das möchte ich an dieser Stelle unerwähnt lassen, denn die Geschichte nimmt ab etwa der Hälfte durch einen tragischen Zwischenfall eine andere Richtung ein, die vorher noch nicht das Thema war. Diese Richtung ist in gewisser Art und Weise eine sehr radikale und ändert ein wenig den Fokus des Films auf eine eher konventionellere Coming-Of-Age-Richtung statt sich eher mit der Selbstfindung einer nicht heteronormativen Identität in einem eher heteronormativ geprägten Umfeld zu befassen. Denn hier ist der Film einfach so fein und sensibel beobachtet, erzählt und gespielt, so dass hier noch eine gewisse Portion Potential drin gewesen wäre.

„Close“ - My Second Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10483
iHaveCNit: Return To Seoul (2023) – Davy Chou – Rapid Eye Movies
Deutscher Kinostart: 26.01.2023
gesehen am 11.01.2023 in OmU Spotlight-Sneak
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 21:00 Uhr
gesehen am 27.01.2023 in OmU
Arthouse-Kinos Frankfurt – Kleine Harmonie – Reihe 3, Platz 9 – 18:00 Uhr


Einer der Filme, die sich in der Shortlist für die Vorauswahl bei den möglichen Nominierungen für die Kategorie „Best International Film“ der kommenden Oscar-Verleihung befunden hat, hatte ich erst zu Beginn des Januars nicht auf dem Schirm und dank der Arthouse-Kinos meines Vertrauens dann doch auf meine Liste gesetzt. Die Rede ist vom für Kambodscha ins Rennen geschickte „Return To Seoul“, der durchaus eine sehr interessante multinationale Produktion für Kambodscha, Südkorea und Frankreich geworden ist.

Die Koreanerin Frederique Benoit, kurz Freddie, ist in jungem Kindesalter von einem französischen Ehepaar adoptiert worden und ab dann in Frankreich aufgewachsen ist. Mit 25 reist sie nach Seoul um ihrer Vergangenheit auf die Spur zu gehen. Eine Reise, in der sie sich gleichermaßen verlieren als auch finden wird.

„Return To Seoul“ vom aus Kambodscha stammenden Regisseur Davy Chou ist vom Leben und den Erfahrungen eines Betroffenen inspiriert. In einer episodenhaften Struktur werfen wir einen Blick auf Schlüsselmomente im Rahmen der Spurensuche von Freddie, die hier durchaus von Park Ji-Min großartig gespielt wird. Ihr Charakter ist auch der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Films. Ihr Charakter ist fesselnd und faszinierend, aber wenn man sich ihren Umgang mit ihrem Umfeld ansieht, so sind die Sympathien nicht unbedingt auf ihrer Seite. Im Rahmen der Reise ihrer Selbstfindung werden jedoch einige dieser Sympathien aufgebaut. Die Reise, auf die uns der Film mitnimmt, schafft es mit kleinsten Gesten viel zu erzählen über kulturelle Unterschiede und sprachliche Barrieren, über Heimat, Herkunft, eigener Identität und wie komplex das alles sein kann, wenn es hier zu einer multinationalen Identität wie im Fall von Freddie kommt. Ganz interessant ist hier auch in der Betrachtung die Thematik, dass historisch als Folge des Koreakriegs viele ärmere südkoreanische Familien für ein besseres Leben der eigenen Kinder diese zur Adoption freigegeben haben, womit in den Jahrzehnten über 200.000 Kinder zur Adoption freigegeben worden sind und mit welchen bürokratischen Hürden und Eigenarten die Suche nach den ursprünglichen Eltern verbunden sind, was ich im dokumentarischen Sinne bei diesem Film sehr positiv finde. Die jedoch etwas sprunghafte und holprige Dramaturgie sorgt für ein immersives Gefühl, sich ähnlich wie Freddie auf dieser Reise zu verlieren, was gleichermaßen gut als auch weniger gut gewertet werden kann.

„Return To Seoul“ - My Second Look – 8/10 Punkte.
"Weiter rechts, weiter rechts ! ..... "

Re: Zuletzt gesehener Film

10484
iHaveCNit: The Son (2023) – Florian Zeller – Leonine
Deutscher Kinostart: 26.01.2023
gesehen am 28.01.2023
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Studio – Reihe 3, Platz 1 – 15:15 Uhr


Triggerwarnung: - Der Film und die Besprechung des Films an dieser Stelle kann Elemente über das Thema Depression und daraus folgende Konsequenzen enthalten. Wer sich mental an dieser Stelle nicht dazu bereit fühlt, sollte an dieser Stelle das Lesen abbrechen – und dem rate ich auch definitiv von einer Sichtung des Films ab.

Für Betroffene und Angehörige empfehle ich unter anderem folgende Internetseite mit wichtigen Informationen: https://depressionsliga.de/hilfecenter/

Im Jahr 2021 gelang es Regisseur und Drehbuchautor Florian Zeller aus meiner Perspektive meisterhaft das Thema Demenz durch ein perfektes Schauspiel von Anthony Hopkins und Olivia Colman sowie geschickter Drehbuchelemente und einem interessanten Set-Design immersiv greif- und erlebbar zu machen. „The Father“ war zurecht Teil meiner Top3 des Jahres 2021. Dementsprechend war ich nach dem doch ergreifenden und interessanten Trailer zu seiner neuen Adaption seines Bühnenstücks „The Son“ gespannt, was mich bei diesem Film angesichts eines großartigen Casts erwarten wird.

Peter und Kate sind getrennt. Peter hat sich mit seiner neuen Freundin Beth und dem gemeinsamen Kind Theo ein neues Leben aufgebaut, während Kate mit dem Sohn Nicholas zusammenlebt. Doch Kate kommt eines Tages mit einer besorgten Nachricht bei Peter an. Nicholas war schon längere Zeit nicht mehr in der Schule und sein Verhalten nimmt für Kate beängstigende Züge an. Nicholas zieht in dieser Folge zu seinem Vater. Doch auch dort ist der Gemütszustand von Nicholas stets präsent und schon bald wird Peter erkennen müssen, dass auch er bei der Suche nach dem Zugang zu Nicholas an seine Grenzen stößt.

„The Son“ bietet uns einen hochkarätigen Cast um Hugh Jackman, Zen McGrath, Laura Dern, Vanessa Kirby und Anthony Hopkins in einer kleineren Rolle. Alle machen ihren Job sehr gut. Das Schauspiel ist für das Drama sehr intensiv und engagiert und liefert einige sehr stark gespielte Momente. Es ist durchaus engagiert sich dem Thema mentaler Gesundheit zu nähern, aber das geschieht hier doch recht bemüht. Gerade bei einem Thema dieser Art ist es durchaus wichtig, dass man nicht nur über Betroffene spricht, sondern Betroffene sprechen lässt, was der Film in Ansätzen dann auch tut, wenn der von Zen McGrath gespielte Nicholas über seine Gefühlslage redet. Natürlich gehört es für Angehörige der Betroffenen dazu, den richtigen Umgang mit Betroffenen zu lernen und vielleicht in diesem Umfang auch Fehler machen zu dürfen, aber gerade hier finde ich den Film an gewissen Stellen und Elementen sehr fahrlässig, wenn man sich in einem komplexen Spannungsfeld wiederfindet aus ärztlichem Rat von Spezialisten, den Vorstellungen der Angehörigen und auch die Vorstellungen des Betroffenen – gerade wenn es sich um Eltern und Kind handelt und man durchaus hier eher rational und vernünftig handeln sollte in einer eher irrationalen Gefühlslage. Da ich sowohl Scheidungskind bin als auch mich vor cirka 10 Jahren in einer ähnlichen irrationalen, schwierigen mentalen Gefühlslage befunden habe, kann ich mich durchaus mit dem Thema als Betroffener identifizieren und finde das Drama durchaus ehrenwert, engagiert und gut gespielt, aber aufgrund seiner eher kühleren und distanzierten Inszenierung und Umsetzung allgemein weniger gut, wenn es darum geht, das Thema „Depressionen“ und richtiger Umgang mit Betroffenen abzubilden, denn hier wäre definitiv mehr drin gewesen. In gewisser Art und Weise ist „The Son“ damit für mich gemessen an meiner persönlichen Erwartungshaltung die erste richtige Enttäuschung in diesem Kinojahr.

„The Son“ - My First Look – 6/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10485
Babylon (2023)
Absolut tolle Atmosphäre, klasse Gags, großartige Charaktere und einen eindringlichen Soundtrack.
Es gab im Film sehr viele Onetakes, die sich durchweg gut integriert haben, bspw. als wir das erste mal das Filmset besuchen.
Der Film ist ein audiovisuelles Meisterwerk, bei dem ich aber auch verstehen kann, wenn man nicht den Zugang dazu findet. Dafür ist er teils doch zu speziell. Bei mir jedoch hat er voll gezündet.

10/10
No retreat, baby, no surrender