Re: Zuletzt gesehener Film

8491
Taylor Sheridan war noch nicht fertig mit seiner Grenzbegehung. Zum Glück für den Kinozuschauer. Nach Mexiko (Sicario) und Texas (Hell or High Water) zieht es den momentan spannendsten Chronsiten inneramerikanischer Existenzkämpfe ins winterliche Wyoming.

Im Kino: Wind River (Taylor Sheridan)

In "Wind River" dreht sich fast alles um Gnadenlosigkeit. Es geht um grausame Schicksale, fehlende Perspektiven, kompromisslose Rache. Und es geht um Kälte, nicht um den gewöhnlichen, alljährlichen Winterfrost, sondern um eine Kälte, die zum Killer wird. Das Sterben ist allgegenwärtig in diesem nihilistischen Neo-Western von Taylor Sheridan. Mensch und Natur sind hier gleichermaßen erbarmungslos, bedingen sich darin quasi gegenseitig. Ein fataler Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. In den USA gibt es einen Begriff für diese existentiellen Grenzerfahrungen. Obgleich von der modernen Geschichtswissenschaft kritisch gesehen, ist der sogenannte "Frontier-Mythos" nach wie vor quicklebendig. Jene Theorie einer Nationengründung an der hart umkämpften Grenze zwischen Wildnis und Zivilsisation hat sich fest ins amerikanische Selbstverständnis eingebrannt ...

https://ssl.ofdb.de/review/295438,740321,Wind-River
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https://www.ofdb.de/autor/reviews/45039/

Re: Zuletzt gesehener Film

8492
@Hille:
Schönes Review. Weil ich die Inszenierung aber insgesamt etwas bieder finde, gehe ich aber doch nicht so hoch bei der Bewertung.

Übrigens würde ich nicht nur M. Keaton als eine Idealbesetzung der Hauptrolle einschätzen, sondern die Rolle sogar als eine der idealsten für Keaton. :)
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Re: Zuletzt gesehener Film

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Thunderball1965 hat geschrieben:Schönes Review. Weil ich die Inszenierung aber insgesamt etwas bieder finde, gehe ich aber doch nicht so hoch bei der Bewertung.
Danke sehr. :) Findest du die Inszenierung tatsächlich bieder? Ich finde, der Film nutzt die (natürlich klischeehafte) Heile-Welt-Optik der 50er sehr geschickt, um einen lange zu suggerieren, man würde hier die klassische positive Aufsteigergeschichte des Underdogs zu sehen kriegen. Sein "charakterlicher Verfall" (auch wenn der Film selbst da neutraler bleibt) wird eher hinten rum präsentiert, und kommt schleichend, sodass man als Zuschauer erst merkt, in welche Richtung Kroc sich entwickelt, als es für ihn schon zu spät ist. Meiner Ansicht nach hat Hancock (dessen Filme ich sonst etwas platt finde) hier viele tolle Momente drin, etwa, als Kroc bei seinem ersten McDonald's Besuch ungläubig beobachtet, wie Kinder und hübsche junge Frauen frohlockend in Hamburger beißen und Hancock diese Glückseligkeit wie in einem Werbespot einfängt. Nicht zu vergessen der wie immer gelungene Carter Burwell Soundtrack. Apropos Burwell: Ist eigentlich bekannt, dass ursprünglich die Coen Brüder interessiert daran waren, bei dem Film Regie zu führen?
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Re: Zuletzt gesehener Film

8495
Casino Hille hat geschrieben:
Thunderball1965 hat geschrieben:Schönes Review. Weil ich die Inszenierung aber insgesamt etwas bieder finde, gehe ich aber doch nicht so hoch bei der Bewertung.
Danke sehr. :) Findest du die Inszenierung tatsächlich bieder? Ich finde, der Film nutzt die (natürlich klischeehafte) Heile-Welt-Optik der 50er sehr geschickt, um einen lange zu suggerieren, man würde hier die klassische positive Aufsteigergeschichte des Underdogs zu sehen kriegen.
Mein Vorwurf zielt dagegen ab, dass die Kamera -überspitzt formuliert- nur genutzt wird, um, vorzugsweise gerade sprechende und so der Handlung weiterhelfende, Personen zu filmen. Ein schönerer Moment war die Szene mit Kroc vorm Spiegel, als er sich wegbewegt und trotzdem letztenendes im Bild bleiben kann. :) Ein zweiter schöner Moment war, als Kroc von seiner künftigen Vermählten im Restaurant ein Eis gerührt bekommt, während die Personen äußerlich in Anwesenheit ihres Noch-Gatten sehr auffällig flirten. Gab es noch weitere Highlights oder war das alles?

Mein zweiter Vorwurf lautet, dass ein Film darüber, wie der intrigante Michael Keaton McDonalds "gründet", dramaturgisch gerne sogar noch straffer hätte sein dürfen. Dabei möchte ich aber auch anmerken, dass der Film wie in der Flirtszene oben hier auch viel über "inhärente" Spannung kommt, dh. gar nicht mehr so viel zusätzlich unternommen werden muss, um Spannung zu erzeugen, da diese schon in den einzelnen Komponenten angelegt ist.
Somit komme ich auch zum dritten Absatz:
Sein "charakterlicher Verfall" (auch wenn der Film selbst da neutraler bleibt) wird eher hinten rum präsentiert, und kommt schleichend, sodass man als Zuschauer erst merkt, in welche Richtung Kroc sich entwickelt, als es für ihn schon zu spät ist. Meiner Ansicht nach hat Hancock (dessen Filme ich sonst etwas platt finde) hier viele tolle Momente drin, etwa, als Kroc bei seinem ersten McDonald's Besuch ungläubig beobachtet, wie Kinder und hübsche junge Frauen frohlockend in Hamburger beißen und Hancock diese Glückseligkeit wie in einem Werbespot einfängt.
Gab es einen charakterlichen "Verfall", gab es eine Entwicklung? Ich meine, Kroc war den ganzen Film über derselbe - nur, dass er dadurch, dass er auf McDonald's trifft, in verschiedene Situationen kommt, die diesen, sich eigentlich nicht "entwickelnden", Charakter dann zu Reaktionen zwingen, die sich aber nicht entwickeln sondern schon von Anfang an in der Figur drin sind. (Ist trotzdem klar, was ich damit sagen will? ^^)
Nicht zu vergessen der wie immer gelungene Carter Burwell Soundtrack. Apropos Burwell: Ist eigentlich bekannt, dass ursprünglich die Coen Brüder interessiert daran waren, bei dem Film Regie zu führen?
Das wäre dann schon eher 8,5er Material, yikes...
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Re: Zuletzt gesehener Film

8496
Ihr seid mir ja Witzbolde. Ich würde gerne mitdiskutieren aber habe The Founder schlicht nicht mehr in all diesen inszenatorischen und szenischen Details auf dem Schirm, ich habe ihn letztes Jahr im Kino gesehen und seither zig andere Filme. Was ich noch weiss ist dass er mir gefallen hat. Keaton in der Rolle des trotz aller negativer Charakterzüge noch charismatischen Karrieristen zu sehen hat ungemein Spass gemacht und die Geschichte wurde flott und kurzweilig erzählt. Nach dem Kinobesuch habe ich gute 7,5 Punkte vergeben.

Hier noch ein Abriss einiger jüngerer Kinobesuche: (alle 2017/2018)

Three Billboards Outisde Ebbing, Missouri (Martin McDonagh)
Toller Film! Wie man es sich von McDonagh (vor allem von seinem berühmten Erstlingswerk In Bruges, aber auch Seven Psychopaths ist nicht zu verachten) gewohnt ist gibt es haufenweise rabenschwarzen Humor in einer Geschichte, die letzten Endes aber doch vor allem über ihre dramatische oder sogar tragische Komponente funktioniert. Die skurrilen und witzig-bösen Elemente werden dabei mit dem ernsthaften Teil und dessen vielschichtigen Charakteren verwoben, dass es eine wahre Freude ist. McDonagh zeichnet Charaktere die interessant und ungeschönt sind, und spielt bewusst mit den Urteilen und Vorurteilen des Zuschauers. McDormand und Harrelson sind in Bombenform aber Sam Rockwell überragt sie sogar noch beide, wie er und der Autor/Regisseur diese Figur entwickeln und vermeintlich verändern ist ganz grosses Kino.
Wertung: 9 / 10

The Florida Project (Sean Baker)
Bakers Film schildert einen Sommer in einem Motel in Florida, das als Unterkunft für Randständige dient, aus der Perspektive deren Kinder. Und es ist ein ungemein authentischer und lebendiger Blick auf das Leben und die Kindheit - die allgegenwärtigen Drogen, Armut und Prostitution werden nicht verleugnet und sind für den erwachsenen Zuschauer klar ersichtlich, aber der filmische Blickwinkel zeigt eben auch die Sonnenseiten. Die schäbigen, mintgrün und rosa gestrichenen Wände und verwilderten Wiesen am Autobahnrastplatz schillern in einem grellen aber natürlichen Farbenspektakel, die im Berufsleben gescheiterte und mit Tattoos zugekleisterte Mutter ist trotz all ihrer Makel eben auch fürsorglich und würde für ihre Tochter durchs Feuer gehen und die liebevoll-kindlichen Streiche an den Nachbar, Disneyland-Touristen und dem Hausmeister Bobby (der grosse Willem Dafoe gibt eine Prachtsvorstellung und rechtfertigt alleine den Ticketkauf) werden zu grossen Abenteuern. Ein schöner und anrührender Film, der gut tut.
Wertung: 8,5 / 10

Phantom Thread (Paul Thomas Anderson)
Mein erster Kontakt mit dem Darling des amerikanischen Films, Paul Thomas Anderson. Charaktermime Daniel Day Lewis spielt einen exzentrischen Modeunternehmer im London der 50er-Jahre, dessen glamouröser Lebensstil und skurrile Wesenszüge aus Sicht einer neuen potentiellen Lebensgefährtin erzählt wird. Trotz einiger kleiner Längen und Schwächen ein starker Film, dessen zierlich-edle Bildsprache von Kubrick, Tarkovski und Ophüls inspiriert scheint und von einem schaurig-schönen klassischen Klavier-und-Violine-Soundtrack von Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood treffend akzentuiert wird.
Wertung: 8 / 10

The Disaster Artist (James Franco)
Im Vorfeld wirkte das Wiseau-Biopic noch wie eine tolle Irrsinnsidee, im Nachhinein bin ich mir da nicht mehr so sicher. Natürlich, die Chronik des ausgeflippten Möchtegern(?)-Künstlers Wiseau und seinem legendären Trashwerk The Room wird kompetent und kurzweilig erzählt und die Franco-Brüder überzeugen in den beiden Hauptrollen, aber ich hatte doch oft den Eindruck dass sich der Film etwas zu oberflächlich mit dem Room-Mythos auseinandersetzt und hauptsächlich auf dessen offensichtliche Angriffsfläche - sprich simple Lacher auf Kosten des Rooms - abzielt. Und dafür brauche ich nun mal keinen eigenen Film, da reicht mir das "Original". Somit war ich der einzige einer neugierigen Besuchertruppe, der sich bei den nachgestellten Room-Szenen nicht vor Lachen gekringelt sondern in erster Linie ein solides kleines Biopic geschaut hat.
Wertung: 6 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

8497
GoldenProjectile hat geschrieben: The Disaster Artist (James Franco)
Im Vorfeld wirkte das Wiseau-Biopic noch wie eine tolle Irrsinnsidee, im Nachhinein bin ich mir da nicht mehr so sicher. Natürlich, die Chronik des ausgeflippten Möchtegern(?)-Künstlers Wiseau und seinem legendären Trashwerk The Room wird kompetent und kurzweilig erzählt und die Franco-Brüder überzeugen in den beiden Hauptrollen, aber ich hatte doch oft den Eindruck dass sich der Film etwas zu oberflächlich mit dem Room-Mythos auseinandersetzt und hauptsächlich auf dessen offensichtliche Angriffsfläche - sprich simple Lacher auf Kosten des Rooms - abzielt. Und dafür brauche ich nun mal keinen eigenen Film, da reicht mir das "Original". Somit war ich der einzige einer neugierigen Besuchertruppe, der sich bei den nachgestellten Room-Szenen nicht vor Lachen gekringelt sondern in erster Linie ein solides kleines Biopic geschaut hat.
Wertung: 6 / 10
Das habe ich befürchtet, werde ihn wohl aber trotzdem noch diese Woche schauen. Passt irgendwie auch zu der Art, wie sich die Crew in Interviews über den Film äußert.

Leider läuft er nirgends in OV, habe also die Qual der Wahl zwischen Synchro-Versuchen, Tommys Englisch mit osteuropäisch-französischem Akzent zu übersetzen, und einer Untertitel-Lesestunde. Hura.
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Re: Zuletzt gesehener Film

8503
Maibaum hat geschrieben:Ozons L'Amant Double ist ein hübscher geheimnisvoller Thriller, von einem der momentan interessantesten Regisseure.
Seit wann läuft der bei euch denn? Hier startet er erst morgen.

Und was müsste man von Ozon denn noch kennen, wenn einem Amant Double gefällt? (Was ich jetzt einfach mal erwarte)
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Re: Zuletzt gesehener Film

8504
Warte erst mal ab, ob er dir gefällt.

Ozon hat teils sehr unterschiedliche Filme gemacht, das Spektrum reicht von komplexen Studien über das menschliche Zusammenleben, die auch thrillerhafte Filme umfassen, hin zu Komödien, in denen aber auch immer noch böse Untertöne enthalten sind. Musicalelemente sind bei ihm genau so zu Hause wie erzählerische Experimente, und, wie auch in L'Amant Double, muß man sich öfters darauf einstellen, daß nicht eindeutig klar ist was real ist und was nicht. Der Handlungsverlauf seiner Filme ist schon deswegen selten absehbar.