Re: Zuletzt gesehener Film

2491
Selbst die besten Clancy-Verfilmungen (Oktober, Kartell) waren nur ein schwaches Echo der Romane. Nachdem was ich gelesen habe wird Branaghs Verfilmung auch wieder eine „aktualisierte“ Version werden – und das war schon bei Sum of all Fears nicht wirklich gelungen. Clancys Romane leben vor allem von der komplexen Schilderung politischer und militärischer Szenarien. Ändert man für eine Verfilmung die Ausgangssituation – was sich bei einer Aktualisierung nicht vermeiden lässt – bleibt lediglich ein austauschbarer Rahmen eines weiteren Spionage-Actioners übrig. Ich hätte mir gewünscht, die Jack Ryan-Romane würden chronologisch mit ihren Originalsstorys verfilmt werden, aber dem stehen leider marketingtechnische Überlegungen im Weg. Schade, dass es für Hollywood offenbar ein unüberbrückbares Hindernis darstellt historische Filme auf Basis der 80er und 90er Jahre zu produzieren bzw. als eigenes Weltszenario gemäß den Romanen (Japan, Vereinigte Islamische Republik und China als Aggressor). Klar ist das alles nicht politisch korrekt, aber genau daraus beziehen die Romane auch ihren Reiz. Im Grunde ist es gerade zu grotesk: das liberale Hollywood möchte aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus die ultra-konservativen Werke von Clancy verfilmen, nimmt ihnen aber jegliche Identität.
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Re: Zuletzt gesehener Film

2493
Das Problem ist, dass weder Affleck noch Pine wirklich überzeugend zur Ryan-Charakterisierung passen. Ryan wird als unglaublich heller Kopf geschildert, der zwar durchaus auch physisch zulangen kann (sein Background als ehemaliger Marineinfanterist), der von Clancy aber immer als Analytiker angelegt ist, der halt durch Verkettung von Umständen selbst Hand anlegen muss. Das hat bei Baldwin und wie ich finde bei Ford in noch stärkerem Maße gut funktioniert, bei Affleck deutlich weniger. Pine ist wie Affleck nicht wirklich ein Darsteller, dem man die intellektuelle Überlegenheit abkauft, beide entsprechen eher dem gängigen, tatkräftigen Leading Man. Es sollte aber halt eher jemand sein, der etwas nüchterner wirkt, den man gerne unterschätzt. Natürlich kann man grundsätzlich jede Romanfigur komplett gegen den Strich besetzen und auch die Inhalte komplett verändern (Bond ist ein Paradebeispiel), aber dann bleibt unterm Strich nicht mehr viel übrig von der Vorlage. Und da die Clancy-Werke in noch viel größerem Maße von ihren Ausgangsideen und der Personenentwicklung innerhalb der Szenarien leben ist dies bei den Ryan-Romanen noch viel drastischer als bei den eher grafisch angelegten Fleming-Romanen. Zachary Qinto, der Spock in Abrams Star Trek und den Broker in Margin Call gespielt hat hätte vom Typ zB deutlich besser in die Rolle gepasst. Bei Ryan sollte man immer im Hinterkopf haben: der Typ wird mal US-Präsident werden, das ist also nicht wirklich die amerikanische Ausgabe von James Bond, als die er oberflächlich gerne hingestellt wird.
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Re: Zuletzt gesehener Film

2495
Moon
Endlich konnte ich mal das Debüt von Duncan Jones sehen und bin begeistert. Der Film fasziniert mit einem cleveren Plot, dessen Pointe bei anderen Filmen das Ende gewesen wäre, hier aber vielmehr als Zentrales Ereignis für die Story dient und so zum Auslöser der Handlung der zweiten Filmhälfte wird. Dabei trägt Sam Rockwell seine Mehrfachrolle grandios und auch den ganzen Film. Er stellt alle "Inkarnationen" super dar. Insgesamt versprüht der Film eine wunderbare Atmosphäre die gewollt an Filme wie Silent Running, Solaris (1972), Outland oder Kubrick's 2001 erinnert. Dies schafft der Film ohne wie im entferntesten wie ein Plagiat zu wirken. Man kann es kaum glauben, dass der Film nur 5 Mio $ kostete, da der Film locker wie ein zehnmal teuerer Film aussieht. Auch ist das Werk ein Beweis wie überzeugend man Spezialeffekte (Szenen der Mondoberfläche) auch ohne CGI machen kann. Es sieht einfach realer aus. Ohnehin ist das Production Design hier wunderbar.
Die Perfektion erreicht der Film durch den atmosphärischen Score von Clint Mansell, der das Geschehen gekonnt und wenn nötig kraftvoll untermalt, ohne allerdings die Musik zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Der Score schafft es die Leere und Einsamkeit auf dem Mond trefflich musikalisch zu untermalen.

Fazit: Ein Film der für mich auf jeder Ebene begeistert. Besser als Jones Folgeprojekt Source Code (den ich nur "ganz gut" also 7/10 fand) ist dieses Weltraumkammerspiel, das eine weitere Bekanntheit verdient hätte. Einer der kommenden Klassiker. Solch wunderbare Storys mit dem Weltraum als Handlungsort gibt es eigentlich gar nicht mehr. Volle Wertung!

10/10
"In a Bond film you aren't involved in cinema verite or avant-garde. One is involved in colossal fun."

Terence Young

Re: Zuletzt gesehener Film

2496
Argo (2012) – Ben Affleck

Hätte mir jemand Ende der 90er gesagt, dass ich irgendwann mal voller Vorfreude in den neuen Ben-Affleck-Film reinrennen würde hätte ich ihn für völlig bekloppt erklärt. Affleck war damals für mich sowas wie der talentlosere unvermeidliche Sidekick von Matt Damon, der sich in filmischen Plattheiten wie Pearl Harbor oder Armageddon verdingte. Sein publicitywirksames „Beniffer“-Techtelmechtel mit „La Lopez“ tat auch wenig dazu meine Einschätzung zu ändern. Dann passierte aber für mich Unerwartetes, Affeck spielte plötzlich in immer interessanteren Filmen mit und seine Darstellung verblüffte mich jedes mal mehr, er erarbeitete sich förmlich meine Anerkennung. Und seit dem großartigen The Town nahm ich ihn auch als talentierten Filmemacher wahr. Daher waren meine Erwartungen an seinen direkten Regienachfolger Argo entsprechend hoch und was soll ich sagen: sie wurden nicht nur erfüllt sondern übertroffen. Argo hat mindestens das gleiche hohe Niveau wie The Town und ist in einigen Dingen sogar noch besser. Die große Stärke von Argo sehe ich in seiner hohen atmosphärischen Dichte. Affleck gelingt es die Zeit der späten 70er/frühen 80er absolut authentisch auf die Leinwand zu bringen. Das beginnt schon mit der liebevollen Kleinigkeit, dass der Film mit dem alten 70er Jahre Warner-Emblem beginnt, die Bilder sind bewusst grobkörnig und ausgebleicht, Austattung und Sets perfekt nachgebildet. Wie perfekt diese Epoche und die darin geschilderten Ereignisse rund um die Wirren der persischen Revolution geschildert werden kann man spätestens im Abspann sehen, wenn Originalaufnahmen den entsprechenden Filmszenen direkt gegenüber gestellt werden.

Die zweite große Stärke des Films ist seine Inszenierung. Am meisten verblüffte mich, wie mühelos Affleck den Ton des Films im zweiten Filmdrittel ändert und vom bedrückenden Geiseldrama passend zur Ankunft in Hollywood zum launigen Schelmenstück und wieder zurück wechselt. Mit John Goodman und Alan Arkin hat er genau die richtigen Haudegen, die dem Film die nötige Prise Humor und Lockerheit verleihen. Arkin ist dabei derart famos, dass er für mich der Topkandidat für den nächsten Nebendarsteller-Oscar ist. Er ist es auch, der die meisten und besten Lacher auf seiner Seite hat („John Wayne ist gerade mal sechs Monate tot und das ist von unserem Land übrig geblieben!“). Die Spannung wird während des ganzen Films über auf einem hohen Level gehalten und dann und wann gezielt gesteigert, die beängstigend-realistische Stürmung der US-Botschaft ist hier ein gutes Beispiel. Die letzte halbe Stunde geht dann sogar noch einen Schritt weiter und ist ein Lehrstück für Spannungsinszenierung. Ein klingelndes Telefon oder ein Busfahrer, der den Gang nicht bzw gerade noch reinbekommt hören sich nach alten Klischees an und sind es prinzipiell auch, aber wie gekonnt Affleck die Spannung hier auf den Höhepunkt treibt ist einfach großartig. Es gibt viele Szenen in Argo, die gerade aufgrund ihrer Inszenierung in Erinnerung bleiben, so beispielsweise die tolle Parallelmontage zwischen der öffentlichen Lesung des Argo-Drehbuchs und dem Versteck der Geiseln oder auch die Schlüsselszene während des Verhörs am Flughafen, in dem sich die Geiseln den Weg mit Hilfe ihrer Tarngeschichte freigaukeln müssen. Oder die wunderbare Schlusseinstellung, in der eine lange Kamerafahrt durch das Kinderzimmer von Afflecks Film-Sohn durch allerlei Star Wars-, Star Trek-, Planet der Affen-Figuren und Spielzeug schliesslich bei einem Argo-Storyboard endet. Afflecks Inszenierung ist einfach rundum gelungen und er ist damit für mich ein heisser Anwärter für den Regie-Oscar. Und wer weiss, vielleicht ist sogar noch mehr drin und der Film macht das Rennen um den besten Film, die patriotische Grundhaltung des Films (die aber zu keinem Zeitpunkt aufdringlich wird) sollte die Chancen jedenfalls nicht verschlechtern.
Wertung: 9 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

2499
Agent 009 hat geschrieben:Ich fand das Ende gut, wenn auch etwas hart.
Ja, aber es ist halt das Übliche. Schon Stunden vorher absehbar. Fast alle Thriller und Krimis die am Ende unbedingt eine Überraschung (die dann aber keine ist weil immer dieselbe) haben müssen, haben statt der Überraschung (die ja keine ist) nur ein schlappes Ende.

Re: Zuletzt gesehener Film

2501
Fast verheiratet - 8/10

Eine knackige Komödie mit Jason Segel und Emily Blunt. Die beiden Hauptdarsteller sind großartig, die Story auch gut. Der Film erfindet zwar nichts neu und schwankt oft zwischen sehr ernst und auf krasse Art witzig, verliert dennoch nie den Faden. Ich fand ihn toll. :)

Re: Zuletzt gesehener Film

2505
Suspiria (1977) – Dario Argento

Der Hexenhorror von Giallo-Pabst Argento ist ein Paradebeispiel dafür, dass es bei einem Film häufig viel weniger wichtig ist was gezeigt wird als wie es gezeigt wird. Denn die Story von Suspiria ist mehr als nur dünn: junge Amerikanerin zieht in ein Tanz-Internat in München (!), das sich nach und nach als Hexenhaus entpuppt. Das wars dann auch schon inhaltlich, garniert wird das ganze mit so genretypischen Versatzstücken wie einem buckligen Faktotum („das ist Pavel, er ist furchtbar hässlich – und das darf man auch sagen!“), einer in bester KZ-Aufseherinnen-Manier umherstolzierenden Oberlehrerin und einer Schar süsser junger Tanzmäuschen. Der Film hätte also durchaus Potenzial zum Trash, aber genau hier kommt Argento ins Spiel: er schafft es tatsächlich diesem absurden Szenario künstlerischen Anspruch zu verleihen. Die Bildsprache des Films ist einfach fantastisch, Argento arbeitet hier sehr viel mit Signalfarben – allen voran natürlich rot. So wird bereits in der Eingangsszene aus dem niederprasselnden Regen scheinbar Blut – eine mehr als deutliche bildliche Metapher für das, was noch folgen wird. Die stilisierte Künstlichkeit der Szenerien unterstützt die Farbgestaltung, die ungewöhnlichen Kameraperspektiven und gekonnte Schnitttechnik kongenial. Kongenial ist auch der penetrierende Score von Goblin, der den Zuschauer in einen permanenten Zustand von Unruhe versetzt. Erstaunlich ist darüber hinaus, wie spannend der Film über die komplette Laufzeit bleibt, etwas was auch nicht unbedingt Giallo-typisch ist, da sich in diesem Genre üblicherweise die Spannungskurve auch mal längere Täler gönnt. Unnötig zu erwähnen, dass die Mordszenen – Giallo-typisch – gekonnt und gewohnt drastisch in Szene gesetzt wurden, eines angenehmen Todes stirbt in diesem Film jedenfalls garantiert keiner. :wink:

Fazit: Mit Suspiria gelang Argento sein Meisterstück, er verknüpft bravourös klassische Motive aus Horror- und Edgar Wallace-Filmen mit erstaunlichem künstlerischen Anspruch, taucht seine Szenerien in alptraumhafte Farben und lässt sein Darstellerensemble durch einen filmischen Fiebertraum taumeln. Für mich Argentos beste Arbeit (sofern man seinen Euro-Cut von Romeros Zombie nicht mitzählt).
Wertung: 9 / 10
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