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von AnatolGogol
Agent
Argo (2012) – Ben Affleck
Hätte mir jemand Ende der 90er gesagt, dass ich irgendwann mal voller Vorfreude in den neuen Ben-Affleck-Film reinrennen würde hätte ich ihn für völlig bekloppt erklärt. Affleck war damals für mich sowas wie der talentlosere unvermeidliche Sidekick von Matt Damon, der sich in filmischen Plattheiten wie Pearl Harbor oder Armageddon verdingte. Sein publicitywirksames „Beniffer“-Techtelmechtel mit „La Lopez“ tat auch wenig dazu meine Einschätzung zu ändern. Dann passierte aber für mich Unerwartetes, Affeck spielte plötzlich in immer interessanteren Filmen mit und seine Darstellung verblüffte mich jedes mal mehr, er erarbeitete sich förmlich meine Anerkennung. Und seit dem großartigen The Town nahm ich ihn auch als talentierten Filmemacher wahr. Daher waren meine Erwartungen an seinen direkten Regienachfolger Argo entsprechend hoch und was soll ich sagen: sie wurden nicht nur erfüllt sondern übertroffen. Argo hat mindestens das gleiche hohe Niveau wie The Town und ist in einigen Dingen sogar noch besser. Die große Stärke von Argo sehe ich in seiner hohen atmosphärischen Dichte. Affleck gelingt es die Zeit der späten 70er/frühen 80er absolut authentisch auf die Leinwand zu bringen. Das beginnt schon mit der liebevollen Kleinigkeit, dass der Film mit dem alten 70er Jahre Warner-Emblem beginnt, die Bilder sind bewusst grobkörnig und ausgebleicht, Austattung und Sets perfekt nachgebildet. Wie perfekt diese Epoche und die darin geschilderten Ereignisse rund um die Wirren der persischen Revolution geschildert werden kann man spätestens im Abspann sehen, wenn Originalaufnahmen den entsprechenden Filmszenen direkt gegenüber gestellt werden.
Die zweite große Stärke des Films ist seine Inszenierung. Am meisten verblüffte mich, wie mühelos Affleck den Ton des Films im zweiten Filmdrittel ändert und vom bedrückenden Geiseldrama passend zur Ankunft in Hollywood zum launigen Schelmenstück und wieder zurück wechselt. Mit John Goodman und Alan Arkin hat er genau die richtigen Haudegen, die dem Film die nötige Prise Humor und Lockerheit verleihen. Arkin ist dabei derart famos, dass er für mich der Topkandidat für den nächsten Nebendarsteller-Oscar ist. Er ist es auch, der die meisten und besten Lacher auf seiner Seite hat („John Wayne ist gerade mal sechs Monate tot und das ist von unserem Land übrig geblieben!“). Die Spannung wird während des ganzen Films über auf einem hohen Level gehalten und dann und wann gezielt gesteigert, die beängstigend-realistische Stürmung der US-Botschaft ist hier ein gutes Beispiel. Die letzte halbe Stunde geht dann sogar noch einen Schritt weiter und ist ein Lehrstück für Spannungsinszenierung. Ein klingelndes Telefon oder ein Busfahrer, der den Gang nicht bzw gerade noch reinbekommt hören sich nach alten Klischees an und sind es prinzipiell auch, aber wie gekonnt Affleck die Spannung hier auf den Höhepunkt treibt ist einfach großartig. Es gibt viele Szenen in Argo, die gerade aufgrund ihrer Inszenierung in Erinnerung bleiben, so beispielsweise die tolle Parallelmontage zwischen der öffentlichen Lesung des Argo-Drehbuchs und dem Versteck der Geiseln oder auch die Schlüsselszene während des Verhörs am Flughafen, in dem sich die Geiseln den Weg mit Hilfe ihrer Tarngeschichte freigaukeln müssen. Oder die wunderbare Schlusseinstellung, in der eine lange Kamerafahrt durch das Kinderzimmer von Afflecks Film-Sohn durch allerlei Star Wars-, Star Trek-, Planet der Affen-Figuren und Spielzeug schliesslich bei einem Argo-Storyboard endet. Afflecks Inszenierung ist einfach rundum gelungen und er ist damit für mich ein heisser Anwärter für den Regie-Oscar. Und wer weiss, vielleicht ist sogar noch mehr drin und der Film macht das Rennen um den besten Film, die patriotische Grundhaltung des Films (die aber zu keinem Zeitpunkt aufdringlich wird) sollte die Chancen jedenfalls nicht verschlechtern.
Wertung: 9 / 10
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"