Wer verfolgt denn hier die MCU-Serien bei Disney+? Ich gebe mal ein Zwischenfazit:
WandaVision – 7/10
– Die ersten drei Folgen, die noch voll und ganz auf Sitcom setzen, fand ich großartig. Das war wirklich mal etwas ganz neues und frisches, es war clever, es war gruselig (immer dann, wenn die Sitcom-Idylle ins Mysteriöse kippte), es lud zum Miträtseln ein und es gab insbesondere Paul Bettany wunderbare Momente zur Vielseitigkeit. Danach wird es etwas konventioneller, ist aber eine hübsche MCU-Variation von "Lost", "King of Queens", "Modern Family" und "Twin Peaks". Die neu eingeführten Figuren (darunter die Superheldin Photon und natürlich die wunderbare Agatha Harkness) haben mir viel Spaß gemacht und die Kreativität der Serie war bis Folge 7 ein echter Gewinn. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch: Vielleicht ist das die beste Marvel-Produktion seit "Iron Man" für mich. Dann kamen die letzten zwei Episoden, die all die klug aufgebauten Mysterien dermaßen banal und uninspiriert beendet haben, dass ich mich beim Finale für die vielen peinlichen Einlagen fremdgeschämt habe. Insbesondere die letzte Folge Nr. 9 erinnert beinahe an eine Mini-Version des grausamen Endkampfs von "Man of Steel". Sehr schade und so vergurkte sich die Serie selbst die hohe Wertung, die sie eigentlich verdient hätte.
The Falcon and the Winter Soldier – 4/10
– Uff, kennt Marvel kein Erbarmen mit mir? Sam Wilson und Bucky Barnes sind für mich die zwei langweiligsten Heldencharaktere im ganzen Marvel-Kosmos, was in nicht geringem Maße mit ihren ausdruckslosen Schauspielern Anthony Mackie und Sebastian Stan zusammenhängt. Zudem sind die "Captain America"-Filme mit ihren aufgesetzten Politthriller-/Bourne-Anleihen für mich mit die Tiefpunkte im MCU. Trotzdem habe ich der Serie eine Chance gegeben und kann ihr zumindest zugute halten: Die Versuche sind da, eine differenzierte Geschichte über Patriotismus zu erzählen. Was bedeutet es für einen Schwarzen, den Star Spangled Banner auf der Brust zu tragen und damit auch die Fahne all jener zu repräsentieren, unter deren Symbol die eigenen Vorfahren zu leiden hatten? Über vereinzelte Aspekte kommt die Geschichte dabei zwar nie hinaus, dennoch sind die Ansätze da und regen zum Nachdenken an. Die Action ist zudem exzellent und wirklich spektakulär. Ein Aushängeschild für den Disney-Streamingdienst. Doch es hilft nix: Der große Plot um linskliberale Terroristen ist zum Vergessen, die beiden Helden in ihrem Gezanke kaum interessant und der Anti-Captian-America John Walker – leider – ein Pappkamerad.
Loki – 6/10
– Dafür, dass "Loki" aus nur sechs Folgen à 45 Minuten besteht, ist diese Serie bis zum Rand mit Ideen und Plots vollgepackt. Es ist teils zu viel des Guten: Die eigentliche Geschichte beginnt erst in Folge 2, da der Pilot auf enorm konstruierte Weise die komplizierte Welt, in der Loki sich als Figur befindet, erklären und etablieren muss. Die letzte Folge hat zudem die sehr unrühmliche Aufgabe, alles aufzuklären und gleichzeitig eine zweite Staffel vorzubereiten, und das, ohne das noch allzu viel Action innerhalb der Folge erfolgen kann. Dafür ist "Loki" dann trotzdem eine spaßige Angelegenheit, was nicht zuletzt der Buddy-Chemie zwischen Tom Hiddleston und Owen Wilson (als eine Art Zeitreise-Cop) zu verdanken ist. Der Plot ist zudem nicht doof, was hier durchaus hilft: Die ganze Angelegenheit macht, sofern man sie erstmal verstanden hat, Sinn und ist interessant genug, um zu fesseln. Ein blöder Stinker ist eigentlich nur die fünfte Episode, in der Loki auf verschiedene Alternativ-Loki trifft, die richtig ausgeflippt und kultig sein sollen, dafür aber nicht wahnwitzig genug auftreten. Trotzdem: Netter Zeitvertreib, der sich besser gucken lässt als gedacht.
What If … ? – 5/10
– Viel Licht und viel Schatten. Die Zeichentrickserie über alternative Marvel-Episoden hat einige echte Kracher zu bieten und wahnsinnig schnarchige Folgen. Der Animationsstil ist durchweg hässlich, die Kreativität für die verschiedenen Abzweigungen zu den "originalen" MCU-Kapiteln dafür stets beeindruckend hoch. Richtige Highlight-Folgen sind vor allem die Episoden 3 und 7: In Folge 3 werden die Ereignisse der Filme "Iron Man 2", "Der unglaubliche Hulk" und "Thor" als Murder Mystery nach Agatha-Christie-Logik erzählt, mit pfiffiger Auflösung, die sich großzügig im Comic-Kanon bedient. Folge 7 zeigt zudem den Donnergott Thor als Einzelkind und damit als arroganten Party-Alkoholiker, der in Vegas so heftig auf den Putz haut, dass Captain Marvel aus dem All vorbeischaut und sich mit ihm über den halben Erdball klopft. Eine erstaunlich rotzig-sinnfreie Spaß-Folge. Die Tiefpunkte sind dafür wirklich schmerzhaft: Folge 4 zentriert sich auf Dr. Strange und versucht so angestrengt, irgendwie tragisch und dramatisch zu sein, dass sie mich in dieser Penetranz nur nervte. Und Folge 5 verwandelt nahezu alle MCU-Helden in Zombies, hat dann aber keine Ahnung, was sich in 25 Minuten damit anstellen lässt. Staffel-Gesamteindruck: Mittelmaß.
Hawkeye – 6/10
– Vorne weg: Mit Hailee Steinfeld als Hawkeye-Nachwuchsschülerin Kate Bishop bin ich in dieser Serie nicht warm geworden. Die verwöhnte und privilegierte Kate taugt gar nicht als Sympathieträgerin, egal wie sehr das Drehbuch versucht, ihr Ecken und Kanten anzudichten. Trotzdem ist die "Hawkeye"-Serie nett und amüsant: Die sehr kleine Geschichte um ein paar Mafiosi und einen mysteriösen Mordfall ist nicht spannend, aber ein guter Vorwand für eine Reihe angenehm entspannter Episoden, zum Beispiel, wenn Jeremy Renner sich undercover bei einer LARP-Veranstaltung einschummeln muss. Oder wenn das erfolgreiche "Hamilton"-Musical grandios als Avengers-Bühnenschau verballhornt wird. Klar: Allzu solide ist das Fundament der Dramaturgie hier nicht und gerade hier darf man fragen, ob diese sechs Folgen nicht besser als zweistündiger Film funktioniert hätten. In der zweiten Staffelhälfte ist die Luft schnell raus und es wird wenig aufregendes geboten. Bis dann die letzte Folge und damit die wunderbare Florence Pugh als neue Black Widow auf der Bildfläche erscheint und ein paar tolle letzte Actionmomente aufgeboten werden. Da entschädigt die Serie für den vorausgegangenen Leerlauf und geht souverän zu Ende.
Moon Knight – 3/10
– Zwischenzeitlich dachte ich, "Moon Knight" würde die zwei bislang für mich schlechtesten MCU-Produktionen ("Spider-Man: Far From Home" und "Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings") ablösen. Die ersten vier Folgen, die uns von der Presse vorab gezeigt wurden, waren schlicht desaströs. Oscar Isaac ist im Overacting-Modus mal 1000 immer kurz davor, einer eh schon tonal hochgradig lächerlichen Handlung um ägyptische Götter und ihre menschlichen Avatare den Rest zu geben. Die Action ist dazu schundhaft mies getrickst, einfallslos wie sonst nix und die Figuren sind so unterentwickelt, dass sie bis zum Schluss nicht greifbar werden. Den Vogel abschießen tut die Tatsache, dass es sich bei Moon Knight um einen Mann mit dissoziativer Identitätsstörung handelt und Marvel diese reale psychische Erkrankung hier mit Füßen tritt und sie zur "Superheldenfähigkeit" stilisiert, die man nur beherrschen zu lernen muss. Dass im Abspann regelmäßig auf Hilfsprogramme für psychisch Erkrankte verwiesen wird, wirkt bei dieser respektlosen und unsensiblen Herangehensweise gar wie Hohn. Auf der Habenseite ist nicht viel, aber der fremdartige Soundtrack und die hübsche May Calamawy weckten vereinzelt mein Interesse.
Re: Marvel Cinematic Universe Thread (Marvel Studios/Disney)
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Let the sheep out, kid.
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