Re: Zuletzt gesehener Film

10666
So trifft man den Nagel auf den Kopf, lieber 00T, meine Hochachtung! Ich kann jedes Wort unterschreiben. Das grässliche "Babylon"-Ende war einer der blödesten Kinomomente der letzten Jahre, und ich habe es so wahrgenommen, wie du es auch schreibst: Chazelle wird da zum ganz großen Apologeten der Kinogeschichte. Sicher hat er das nicht so gemeint (unterstelle ich ihm jetzt mal), aber bei mir kam auch exakt das an: "Ist doch egal, wie sehr die Menschen leiden mussten, müssen und noch leiden werden, aber ohne all diese ausbeuterischen Umstände hätten wir nie Filme wie 'Jurassic Park' oder 'Psycho' bekommen." – Na, schönen Dank …

Es sind brillante Szenen in "Babylon", aber sie wechseln sich ab mit Szenen, die so selbstverliebt, so aufgeblasen und teilweise so bestürzend dumm sind, dass mir der Film als ganzes wahnsinnig unsympathisch war.
https://filmduelle.de/
https://letterboxd.com/casinohille/

Let the sheep out, kid.

Re: Zuletzt gesehener Film

10669
Genghis Khan (1965) - Henry Levin

Ich bin durch Zufall über dieses mir bislang gänzlich unbekannte Monumentalabenteuer aus der Blüte des Genres gestossen und das war tatsächlich ein schöner Spass. Die erste Überraschung war dabei, dass die Mongolei hier ausschaut wie die Jagdgründe der Apachen. Kein Wunder, wurde der Film doch in den Winnetou-erprobten Schauplätzen in Kroatien gedreht und das ist dann schon witzig, wenn in schöner Regelmäßigkeit die Mongolen am Nugget Tsil, am Silbersee, im Geierschen Berglager oder beim Apachen-Pueblo ihre Abenteuer bestreiten. Die zweite Überraschung war die Besetzung. Die ist zum einen ziemlich prominent und zum anderen ziemlich skurril. Die entzückende und leider viel zu frühe verstorbene Francoise Dorleac und Ben-Hur-Baddie Stephen Boyd sind dabei noch weitgehend typgerecht besetzt und auch Omar Sharif in der Titelrolle ist jetzt auch keine völlig überraschende Besetzung (wer als Berber, Deutscher, Russe oder Grieche durchgeht kann fraglos auch Mongole! :) ). Lustiger wird es schon bei Telly Savalas als mongolischem Hauptmann. Ganz kurios wird es dann aber, wenn Eli Wallach als persischer Shah, James Mason als chinesischer Edelmann oder Robert Morley als Kaiser von China munter aufspielen! Vor allem Mason gibt dabei als Klischee-Chinese eine derart absonderliche Performance, die man von diesem - völlig zurecht - als schauspielerisches Schwergewicht in die Filmgeschichte eingegangenen Edelmimen nie und nimmer erwarten würde. Da wird wirklich jedes Klischee bedient vom Dauergrinsen über das ge-ellte R hin zum immer gebückten Auftreten und sanft-philosophischen Gefasel. Ja, das ist kurios und erheiternd, aber tut dem Abenteuerspass dennoch keinen Abbruch (bzw. erhöht ihn eigentlich sogar noch). Denn die Story um den (weitgehend frei zusammengesponnenen) Aufstieg und die damit verbundenen Abenteuer und Kriegeleien des mongolischen Herrschers sind sehr kurzweilig und schön aufwändig in Szene gesetzt. Von dahel gebe ich gelne eine übeldulchschnittliche Beweltung:
7,5 / 10

"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Zuletzt gesehener Film

10670
Wurde hier mal was zu Ex Machina gesagt? Habe mir den jetzt mal angeschaut. Ist für mich aber ein typischer Fall von "viel verschenktes Potenzial". OK, das Setting ist nett in dieser abgeschotteten, ultra-modernen Villa, die Vikander ist in der Tat zum Verlieben. Ansonsten ging mir die Entwicklung im Film zu schnell und wenig wird erklärt. Der Nerd ist von Anfang an verliebt in die Androidin, außerdem ist der gesamte Turing Test im Grunde völlig gescheitert, da sie ja ständig sehr deutlich klar macht, dass sie kein Mensch ist. Die Dialoge zwischen IT Nerd und der Androidin sind auch alle recht seicht. So richtig viel Gehirnarbeit steckt da nicht im Drehbuch.

Das Ende fand ich ganz witzig und brutal.
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

10671
danielcc hat geschrieben: 3. Oktober 2023 18:02 Wurde hier mal was zu Ex Machina gesagt? Habe mir den jetzt mal angeschaut. Ist für mich aber ein typischer Fall von "viel verschenktes Potenzial". OK, das Setting ist nett in dieser abgeschotteten, ultra-modernen Villa, die Vikander ist in der Tat zum Verlieben. Ansonsten ging mir die Entwicklung im Film zu schnell und wenig wird erklärt. Der Nerd ist von Anfang an verliebt in die Androidin, außerdem ist der gesamte Turing Test im Grunde völlig gescheitert, da sie ja ständig sehr deutlich klar macht, dass sie kein Mensch ist. Die Dialoge zwischen IT Nerd und der Androidin sind auch alle recht seicht. So richtig viel Gehirnarbeit steckt da nicht im Drehbuch.

Das Ende fand ich ganz witzig und brutal.
Ja, den sehe ich ähnlich. Ich fand die Dialoge auch zu seicht für das Thema, und Alex Garland setzt auf einen Haufen Klischees, zum Beispiel wird natürlich der selige Oppenheimer bemüht. Spannend fand ich die Grundprämisse zwar schon, weil hier die Sci-Fi-KI-Debatte als erotisches Verfügrungsspiel umgedeutet wird, aber dafür blieb mir der Film dann insgesamt zu brav. Alicia Vikander ist aber großartig in der Rolle und zurecht ein Star geworden und ja, das Ende ist amüsant und vernünftig aufgebaut.
https://filmduelle.de/
https://letterboxd.com/casinohille/

Let the sheep out, kid.

Re: Zuletzt gesehener Film

10672
Habe jetzt endlich Glass Onion sehen können nachdem ich letzte Woche noch mal Knives Out genossen habe.

Der Nachfolger enttäuscht leider auf weiter Flur. Der Protagonist wird teils zur Witzfigur und der eigentliche Fall kaum der Rede wert. Scheinbar hatte auch der Autor und Regisseur Probleme damit, seinem Benoit Blanc Charakter zu geben, und verliert sich daher in lustigen Klamotten und anderen Marotten.
Überhaupt wirkt der Film wie eine Homage zum Ustinov Klassiker "Das Böse unter der Sonne"
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

10675
Ich mochte den, alleine schon deshalb, weil Fincher (für mich unerwartet) etwas wirklich Schräges und "Neues" gelungen ist, was man so auch noch nicht unbedingt gesehen hat. Dabei meine ich erstaunlicherweise vor allem die inhaltliche Ausrichtung. Es ist ein wirklich eigenwilliges, ungewöhnliches Biest. Ich muss ehrlich sein und sagen: Zu 100 Prozent begeistert hat mich der Film nicht, da die Herangehensweise von Fincher es nahezu unmöglich machte, mitzufiebern und emotional eine Bindung zum Plot und den Figuren aufzubauen. Es ist ein Film, in dem auf Handlungsbasis eigentlich fast nichts passiert, und es wirklich darum geht, das "sehr langweilige Alltagsgeschäft" eines Auftragsmörders so präzise wie möglich zu zeigen. Fincher lädt den Film aber mit tiefschwarzem Zynismus auf und spielt nicht nur mit dem Genre, sondern auch mit dem "Mythos" um seine eigene Filmografie, weshalb "The Killer" teilweise wirklich sehr lustig gerät. Irgendwas zwischen 7/10 und 8/10 meinerseits.
https://filmduelle.de/
https://letterboxd.com/casinohille/

Let the sheep out, kid.

Re: Zuletzt gesehener Film

10676
Soeben:
A Haunting in Venice

Hammer! Locker und mit großem Abstand der Beste der drei Branagh Poirots!
Ich liebe ja ohnehin so atmospährische Gruselthriller. Insofern hat mich Haunting vor allem an einen meiner guilty pleasures "The Others" (mit Nicole Kidman) erinnert.

Hier stimmt die Story, die Auflösung, die (dieses mal für mich weniger bekannten) Darsteller, vor allem aber ist der FIlm viel "kleiner" und dafür authentischer was die Locations angeht. Hier fühlt sich Vendig "echt" an, keine sterilen CGI Umgebungen. Für die meiste Zeit ist man aber ohnehin mit den Figuren in dem Palazzo gefangen, was für echte Spannung sort.
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

10677
Ja, das sehe ich ähnlich, das war der erste "gute" Poirot-Film von und mit Branagh und vor allem der erste, der nicht vollkommen überflüssig war, weil er eine bereits sehr ordentliche Verfilmung in beschissen nachahmt.
https://filmduelle.de/
https://letterboxd.com/casinohille/

Let the sheep out, kid.

Re: Zuletzt gesehener Film

10679
Stimmt. Die ersten bei den waren teils nett, teils überflüssig weil man eben diese beiden Geschichten so gut kennt. Nun hat Haunting vermutlich wenig mit der Originalgeschichte zu tun (oder?), daher war es aber auch frischer und überraschender.

Zwar wirkten daher auch viele Teile der Story wie Versatzstücke aus anderen Filmen, doch das kompensiert Branagh hier mit einer viel raffinierteren Regie und Kameraarbeit.

Randnotiz: Ich hatte mit den FIlme auf Prime mit Extras gekauft, so dass dort die ganze Zeit eine Laufzeit von 135min stand, weswegen ich völlig verwirrt war, als nach knackigen 90min die AUflösung kam. Haha, macht es aber nicht schlechter
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

10680
Casino Hille hat geschrieben: 7. November 2023 10:25 Ich mochte den, alleine schon deshalb, weil Fincher (für mich unerwartet) etwas wirklich Schräges und "Neues" gelungen ist, was man so auch noch nicht unbedingt gesehen hat. Dabei meine ich erstaunlicherweise vor allem die inhaltliche Ausrichtung. Es ist ein wirklich eigenwilliges, ungewöhnliches Biest. Ich muss ehrlich sein und sagen: Zu 100 Prozent begeistert hat mich der Film nicht, da die Herangehensweise von Fincher es nahezu unmöglich machte, mitzufiebern und emotional eine Bindung zum Plot und den Figuren aufzubauen. Es ist ein Film, in dem auf Handlungsbasis eigentlich fast nichts passiert, und es wirklich darum geht, das "sehr langweilige Alltagsgeschäft" eines Auftragsmörders so präzise wie möglich zu zeigen. Fincher lädt den Film aber mit tiefschwarzem Zynismus auf und spielt nicht nur mit dem Genre, sondern auch mit dem "Mythos" um seine eigene Filmografie, weshalb "The Killer" teilweise wirklich sehr lustig gerät. Irgendwas zwischen 7/10 und 8/10 meinerseits.
so, habe den jetzt auch gesehen und er hat mir gut gefallen. Ich kann deine Einschätzung gut teilen, ich für mich würde eine gute 8/10 vergeben.

Um den Konnex im Film zu behalten muss man schon sehr genau aufpassen, vieles wird nur angedeutet oder kurz erwähnt, sodass der stellenweise für manche wahrscheinlich als "langweilig" oder langatmig empfunden wird, was Fincher aber wohl genauso beabsichtigt, weil er ja das "sehr langweilige Alltagsgeschäft" eines Killers zeigt, wie du ja auch schreibst. Fassbender spielt das jedenfalls phantastisch (und wäre auch ein toller Bond gewesen), die eine längere Kampfsequenz ist absolut brutal und top inszeniert. Dazwischen ein bisschen Sarkasmus, herrlich.

Ehrlich gesagt enthält "The Killer" vieles, was ich mir gerne auch bei Bond (wieder) mehr wünsche würde, Fokus auf den Protagonisten, auf seine Mission, sein Ziel, das er verfolgt. Bei diesem Film kommt noch dazu, dass man durch die inneren Monologe fast immer weiß, was er denkt und wieso er sich wie entscheidet. Der realistische Einsatz von Waffen und Gadgets - das Kartenlesegerät wird schnell bei Amazon bestellt und am nächsten Tag anonym bei einer Abholstation geholt, seine Waffen und Reisepässe hat er im ganzen Land gut verteilt und versteckt etc. - ein Agent/Killer, bei der Arbeit.

Ich habe das hier im Forum schon ein paar mal geschrieben, und wahrscheinlich werden nicht viele meine Meinung teilen (und es ist deshalb leider nicht massentauglich), aber so eine realistische Herangehensweise würde ich mir auch für Bond wünschen. Klar, bei Bond muss es nicht ganz so "düster" sein, aber mehr Thriller und Suspense, weniger Pathos und Emotionalität, weniger Over-The-Top und mehr "echte" Agentenarbeit - das würde ich mir wünschen. Von der Herangehensweise her sehe ich da einige Ähnlichkeiten zu QOS (und somit auch zu "Bourne"), wobei dort durch das hohe Erzähl- und Actiontempo viele abgeschreckt werden - das ist hier besser. Und würde ich mir auch für Bond wünschen.

Und David Fincher könnte zumindest auch schreiben und Regie führen... ;)
Fincher4Bond!
(aber ja, wird wohl nicht passieren ;))
Bond... JamesBond.de