Re: Zuletzt gesehener Film

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iHaveCNit: Zeiten des Umbruchs (2022) – James Gray – Universal
Deutscher Kinostart: 24.11.2022
gesehen am 16.11.2022 in OmU in der Spotlight-Sneak
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 21:00 Uhr
gesehen am 29.11.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Petit – Reihe 1, Platz 5 – 16:15 Uhr


Irgendwie kommt es mir so vor, als ob wir sowohl am Anfang des Jahres als auch am Ende des Jahres 2022 zwei Filme auf die Leinwand bekommen haben, die sich thematisch ähnlich sind und zeigen, dass es durchaus Trend ist, dass Regisseure sich gerne an ihre Kindheit zurück erinnern und dies im besten Sinne von Coming-Of-Age-Filmen mit einem gesellschaftlichen Zeitporträt verbinden. So erging es mir bei Kenneth Branaghs „Belfast“, an den ich irgendwie denken musste, als ich mir James Grays „Zeiten des Umbruchs“ angesehen habe.

Kurz vor der Wahl von Ronald Reagan zum US-Präsidenten verbringt der junge Paul den Spätsommer im New York des Jahres 1980. Paul, der unter seiner vielbeschäftigten Mutter, seinem strengen Vater und seinem mobbenden Bruder leidet und bei dem scheinbar nur der Großvater einen Zugang zu dem Jungen findet, lernt zu Beginn des Schuljahres den wiederholenden, afroamerikanischen Jonathan kennen und freundet sich mit diesem an. Inmitten seines Umfeldes bringt diese Freundschaft jedoch einige Konflikte hervor, die für Paul zu prägenden Ereignissen und Erkenntnissen sorgen.

Für mich ist ein aktuelles Problem vieler Filme, dass man grundsätzlich thematisch viel zu viele Themen auf einmal verhandeln möchte und damit einiges wesentlich auf der Strecke bleibt und nur oberflächlich abgehandelt wird. So ist es leider auch bei James Grays „Zeiten des Umbruchs“ beziehungsweise „Armageddon Time“. Denn das Familiendrama einer jüdisch-ukrainischen Familie, indem das Ensemble aus Anne Hathaway, Jeremy Strong und vor allem Anthony Hopkins großartig spielt, hat mir sehr gut gefallen. Auch die Dynamik zwischen dem von Banks Repeta gespielten Paul mit Anthony Hopkins als auch die Dynamik mit dem von Jaylin Webb gespielten Jonathan hat mir sehr gut gefallen. Da steckt sehr viel Herz, Wärme, aber auch im weiteren Verlauf ein bitterer Beigeschmack darin, der dem Coming-Of-Age-Drama das gewisse Etwas gibt. Der Film bildet gesellschaftlich hier eine Zeit wieder, die durchaus prägend für die Entstehung eines Staates ist, indem zum Beispiel ein Donald Trump Präsident werden konnte. Da passt es durchaus, dass sowohl sein Vater als auch seine Schwester (hier mit einem interessanten Cameo von Jessica Chastain dargestellt) einen filmischen Auftritt haben. Darüber hinaus bekommen wir durchaus mit, welche unterschiedliche Formen und Härten der Alltagsrassismus mit seinen Ressentiments in den vereinigten Staaten gegenüber jüdisch-ukrainischen Einwanderern als auch afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen existieren und dass hier durchaus keine Chancengleichheit besteht.

„Zeiten des Umbruchs“ - My First Look – 8/10 Punkte.

iHaveCNit: Bones and All (2022) – Luca Guadagnino - Warner
Deutscher Kinostart: 24.11.2022
gesehen am 29.11.222
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 20:45 Uhr


Zu Regisseur Luca Guadagninos Werken pflege ich ein sehr bipolares Verhältnis. Ungeachtet der qualitativen Komponente seiner Filme schlagen seine Filme immer eine andere Richtung ein. Während mich „A Bigger Splash“ und „Suspiria“ eher gelangweilt haben, hat mich „Call Me By Your Name“ fasziniert und emotional mitgerissen. So sehr sogar, dass „Call Me By Your Name“ am Ende in meiner Jahres-Top-10 gelandet ist. Gerade da einige Komponenten von „Call Me By Your Name“ nun auch in „Bones and All“ enthalten sind, war bei mir eine gewisse Hoffnung vorhanden, dass er auch in die gleiche Richtung ausschlägt wie „Call Me By Your Name“. Auch wenn er nicht ganz die emotionale Faszination bei mir ausgelöst hat, geht er wieder in die richtige positive Richtung.

Die junge Maren führt gemeinsam mit ihrem Vater ein einsames, isoliertes Leben, denn ihr Vater möchte sie weitestgehend von ihrem Umfeld abschotten bis sich Maren eines Abends aus dem Haus schleicht und einen Abend bei ihren Freundinnen verbringt. Dort kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall, der Maren und ihren Vater dazu zwingt, das Haus und die Stadt zu verlassen. Kurze Zeit später wird Maren auf sich alleine gestellt sein, denn ihr Vater verlässt sie und hinterlässt ihr Hinweise auf ihre Vergangenheit, so dass sich Maren auf die Reise nach ihrer Mutter begibt. Dabei trifft sie nicht nur auf den verrückten Sullivan, sondern auch auf den charismatischen Lee, die scheinbar ähnliche Gelüste teilen wie sie selbst.

Luca Guadagninos „Bones and All“ ist eine faszinierende, aber auch gemächliche, fast meditative Mischung aus Road-Movie, Coming-Of-Age und Romanze mit Horror-Elementen. Inszenatorisch hat mir die Umsetzung des Filmes sehr gut gefallen. Auch wenn es um die Horror-Elemente geht, geht der Film nicht ganz unzimperlich mit einer visuellen Darstellung um. In welche Horror-Richtung es hier geht, möchte ich dieser Stelle nicht sagen, aber die Richtung im Allgemeinen kann man hier durchaus auch mit Suchterkrankungen gleichsetzen und auch die filmische Zeichnung der Gesellschaft wie mit diesen Menschen umgeht und Menschen mit diesen Suchterkrankungen entsprechend normalisiert und menschlich dargestellt werden mit ihren Ängsten, Hoffnungen und auch Bedürfnissen, zu denen natürlich auch körperliche Nähe und Liebe dazugehört. Während zum einen Mark Rylance als auch Michael Stuhlbarg für zwei extrem prägnante und großartige Nebenrollen sorgen, ist das nach ihrer großartigen Performance in „Waves“ nun ein weiterer starker Eintrag für Taylor Russell und Timothee Chalamet ist hier natürlich als Leinwandpartner eine großartige Ergänzung. Schade fand ich hingegen, dass im Soundtrack für meinen Geschmack etwas gefehlt hat – wenn man bereits im Trailer mit einem Stück von Leonard Cohen nutzt, hätte ich gerne durchaus auch etwas Cohen im Film vermutet. Unabhängig davon ist der Film dennoch ein großartiges Erlebnis, das mit Knochen, Blut und Allem meinen Geschmack getroffen hat.

„Bones and All“ – My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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Casino Hille hat geschrieben: 27. November 2022 12:41
HCN007 hat geschrieben: 26. November 2022 14:39 iHaveCNit: Glass Onion – A Knives Out Mystery (2022) – Rian Johnson – Netflix
Auch wenn der Plot nicht ganz so clever wie der des Vorgängers ist, hat die gläserne Zwiebel durchaus die ein oder andere interessante Wendung und Entwicklung zu bieten.
Das ist allerdings eine mittelschwere Untertreibung. "Knives Out" war sicherlich nicht ganz so genial konstruiert wie es einige der Agatha-Christie-Krimis sind (insbesondere "Tod auf dem Nil" dürfte hinsichtlich der Auflösung des Falls für mich die Königsklasse sein), aber das war ein kluger Film, der durch seinen herrlich durchdachten Genre-Twist pfiffig rüberkam. Genial an "Knives Out" war ja eben, dass wir es nicht mit einem Whodunnit zu tun hatten, sondern nach circa 30 Minuten erfuhren, wie sich die Mordnacht im Detail abgespielt hat - und von da an wurde "Knives Out" von Agatha Christie zu Alfred Hitchcock, plötzlich fieberten wir nicht mit dem ermittelnden Detektiv mit, sondern mit der vermeintlichen Mörderin, die alles gab, um ihre Spuren zu verwischen. Dass dann in den letzten 20 Minuten der (eher etwas dusselige) Ermittler plötzlich doch noch zum Erklärbärmonolog à la Poirot ansetzte, um uns einen Täter zu präsentieren (und damit wieder ins Whodunnit-Gefilde zu wechseln), war ein für mich toller Moment im Kinosaal, den ich genossen habe. Und auch wenn der Fall und seine Auflösung letztlich sicherlich extrem kompliziert und verschachtelt waren, wurde es doch in sich schlüssig und gekonnt erzählt. So geht das!

"Glass Onion" war für mich nur ein einziges Ärgernis. Der Film wirkt gar wie eine Parodie auf all das, was in "Knives Out" noch wunderbar organisch wirkte und präsentiert wurde. Der Cast an Charakteren bekommt dieses Mal gar nichts zu tun und die Hälfte von ihnen sind so furchtbar eindimensional gezeichnet, dass kein Zweifel daran besteht: Sie sind einzig im Film, um die Verdächtigenzahl in die Höhe zu treiben. Dann versucht Johnson in der Mitte des Films einen ähnlichen Twist wie damals nach dem ersten Akt von "Knives Out", nur das er dafür dieses Mal einerseits das Pacing opfert (weil der Film quasi noch einmal von vorne anfängt) und andererseits (ich versuche es, halbwegs spoilerfrei zu halten) dermaßen viele Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten aneinanderreihen kann, dass ich mich als Krimi-Zuschauer betrogen fühlte. Mehrfach belügt Johnson sein Publikum einfach zugunsten eines banalen Twists (an einer Stelle so schludrig und doof, dass ich es ihm übelnehmen muss), und die letztliche Auflösung des Falls ergibt überhaupt keinen Sinn. Die eine Person, die einfach nicht der oder die Mörder/in sein kann, weil dann der gesamte Plot in sich zusammenfallen würde, stellt sich als der oder die Täter/in heraus - und wie Johnson dann all die Logiklücken und offensichtlichen Dummheiten rechtfertigt, ist - entschuldigt die Härte meiner Wortwahl - faules und selbstverliebtes Storytelling. "Glass Onion" ist nämlich kein Krimi und auch nicht - obwohl er sehr lustig ist und extrem gute Pointen setzt - eine Komödie, sondern eigentlich eine Satire, ein Message-Film, der in den letzten 20 Minuten seine Botschaft so aggressiv mit dem Holzhammer auf das zahlende Kinopublikum einprügeln will, dass ihm auch egal ist, ob er dafür jede Integrität seiner Handlung mit in Stücke schlägt.

Hab ich mich gut unterhalten gefühlt? Teilweise schon. Viele Dialogwitze sind tatsächlich zum brüllen. Daniel Craig ist hier nochmal viel besser als in "Knives Out" und ehrlich gesagt vielleicht so gut wie noch nie. Janelle Monáe spielt ihren Part wunderbar (auch wenn sie mit Ana de Armas aus dem Vorgänger nicht konkurrieren kann, weil der Film ihr weniger Platz einräumt) und sowohl Dave Bautista als auch Kate Hudson und Jessica Henwick machen Spaß. Zumal vieles in "Glass Onion" dann eben doch klug ausgearbeitet ist, aber ironischerweise vor allem die kleinen Details, die cleveren späten Rückbezüge auf Dialoge zu Anfang etc., während der eigentliche Plot, das tatsächliche Drehbuch, eine Katastrophe darstellt - die ich in ihrer Absurdität verzeihen könnte, käme sie am Ende nicht mit dieser ultra belehrenden Botschaft aus der Hölle um die Ecke.
Ich nehme an, du hast die OV gesehen von Glass Onion, oder? Hat jemand Erfahrung mit der DF? Wie ist Craig da dieses Mal?
Bond... JamesBond.de

Re: Zuletzt gesehener Film

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iHaveCNit
Spotlight-Sneak 30.11.2022
Überraschungsfilm in OmU mit unbekanntem Kinostart
Arthouse-Kinos Frankfurt – Kleine Harmonie – Reihe 3, Platz 9 – 21:00 Uhr


Spotlight Sneak Nummer 21 des Jahres 2022 für mich !

Wie immer ein Überraschungsfilm mit unbekanntem Kinostart aus dem Programm der Arthouse-Kinos Frankfurt – meist aus der kommenden oder übernächsten Kinowoche – Mit Anmoderation, gelegentlichem Gewinnspiel und am Ende darf eine Wertung abgegeben werden.

Das Ranking an der Stelle:

1. Come On Come On (1,9) / Der schlimmste Mensch der Welt (1,9)
2. Abteil Nr. 6 (2,0) / Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (2,0) / Beautiful Beings (2,0)
3. One Of These Days (2,1) / Triangle Of Sadness (2,1)
4. Belfast (2,2) / Was geschah mit Bus 670 ? (2,2)
5. Eine Sekunde (2,4)
6. Licorice Pizza (2,5) / Die Magnetischen (2,5) / Peter von Kant (2,5) / Zeiten des Umbruchs (2,5)
7. Spencer (2,7) /Sundown (2,7) / Mona Lisa and the Blood Moon (2,7)
8. Massive Talent (2,8) / November (2,8)
9. Der Gesang der Flusskrebse (2,9) / Das Glücksrad (2,9)
10. France (3,4)
11. Willkommen in Siegheilkirchen (4,6)

Der Hinweis war folgender:
Heute lassen wir mal wieder Bilder anstatt Worte und Taten sprechen.

Gezeigt wurde ein Bild der Sonne aus der TV-Serie „Teletubbies“ - und grundlegend ging es hier nur um die Sonne ! Ein Film, bei dem ich über eine Sichtung nachgedacht habe, ihn aber nun aufgrund der Sneak nicht mehr sehen muss.

Die Auflösung:
In der gestrigen Spotlight-Sneak haben wir euch SONNE, den Debütfilm der österreichisch-irakischen Filmemacherin Kurdwin Ayub, gezeigt.
Drei junge Frauen drehen ein Musikvideo, in dem sie einen Hijab anhaben. Sie werden über Nacht in ihrem Umfeld bekannt und für Familienfeiern gebucht. Der Film widmet sich den Themen Religion einer Generation von jungen Menschen, die ihren Alltag hauptsächlich in Social Media verbringen. Wichtiges, österreichisches Kino, produziert von enfant terrible Ulrich Seidl.
Wir starten SONNE ab Freitag, 2.12. bei uns in der Harmoniere.
Eure Bewertung = 2,6
Note 1 = 10x
Note 2 = 35x
Note 3 = 17x
Note 4 = 10x
Note 5 = 2x
Note 6 = 4x
Die kommende Spotlight-Sneak findet dann wieder in zwei Wochen am 14.12. statt.

Das Ranking an der Stelle:

1. Come On, Come On (1,9)
Der Schlimmste Mensch der Welt (1,9)
2. Abteil Nr. 6 (2,0)
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (2,0)
Beautiful Beings (2,0)
3. Triangle Of Sadness (2,1)
One Of These Days (2,1)
4. Belfast (2,2)
Was geschah mit Bus 670 ? (2,2)
5. Eine Sekunde (2,4)
6. Licorice Pizza (2,5)
Die Magnetischen (2,5)
Peter von Kant (2,5)
Zeiten des Umbruchs (2,5)
7. Sonne (2,6)
8. Spencer (2,7)
Sundown (2,7)
Mona Lisa And The Blood Moon (2,7)
9. Massive Talent (2,8)
November (2,8)
10. Der Gesang der Flusskrebse (2,9)
Das Glücksrad (2,9)
11. France (3,4)
12. Willkommen in Siegheilkirchen (4,6)

Ich habe eine 3 vergeben – Punktemäßig steht er bei mir auf 7/10 Punkten.

Bisher vergebene eigene Noten Spotlight Sneaks 2022 (in Klammern 10er-Wertung):

1 – Spencer (9) / Licorice Pizza (9) / Come On Come On (10) / Triangle Of Sadness (10)
2 – Belfast (8) / Abteil Nr. 6 (9) / Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (9) / Der Schlimmste Mensch der Welt (9) / One Of These Days (8) / France (8) / Eine Sekunde (9) / Die Magnetischen (8) / Der Gesang der Flusskrebse (6) / Peter von Kant (8) / Mona Lisa And The Blood Moon (8) / Beautiful Beings (9) / Zeiten des Umbruchs (8)
3 – Sundown (7) / Massive Talent (7) / Sonne (7)
4 – Willkommen in Siegheilkirchen (5)

iHaveCNit: Sonne (2022) – Kurdwin Ayub – Neue Visionen Filmverleih
Deutscher Kinostart: 01.12.2022
gesehen am 30.11.2022 in der Spotlight-Sneak
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 21:00 Uhr

Und wieder einmal hat man mich bei einer Sneak überraschen können mit einem Film, auf dem ich geschlafen habe und bei dem ich mir vielleicht sogar ganz kurzfristig Gedanken über eine Sichtung gemacht habe, die sich dann mit der Sneak erübrigt hat. Die Rede ist vom Debütfilm „Sonne“ der irakisch-österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub.

Die junge Kurdin Yesmin verbringt einen entspannten Nachmittag mit ihren beiden Freundinnen Nati und Bella. Beim Herumalbern und Videos für soziale Netzwerke aufzeichnen ziehen sie den Hijab von Yesmins Mutter an und filmen sich in aufreizenden Posen während sie R.E.M.s „Losing My Religion“ zum Besten geben. Ein daraus entstandenes Youtube-Video führt jedoch nicht nur zu einem kleinen Bekanntheitsschub für das Trio, es führt auch zu Konflikten innerhalb von Yesmins Familie, es stellt die Freundschaft des Trios auf eine Probe und auch Yesmin scheint sich intensiver mit ihrer persönlichen und auch religiösen Identität zu beschäftigen.

„Sonne“ ist ein sehr feines, authentisches Drama geworden, dass vor allem einen interessanten Blick in das Innenleben kurdischer Familien liefert und durchaus ein Film der Gegensätze ist. Zwischen religiöser Tradition und technologischer Moderne ergibt sich ein sehr interessantes, diskurswürdiges Spannungsfeld. Das Spiel mit den Gegensätzen zieht sich auch innerhalb der Familie und den dort herrschenden Machtdynamiken wieder, wenn eher die Mutter die strenge, moralische Instanz darstellt während der Vater voller Stolz und Unterstützung seiner Tochter beisteht. Darüber hinaus ist die entgegen läufige Charakterentwicklung innerhalb des Trios sehr interessant zu beobachten. Während die eher liberal eingestellten Freundinnen Bella und Nati immer stärker in die traditionell konservative Richtung gehen, verhält es sich bei Yesmin komplett umgekehrt – so dass der Film auch das Thema kulturelle Entfremdung angeht. Jedoch hat der Film so viele Themen in seiner kurzen Laufzeit angerissen, so dass die Konflikte und Themen nur angerissen und nicht oder nicht ganz zufriedenstellend aufgelöst werden.

„Sonne“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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Gernot hat geschrieben: 30. November 2022 18:47
Casino Hille hat geschrieben: 27. November 2022 12:41 "Glass Onion" war für mich nur ein einziges Ärgernis. Der Film wirkt gar wie eine Parodie auf all das, was in "Knives Out" noch wunderbar organisch wirkte und präsentiert wurde.
Ich nehme an, du hast die OV gesehen von Glass Onion, oder? Hat jemand Erfahrung mit der DF? Wie ist Craig da dieses Mal?
Wunder auf Craig ist ein Synchron-Verbrechen für die Ewigkeit. :mrgreen: Aber in der OV ist Craig wirklich sehr gut, ich bin mir sicher, dass er mit Benoit Blanc eine Rolle gefunden hat, die einfach so exzellent zu ihm als Typ passt, den kann er meinetwegen ewig spielen. Ich hatte in "Knives Out" und "Glass Onion" mehr Spaß an seiner Performance als an seinen Bond-Auftritten. Irgendwie passt er in dieses Genre, passt er auf diese kauzig-verschrobene Detektiv-Rolle. Der vermeintlich intellektuelle Schnüffler ist ideal für ihn – obwohl ich das im Vorfeld nie gedacht hätte. Da hatte Johnson wirklich den richtigen Riecher und zeigt auf, wie schädlich Typecasting doch sein kann und wie schön es ist, wenn Filmstars ihre Komfort-Zone verlassen.
vodkamartini hat geschrieben: 30. November 2022 22:25 Darstellerisch macht der Film auf alle Fälle Spaß. Kritisieren kann man die Story, das ist dünnes Eis. Dennoch, für eine launigen Kinoabend würde ich ihn schon empfehlen.
Ja, das ist der Zwiespalt in mir: Ganz gut unterhalten gefühlt habe ich mich über weite Strecken schon, trotz deutlicher Pacing-Probleme (der Story"bruch" auf der Mitte des Films wird anders als in "Knives Out" hier nur wenig elegant aufgefangen). Die letzten 20 Minuten waren aber indiskutabel, da hat Rian Johnson sich dann mit Zeigestock an die Tafel gestellt und mir vorgebetet, wie ich das jetzt zu deuten und zu verstehen habe und wie generell die Welt funktioniert und was gut und richtig ist. Da wird aus einem launigen Krimi-Comedy-Mix eine belehrende Erziehungsmaßnahme, darauf reagiere ich allergisch. Und das macht mir im Nachhinein viel vom insgesamt vernünftigen Eindruck kaputt – zumal leider der ganze Krimi-Plot sich als unlogische, teils sinnfreie Veranstaltung entpuppt, die nur ein Vorwand ist, um mich zum hypermoralischen Belehrungsende zu bringen. Meh.
https://filmduelle.de/

Re: Zuletzt gesehener Film

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iHaveCNit: Mehr denn je (2022) – Emily Atef – Pandora Film Verleih
Deutscher Kinostart: 01.12.2022
gesehen am 02.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Eldorado - Parkett – Reihe 5, Platz 9 – 18:00 Uhr


Es ist schon eine gewisse Tragik, die sich ergibt, wenn man sich näher mit „Mehr denn je“ beschäftigt – dem neuen Film von Emily Atef – und durchaus einer damit verbundenen Klammer, die man um das Jahr 2022 legen kann. Anfang des Jahres Ende Januar kam der französische Schauspieler Gaspard Ulliel im Alter von 37 Jahren nach einem Ski-Unfall ums Leben. Und in „Mehr denn je“, der nun kurz vor Ende des Jahres im Dezember bei uns startet, ist Gaspard Ulliel in seiner letzten Filmrolle zu sehen – in einem Film, indem es auch um den Tod, das Abschiednehmen und das Loslassen geht.

Das Leben des Pärchens Helene und Mathieu könnte nicht schöner verlaufen – wäre da nicht eine medizinische Diagnose mit ihren endgültigen Konsequenzen, die beide zu existenziellen Entscheidungen zwingen wird. Jedoch weicht die Vorstellung Mathieus von Helenes ab, so dass sich Helene gegen seinen Willen zu einer Reise ins norwegische Saebo aufbricht, da dort ein Blogger lebt, der sie mit Bildern der dortigen Natur inspiriert und fasziniert.

„Mehr denn je“ ist ein sehr intimes, feines und leises Drama geworden, dass sein Thema sehr komplex, tief und ambivalent verhandelt – auch teils ohne große Worte und Gesten. Klar könnte der Film hier durchaus die ein oder andere Emotion erzwingen, er tut es aber nicht was durchaus für mich auch sehr gut gewesen ist. Klar kommt es auch zu der ein oder anderen emotionalen und dramatischen Spitze, die durchaus zwingend für die Verarbeitung der inneren Konflikte notwendig gewesen ist. Tragisch und zeitgleich wunderschön kann sowohl das filmische Setting in Norwegen als auch das Schauspiel von Vicky Krieps sowie Gaspard Ulliel und Björn Floberg als atemberaubend bezeichnet werden – gerade wenn es hier um eine atemberaubende Krankheit geht. Und wie so oft bei wichtigen Konflikten und Entscheidungen braucht es einfach die notwendige Ruhe und Abgeschiedenheit, damit man die für die wichtigen Themen die Luft zum Atmen und einen klaren Kopf bekommt – selbst wenn einem am Ende genau diese Luft fehlen wird.

„Mehr denn je“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10495
iHaveCNit: Call Jane (2022) – Phyllis Nagy – DCM
Deutscher Kinostart: 01.12.2022
gesehen am 03.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Lumiere – Reihe 5, Platz 12 – 20:15 Uhr


Wenn es um das Thema Schwangerschaftsabbrüche beziehungsweise Abtreibungen geht, haben mich aktuell in den letzten Jahren vor allem das intime Indie-Drama „Niemals Selten Manchmal Immer“ von Eliza Hittman und auch das radikale französische Drama „Das Ereignis“ von Audrey Diwan begeistern können. Wem gerade „Das Ereignis“ zu drastisch und radikal gewesen ist, dem kann aktuell das historische Porträt und Abtreibungsdrama „Call Jane“ von Phyllis Nagy empfohlen werden.

Im Chicago des Jahres 1968 ist die Anwaltsgattin Joy Griffin erneut schwanger geworden. Doch mit ihrem Alter befindet sie sich bereits im Status einer Risikoschwangerschaft, erschwerend kommt eine Herzschwäche hinzu, wodurch die Schwangerschaft für sie auch tödlich enden könnte. Ein regularer Schwangerschaftsabbruch wird ihr verwehrt. In ihrer Verzweiflung trifft sie zufällig auf die „Janes“, eine im Untergrund handelnde Organisation, die Frauen in insbesondere Joys Not hilft. Für Joy ist es eine schicksalhafte Begegnung, die ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

„Call Jane“ ist vor allem ein historisches Porträt über die frauenrechtliche Jane-Bewegung und setzt ihr auch ein kleines Denkmal. Doch der Film ist nicht nur ein Porträt über die Bewegung, er ist auch ein Abtreibungsdrama, dass sich hauptsächlich auf die von Elizabeth Banks großartig gespielte Joy Griffin fokussiert und im weiteren Verlauf die ein oder anderen kleinen Einzelschicksale beleuchtet, dabei aber vor allem immer an Joys Seite bleibt. Der Film legt hier wert auf eine relativ harmlosere Wohlfühlatmosphäre und wirkt in der Umsetzung des Themas wenig radikal. Klar gibt es durch Ansätze innerhalb von Diskussionen unterschwellig weitere Themen wie Rassismus, Klassismus, Intersektionalität – aber alles bleibt hier auf einem sehr harmlosen, oberflächlichen Bereich. Der doch durchaus traditionell konservative Ansatz des Films lässt ihn trotz brisanter Entwicklungen im Abtreibungsrecht der vereinigten Staaten durch die Aufhebung eines Urteils, das die Jane-Bewegung einst überflüssig machte, nicht ganz so progressiv wirken, wie er durchaus hätte sein können. Ich als Mann könnte an dieser Stelle meine persönliche Ansicht zum Thema Schwangerschaftsabbrüche wiedergeben, tue es aber nicht, da das nicht Gegenstand des Films ist. Ich stehe zwischen den beiden Lagern der Abtreibungsgegner und Abtreibungsbefürworter und meine sehr differenzierten Ansichten zum Thema können sowohl traditionell konservative und christliche Abtreibungsgegner, radikal misogyne Abtreibungsgegner aus dem Bereich Red Pill, Pick-Up und der US-amerikanischen Manosphere und auch das Lager der teils radikalen, postmodernen, feministischen Abtreibungsbefürworter sehr harmlos gesagt aufregen. Und da der Film Wert auf eine harmlose Wohlfühlatmosphäre legt, möchte ich es bei eben dieser Wohlfühlatmosphäre belassen.

„Call Jane“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10496
iHaveCNit: Violent Night (2022) – Tommy Wirkola – Universal
Deutscher Kinostart: 01.12.2022
gesehen am 06.12.2022
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kino 3 – Reihe 9, Platz 15 – 20:15 Uhr


Was kann es besseres geben, als sich am „Nikolaus“-Tag einen Weihnachtsfilm im Kino anzusehen. Zum Glück ist unter den Kinostarts vom 01.12.2022 auch dazu ein passender Film zu finden. Tommy Wirkolas „Violent Night“ ist die perfekte Weihnachts-Action-Komödie für die Tage bis zum Weihnachtsfest geworden.

Eigentlich sollte es ein ruhiges Weihnachtsfest für die reiche Unternehmerfamilie Lightstone werden, doch die Party wird von einer Horde unartiger Söldner unter der Führung eines Mr. Scrooge gecrasht, weil diese an das Vermögen der Familie wollen. Nur haben diese Söldner nicht die Rechnung mit einem kampferprobten Santa Claus gemacht.

„Violent Night“ ist einer der klassischen Weihnachts-Action-Filme, bei dem ein kampferprobter Weihnachtsmann sich durch eine Horde von ebenfalls durchaus kampferprobten Gegnern pflügt und hier durchaus in der Tradition moderne Action wie „John Wick“ mit Weihnachtsklassikern wie „Stirb Langsam“ und „Kevin – Allein Zu Haus“ kombiniert – und durchaus sehr witzig mit einigen Weihnachtsklischees spielt. David Harbour macht in der Rolle von Santa Claus richtig Spaß, leider bleiben die Gegner hier trotz ein paar witzigen Momenten und harter, brutaler Action doch recht blass. Der Film ist mit knapp 2 Stunden dann auch einer, der nicht durchgehend auf Tempo ist und doch etwas gemächlich bleibt.

„Violent Night“ – My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10497
iHaveCNit: Emily (2022) – Frances O´Connor – Wild Bunch
Deutscher Kinostart: 24.11.2022
gesehen am 07.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Eldorado - Parkett – Reihe 5, Platz 9 – 15:15 Uhr


Für mich stand aus dem November als letzter Film noch „Emily“ von Frances O´Connor auf meiner Liste, den ich aus planungstechnischen Gründen erst jetzt nachholen konnte. Auch wenn er mich nicht ganz begeistern konnte, so gab es durchaus interessante und sehenswerte Elemente des Films.

Nach dem Tod der Mutter ist der Pfarrer Bronté mit seinen 4 Kindern, den Töchtern Charlotte, Anne und Emily sowie dem Sohn Brantwell alleine und teilweise mit vor allem dem kreativen Freigeist von Emily und dem zum Feiern und Schabernack neigenden Brantwell überfordert, dennoch liegt sein ganzer Stolz und Hoffnung auf seinen Kindern. Bis der Pfarrer Weightman in der Gemeinde ankommt und das Leben von vor allem Emily auf den Kopf stellen wird.

„Emily“ ist als semibiographisches, historisches Drama über die literarisch einflussreichen Bronté-Schwestern mit einem Fokus auf vor allem Emily Bronté ausgelegt und birgt ein historisches Drama, ein wenig Coming-Of-Age, ein wenig Romanze und verwebt das geringe, das scheinbar über Emily Bronté bekannt war in ein interessantes Melodram, indem mir vor allem natürlich wie es sich für Filme dieser Art gehört die Ausstattung sehr gut gefallen hat – aber auch Emma Mackey in der Hauptrolle. Jedoch habe ich sowohl zum Werk als auch dem Leben von Emily Bronté gar keinen Bezug, womit ich gerade was diese Thematik angeht weniger investiert war in den gesamten Film.

„Emily“ - My First Look – 6/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10498
iHaveCNit: An Einem Schönen Morgen (2022) – Mia Hansen-Love – Weltkino
Deutscher Kinostart: 08.12.2022
gesehen am 09.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Eldorado - Parkett – Reihe 5, Platz 9 – 18:00 Uhr


Aus dem aktuellen Startwochenende habe ich mich erst einmal für den eher kleineren Film entschieden. Filme mit Lea Seydoux sehe ich sehr gerne und im letzten Jahr konnte mich Mia Hansen-Love auch ein wenig mit „Bergman Island“ begeistern, womit „An Einem Schönen Morgen“ dann auch letztendlich auf meiner Planung aufgetaucht ist.

Sandra Kienzler ist alleinerziehend, lebt in Paris und arbeitet als Übersetzerin. Ihr Leben gerät in eine emotionale Achterbahnfahrt, als die Entscheidung für ihren neurologisch erkrankten Vater getroffen wird, dass dieser in ein Pflegeheim ziehen muss und sie in dieser Phase ihre Jugendliebe wieder trifft, der aktuell verheiratet ist. Ein Umstand, den beide jedoch nicht von einer Affäre abhält.

„An Einem Schönen Morgen“ ist ein interessantes, feines, sensibles und dezentes Drama geworden, bei dem mir Lea Seydoux im Mittelpunkt des Films sehr gut gefallen hat. Ich verstehe den Antrieb der Regisseurin Hansen-Love, damit durchaus auch einen persönlichen Anstrich zu verarbeiten. Die durchaus bodenständigen, lebensnahen und banalen Momente, die der Film aneinanderreiht ergeben ein sehr stimmiges Bild. Mit 112 Minuten ist der Film jedoch eine Spur zu lang und ausgedehnt für seine verhandelten Themen und Konflikte, weil er sich ein wenig an manchen Stellen wiederholt und im Kreis dreht.

„An Einem Schönen Morgen“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10499
iHaveCNit: She Said (2022) – Maria Schrader – Universal
Deutscher Kinostart: 08.12.2022
gesehen am 10.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Lumiere – Reihe 5, Platz 12 – 20:45 Uhr


Einer der wichtigeren Filme gegen Ende des Jahres startete letzten Donnerstag und ich habe ihn mir natürlich auch angesehen. Basierend auf dem Zeitungsbericht der Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor sowie ihrem darauf aufbauenden Buch „She Said“ hat die deutsche Regisseurin Maria Schrader eine Mischung aus Drama und Thriller im Stil bekannter Filme über investigativ journalistische Arbeit wie zuletzt „Spotlight“, „The Post“ und „All The Presidents Men“ sowie einem dahingehend ähnlich gelagerten „Dark Waters“ geschaffen, der bis auf ein paar kleinere Schwächen ein Highlight gegen Jahresende geworden ist und mit Carey Mulligan und Zoe Kazan eines der besten Leinwand-Duos 2022 zu bieten hat.

Megan Twohey und Jodi Kantor arbeiten als Journalistinnen für „The New York Times“. Nachdem Twohey sich bereits im Rahmen der Recherche über sexuelles Fehlverhalten mit dem damals sich im Wahlkampf befindlichen Donald Trump angelegt hat, scheint das Thema „sexuelles Fehlverhalten“ für „The New York Times“ nach einer erfolgreichen Aufdeckung innerhalb „Fox News“ noch nicht abgeschlossen, so dass sich der Blick auch in die Filmindustrie verlagert. Hier gerät dann auch der Filmproduzent Harvey Weinstein ins Fadenkreuz. Doch können Twohey und Kantor sich hier inmitten systematischer Einschüchterungen und Schweigevereinbarungen überhaupt für Enthüllungen sorgen und Weinstein damit zu Fall bringen ?

„She Said“ hat mir richtig gut gefallen. Auch wenn das, was hier auf die Leinwand gebracht noch recht aktuell in den Köpfen und der Ausgang bekannt ist, hat es der Film geschafft durchaus eine Spur Dramatik und Spannung aufzubauen – und mich auch emotional an den Film zu binden, so dass er mich auch emotional mitreißen konnte trotz seines eher nüchtern gehaltenen Stils. Das Thema der Recherche, das letztendlich auch die gesamte #metoo-Welle richtig in Gang gesetzt hat, betrachte ich als Mann aus rationaler Sicht dahingehend, dass das „männliche“ Bedürfnis nach Sex, Intimität und Nähe nicht zu beschämen und ganz normal ist – es aber nicht gerechtfertigt ist, genau das in einer professionellen Machtposition als Hebel zu nutzen, damit zum Beispiel wie im Fall von Harvey Weinstein davon positiv verlaufende Karrierewege für Schauspielerinnen und weibliche Angestellte abhängig sind und diese davon sogar ganz beendet werden können. Nicht zu vergessen die lebenslange Scham mit den Ereignissen zu kämpfen und durch Vereinbarungen sogar diese nicht verarbeiten zu dürfen. Ich bin persönlich kein Freund dieses Systems, womit ich mich mit nahezu jeder wirklich betroffenen Frau, die sich im Rahmen der #metoo-Bewegung geöffnet hat – bis auf entsprechende leider die Bewegung schädigenden Trittbrettfahrerinnen – sympathisiere und meinen Hut vor deren Mut ziehe – und es durchaus eine interessante Casting-Entscheidung im Film ist, dass sich Ashley Judd selbst spielt. Der Film hat durch seine eher nüchterne Inszenierung gerade wenn es um emotionalere Momente geht eine hohe Einschlagwirkung. Hier kann es durchaus der ein oder andere Zufall oder auch die ein oder andere Symbolik weniger sein, die dem Film durchaus gut getan hätte. Gerade das Leinwand-Duo aus Zoe Kazan und Carey Mulligan hat mir richtig gut gefallen und auch die zwischenmenschlichen Momente und Dialoge, gerade vor allem wenn die Erfahrungen der gebrochenen Frauen geschildert werden und auch Männer in diesem System Weinsteins eine Abscheu gegen das zeigen, was in den Erfahrungsberichten geschildert wird. Leider hat es „She Said“ nicht in die Kategorie meiner Top-Filme 2022 geschafft, aber zumindest ist er schon jetzt Teil der Top20 geworden.

„She Said“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10500
iHaveCNit: Die stillen Trabanten (2022) – Thomas Stuber – Warner
Deutscher Kinostart: 01.12.2022
gesehen am 12.12.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema - Studio – Reihe 3, Platz 1 – 18:00 Uhr


Stell dir vor es geht dem Jahresende zu. Du merkst, dass du noch Freikarten herumliegen hast und dann auch noch merkst, dass du auf dem ein oder anderen Film geschlafen hast. So erging es mir mit „Die stillen Trabanten“ von Regisseur Thomas Stuber, dessen „In den Gängen“ ich bereits 2018 sehr gemocht habe. Der Trailer hat mich durch Zufall erreicht und dann habe ich mich bereits im Trailer von den Bildern und dem großartigen Ensemble mit unter anderem Martina Gedeck, Charly Hübner und vor allem Albrecht Schuch mitreißen lassen, so dass ich wissen wollte, was sich hinter „Die stillen Trabanten“ verbirgt – ein weiterer guter deutscher Film im Jahr 2022.

In den Nächten wird es still in den Hochhäuserblocks um den Leipziger Hauptbahnhof. Doch ein paar Menschen sind noch in Bewegung. Wie die Zugreinigungsfachkraft Christa, die sich mit der Friseurin Birgitt in einer Bar trifft. Wie der Imbissbudenbetreiber Jens, der gemeinsam mit der Nachbarin Jana im Treppenhaus Zigaretten raucht und dort erfährt, dass sie zum Islam konvertiert ist und sich nun Aisha nennt. Wie der Sicherheitsmann Erik, der auf die Ukrainerin Marika trifft und von ihr fasziniert ist.

Die namensgebenden stillen Trabanten sind laut dem von Albrecht Schuch großartig gespielten Jens die Leipziger Hochhausblöcke, wenn in allen Fenstern das Licht ausgeschaltet worden ist. Doch auch wenn der Großteil des Films bei Nacht spielt, so ist der Film voller Licht und Leben. Die Milieustudie verwebt auf sehr großartige Weise Geschichten über Träume, Hoffnungen, Freundschaft, Liebe, Herkunft, Identität, Sehnsucht und ist damit sehr reichhaltig auch ein Porträt einzelner ostdeutscher Schicksale. Das gesamte Ensemble mit Martina Gedeck, Nastassja Kinski, Albrecht Schuch, Lilith Stangenberg, Adel Bencherif, Andreas Döhler, Charly Hübner, Irina Starshenbaum und Peter Kurth füllt den Film und die Charakter mit sehr viel Leben. Dabei bekommt jedoch nicht jede Geschichte den ausgeglichenen, aus erzählten Rahmen. Dennoch ist der Film ein tolles Sozialdrama und Milieustudie geworden.

„Die stillen Trabanten“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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