Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Richard Jewell hat mir richtig gut gefallen. Ruhig, aber immer zielgerichtet erzählt mit Eastwood-typisch einem sehr guten Blick für die Figuren. Am meisten beeinruckt hat mich dabei die Eindringlichkeit, mit der Eastwood die Ohnmacht des in die Mühlen des FBI und der Medien geratenen Aussenseiters vermittelt. Hier erinnert mich Richard Jewell stark an Eastwoods frühere Regie-Arbeit Changeling/Der fremde Sohn. Das wird so gut rübergebracht, dass es teilweise regelrecht schmerzhaft ist zuzuschauen und der Film einem trotz der eigentlich positven Auflösung betroffen zurücklässt (auch hier werden Eastwoodsche Erinnerungen bei mir wach an True Crime/Ein wahres Verbrechen). 8 Punkte ist mir der Film schon wert.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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AnatolGogol hat geschrieben: 18. Februar 2021 19:04 auch hier werden Eastwoodsche Erinnerungen bei mir wach an True Crime/Ein wahres Verbrechen
Den habe ich dafür vor ein paar Monaten zum ersten Mal gesehen, hat mir als Bürgerrechts-Justizdrama besser gefallen als der letztjährige Just Mercy. Aber der hatte ja auch nicht Cool Clint als saufender, fremdgehender, eigensinniger, sein Familienleben über den Haufen werfender (die Zoo-Raserei...) Dirty Harry der Lokalpresse. :mrgreen: Ich fand die Rekonstruktion des Verbrechens recht spannend und den Film unterhaltsam. Ein typischer Clint - vielleicht nicht der allergrösste Wurf (gibt natürlich Ausnahmen, z.B. die Brücken) aber einfach gut auf eine irgendwie "gemütliche" Art. Und Richard Jewell genau gleich, beides 7 oder 7,5 Pünkter. Auf Clint ist einfach Verlass.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Ja, das wahre Verbrechen mag ich auch sehr gern. Clint ist hier einfach umwerfend als fehlerbehafteter Schwerenöter, dem man aber irgendwie trotz all seiner Schwächen und Verfehlungen nix übelnehmen kann. Grandios sind die Szenen mit James Woods, wow, da haben sich mal zwei Schwergewichte gesucht und gefunden. Sehr geil auch die eine Szene mit den beiden, die mit der Einstellung des verduzten Woods endet, der sich gerade sein Snickers in den Mund schieben will. Dann kommt eine andere Szene und danach geht die Szene mit Clint und Woods weiter - just mit der Einstellung, als sich Woods den Riegel in den Mund schiebt und genüsslich abbeisst. Grossartig! :D Ich bin da ganz bei dir, True Crime gehört sicher nicht zu Clints Sternstunden, aber er macht einfach Laune und bringt auch sein Thema überzeugend und eindringlich rüber. Jaja, die glorreiche Endphase aus Clints Schaffen als Hauptdarsteller, lang lang ists her.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Da klinke ich mich auch mal wieder ein. True Crime habe ich, wie eigentlich alle Eastwoods seit spätestens "In the Line of Fire" im Kino gehen und sofort gemocht. Er ist nicht ungemein spannend, mitreißend, tierschürfend oder Ähnliches, aber auf eine urtypische Eastwood-Art gemütlich. Man fühlt sich wie bei vielen seiner späteren Filme wie in einer kleinen Cocktailbar oder Weinstube, die zu etwa zwei Dritteln gefüllt ist und bei der eine nicht allzu laute Jazzcombo für die dezente Hintergrundmusik sorgt.
http://www.vodkasreviews.de

https://ssl.ofdb.de/view.php?page=poste ... Kat=Review

Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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AnatolGogol hat geschrieben: 18. Februar 2021 19:32 Clint ist hier einfach umwerfend als fehlerbehafteter Schwerenöter, dem man aber irgendwie trotz all seiner Schwächen und Verfehlungen nix übelnehmen kann.
Das wollte ich natürlich auch noch schreiben, dass er trotz aller seiner Schwächen und Versagen das Herz am rechten Fleck hat, was die Story um den zu Tode verurteilten und die Schlussszene beim Weihnachtsshopping ja schön bestätigen. Vodkas Umschreibungen passen für mich auch. Bei manchen von Clints Filmen, und da gehört True Crime sicher dazu, erwarte ich zuerst mehr einen Thriller, aber dann ist der Film nicht wirklich spannend im Sinne eines zermürbenden Thrillers, sondern eher auf seine gemütliche und fast schon "altmodische" Art gelungen. Und in dieser Hinsicht war übrigens Richard Jewell eher trotzdem spannend. Oder sagen wir's so: Ich habe nach dem sehr auf thrillerhaft und hart getrimmten Trailer gesagt der wird sicher nicht so wie es der Trailer impliziert, das wird ein gemütlicher Clint-Film (was ja auch gar nicht wertend gemeint ist), aber dann ging es doch zumindest etwas mehr in die Trailer-Richtung als gedacht, wie du ja schon gesagt hast wird die Machtlosigkeit und Unfairness des Systems, in dem Jewell sich wiederfindet, sehr effektiv herausgearbeitet. Und PW Hauser fand ich übrigens sehr gut in dieser prägnanten Rolle, und dann natürlich Rockwell als sein kauziger Anwalt.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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AnatolGogol hat geschrieben: 4. Juni 2013 12:28 2009: Invictus – Unbezwungen (Invictus) 8 / 10
Watt? Hatte gar nicht mehr auf dem Schirm, dass ich den mal so gut bewertet hatte. Die Zweitsichtung war jedenfalls sehr ernüchternd. Es gelingt Eastwood eigentlich nie die Geschichte auch nur annähernd packend oder spannend zu erzählen. Alles plätschert vor sich hin, die Sportszenen (welche immerhin das letzte Viertel dominieren) sind sogar regelrecht bräsig in Szene gesetzt (ich bin weder Rugby-Fan noch -Experte, aber SO langweilige wie bei Eastwood KANN das Spiel unmöglich sein). Hinzu kommt ein schrecklich blasser Damon, der noch dazu als Rugby-Spieler unglaubwürdig ist (Muskeln hin oder her, er wirkt halt wie ein biederer Buchhalter). Wirklich positiv bleibt dann eigentlich nur der souveräne Freeman und ein paar anrührende Szenen. Ach ja, das gutmenschliche Pathos vor allem im Finale ist kaum noch zu toppen. Von daher mit viel Wohlwollen gerade so noch Durchschnitt.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Casino Hille hat geschrieben: 21. April 2021 19:08 Vor allem geht der eine Ewigkeit. Da lobe ich mir den von mir sehr geschätzten "Sully", der nach 90 Minuten sein Ende findet.
Der Stadtneurotiker hat geschrieben:""Kennen Sie den schon: Zwei uralte Damen sitzen in einem Hotel mit Vollpension. Sagt die eine zur anderen:'Wissen Sie, ich finde das Essen hier einfach katastrophal.' Sagt die andere:'Ja, stimmt und diese winzigen Portionen.'"«
:D

Womit ich eigentlich nur sagen möchte, dass die Länge (sind ja letztlich hier auch "nur" knapp über 2 Stunden) bei Invictus für mich nur insofern ein Problem darstellt, da es sich um keinen guten Film handelt. Filmlänge ist für mich eigentlich kein qualitativer Faktor. Klar wenn die Zeit nicht sinnvoll genutzt wird, dann schon. Aber das hängt ja weniger mit der Länge als z.B. mit fehlendem/schwachem Inhalt oder mangelhafter Inszenierung zusammen.
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Du wirst lachen: Ich habe heute Morgen, weil viel zu früh aufgestanden, tatsächlich als ersten Teil meines Vormittag-Double-Features "Der Stadtneurotiker" geschaut. :D Ein schöner Zufall!

Ich verstehe was du meinst und habe eigentlich auch nur einen Spaß gemacht, sehe es aber zumindest so: Ein schlechter Film, der 90 Minuten lang ist, quält mich nicht so lange wie einer, der 3 Stunden dauert. Will sagen: Lebenszeit ist kostbar und je weniger davon miese Filme verschwenden, umso besser. Andersrum kann ein herausragender Film gar nicht lang genug gehen. :wink: Natürlich ist die Filmlänge für sich kein maßgeblich relevanter Faktor.

Letztlich mag ich - anders als du - "Sully" ja sehr gerne und er wächst mit jeder weiteren Sichtung. Ich entdecke darin eine ganze Menge, auch wenn ich damit wohl allein auf weiter Flur bin. Er könnte sogar einer meiner liebsten Eastwood-Filme sein. Irgendwas an dem fesselt mich enorm, was ich gar nicht so in Worte fassen kann.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Clint ist ein echtes Genie. Es gibt keinen, der derartig verdammt gut die American values hochhält ohne dabei in kitschiges Pathos abzudriften.
Der Texaner, Space Cowboys, True story, der Film über die Iwo-Jima Ikone, Sully etc..
Diese Grundhaltung macht 99% seiner Filme sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur über die Jahrzehnte aus, und man muss neidlos zugeben, ihm geht der Stoff dafür nicht aus.
Angeblich soll er ja auch die JB Rolle deswegen abgelehnt haben, da er einfach als American Patriot kein Brite sein kann
Seine Zeit kam, immer wenn er Pillen nahm

Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Erstsichtung von zwei jüngeren Clint-Filmen:

Jersey Boys
Beginnt auf gutem Unterhaltungswert als nette Aufsteigerstory mit Händchen für Zeit- und Lokalkolorit (inklusive der typischen Studio-Kulissen früherer Zeiten, was die Wirkung aber eher unterstützt), verliert in der zweiten Hälfte aber leider deutlich, da sich vor allem dramaturgisch nicht mehr allzuviel tut bzw. die Abwärtspirale der Band doch allzu vorhersehbar ist. Alles in allem ganz nett, wie immer mit dem typischen ruhigen Eastwood-Fluß (der zuweilen, eben vor allem in Hälfte 2, aber dann doch etwas zu ruhig wird) und einigen guten Regieeinfällen (etwa die wechselnden Erzählperspektiven). Ach ja, mit den Musiknummern hat es Clint dann doch etwas übertrieben.
6 / 10


The 15:17 to Paris
Der zentrale Inhalt war mir zwar bekannt, dennoch wusste ich lange nicht, wo Clint uns eigentlich mit Story und Figuren hinführen will. Der sehr neutrale Blickwinkel, mit dem er Figuren und ihr Milieu und Werdegang zeigt erinnert deutlich an American Sniper, allerdings ist Clint hier der durchgängige Unterhaltunsgwert wesentlich besser geglückt. Der FIlm ist ständig in Bewegung und arbeitet die Vielschichtigkeit der Hauptfiguren gut heraus. Auch hier wieder ein paar richtig gute Regieeinfälle, etwa wenn bereits früh im Film immer wieder kurz Momente des zentralen Überfalls eingewoben werden, um so die Verbindung zur Vita der Hauptfiguren herzustellen. Die Idee den Film mit den echten Vorbildern statt mit Schauspielern zu drehen wirkt sich zumindest nicht negativ aus, die Jungs machen ihre Sache ordentlich und ihre fehlende darstellerische Erfahrung fällt eigentlich nie ins Gewicht. Alles in allem ein schön knackiger (gerade mal etwas über 90 Minuten Laufzeit) und dennoch inhaltlich und figürlich gehaltvoller Film.
7,5 / 10
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Re: Die Filme von und mit Clint Eastwood

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Casino Hille hat geschrieben: 27. Juli 2021 08:56 Lief gestern als Free-TV-Premiere und kann damit auf jeden Fall als Neu bezeichnet werden.
Ich weiß. Trotzdem eine komische Definition von "neu" - ohne Zusatz.

"Das Dschungelbuch" (1967) hatte erst 2014 Free-TV-Premiere. War das 2014 dann ein neuer Film?

Klar: Neu für alle, die einen Film vorher nicht anderweitig gesehen haben. Aber "der neue Film von Disney"?

Wenn "The Mule" zumindest der "neueste" Film von Eastwood oder Cooper wäre, würde ich die Formulierung noch verstehen. Aber das ist ja auch nicht der Fall.