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von GoldenProjectile
'Q Branch' - MODERATOR
Ich bin dann mal so frech und werfe den ersten Apfel der Zwietracht.
Star Trek: The Wrath of Khan (1982, Nicholas Meyer)
Der 1982 entstandene zweite Ausflug der Enterprise-Crew auf die grossen Leinwände ist ein ganz anderer Film als sein drei Jahre zuvor erschienener Vorgänger. Beide Werke mögen ihr Weltraumsetting, ihre Figuren und den gemeinsamen Überbegriff Star Trek teilen sowie ihre Wurzeln in der legendären Fernsehserie von Gene Roddenburry haben, darüber hinaus hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Einiges hat sich verändert seit der Suche nach der fremden Entität V’ger im Kinojahr 1979, und dennoch ist die Ausgangslage im Prinzip dieselbe. Admiral James T. Kirk hadert erneut mit seinem Posten als Kommandant der Starfleet-Schwadron, und würde viel lieber auf seinen bescheideneren, aber weitaus aufregenderen Platz als Kapitän seines geliebten Raumschiffes Enterprise zurückkehren. Als sich nach einer Routineinspektion die Ereignisse überschlagen und aus den Tiefen des Alls ein alter Erzfeind zurückkehrt erfüllt sich sein Herzenswunsch, aber Kirk ist sich dabei nicht bewusst, welchen Preis er letztlich dafür zahlen muss.
Vor der Kamera ist alles beim Alten geblieben. So versammeln sich erneut die alten Kempen William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Nichelle Nichols, George Takei und James Doohan auf der Kommandobrücke der USS Enterprise, um wieder in ihre alten Kultrollen aus der Ur-Serie zu schlüpfen. Hinter der Kamera dagegen waltet neues Personal, was absolut stimmig ist wenn man den völlig anderen Ansatz des Films bedenkt. Mit die beste Entscheidung war es, einen grossen Künstler durch einen noch grösseren auszutauschen: James Horner nimmt Jerry Goldsmiths Platz als Komponist ein und schuf für das zweite Star-Trek-Abenteuer einen Soundtrack, der Goldsmiths ebenfalls sehr guten Score des Erstlings in die zweite Reihe verdrängt, eine Konstellation, die sich ironischerweise wenige Jahre später bei James Camerons Alien-Fortsetzung wiederholen sollte. Horners exzellent durchgetaktete Musik wechselt zwischen nuancierten, klangvollen und anrührenden Tönen, über bedrohliche, fast schon furchterregende Schreckenshymnen bis hin zu majestätischen Orchesterklängen.
Der entscheidende Schlüsselspieler ist aber natürlich der Regisseur, und auf diesem Gebiet ersetzt Nicholas Meyer den ausgedienten Robert Wise. Der junge Nachwuchsregisseur Meyer beweist hierbei genau wie sein Vorgänger ein gutes Gespür für den Stoff und dessen narrative Umsetzung. Das verglichen mit dem Erstling deutlich handlungslastigere Drehbuch spielt Meyer in die Hände, denn anstelle der philosophisch-meditativen Inszenierung des Motion Pictures liegt der Schwerpunkt bei Wrath of Khan auf einem Actionthriller im Weltall, dessen Geschichte Spannung, Emotionen, Charaktere und Actionszenen stimmungsvoll unter einen Hut bekommt. Wie gut Meyers Inszenierung ist zeigt sich bereits in der ersten „richtigen“ Einstellung, einer Kamerafahrt über die Kommandobrücke der Enterprise, bei der jede Figur einmal ins Zentrum gerückt wird und dabei zu Wort kommt. Im späteren Verlauf sind es Szenen wie die Parallelmontage zwischen den Widersachern Kirk und Khan und ihrer jeweiligen Gefolgschaft, die intensive Spannung aufbauen und dabei alle Möglichkeiten von Musikgestaltung und Schnitt ausschöpfen. Als zumeist eher ruhiger, in den entscheidenden Momenten aber durchaus straffer Thriller wirkt Wrath of Khan deswegen immer noch sehr modern, auch wenn die Weltraum-Spezialeffekte deutlich schwächer sind als die State-of-the-Art-Tricks des hochbudgetierten Vorgängerfilms. Vor allem der Mutara-Nebel am Ende des Films reisst einen in seiner grellen Aquarell-Aufmachung nicht wirklich vom Hocker. Andernorts sind die Effekte dafür aber erstaunlich gut eingesetzt, wie etwa bei den Animationen der Genesis-Wellen, und da auch die technische Umsetzung meistens mindestens ausreichend ist wirkt der Star-Trek-Zweitling unterm Strich dann doch keineswegs so schlecht gealtert.
Obwohl Charaktere und Thriller-Aspekte deutlich stärker ins Zentrum gerückt werden ist auch bei Wrath of Khan noch Zeit für eine philosophische Ebene, auch wenn diese in erster Linie sehr hintergründig und subtil in die eigentliche Handlung eingewoben ist. Die Rede ist vom Motiv des Lebenskreislaufes, das immer wieder in den Film mit einfliesst, sei es in Form der Genesis-Technologie, die auf einem unbewohnbaren Planeten aus dem Nichts Leben erschaffen kann und in der Geschichte eine MacGuffin-artige Funktion einnimmt, oder in Kirks Beziehung zu und schlussendlicher Versöhnung mit seinem Sohn David Marcus. Dabei lässt sich der Bogen zum zweiten essentiellen Erzählelement des Film schlagen: Der Beziehung zwischen den Figuren und dem Aspekt der Freundschaft. Was im ersten Kinoausflug grösstenteils schmerzlich vernachlässigt wurde ist hier also eine Kernkomponente des Films. Meyer und das Drehbuch gestehen den freundschaftlichen, mitunter aber auch ambivalenten Beziehungen der Charaktere eine grosse Bedeutung zu. Es ist dabei der jahrelangen Zusammenarbeit in der originalen Fernsehserie als auch den dabei entstandenen Freundschaften zu verdanken, dass die Interkationen und Dialoge durch eine enorme Chemie zum Leben erweckt werden. Erst dadurch kann die Schlussszene, in der ein Mitglied der Enterprise-Mannschaft sein Leben für die anderen opfert, die volle Wirkung entfalten. Meyer gelingt ein Ende dass zwar tragisch, aber auf seine eigene Art auch friedvoll und von einer beruhigenden Atmosphäre daherkommt, auf jeden Fall aber im Kopf hängenbleibt.
Nicht unerheblich ist natürlich der Bösewicht, der namensgebende Khan. Mit ihm schliesst der Film direkt an eine Episode der 1960er-Fernsehserie an und holt die damalige Figur des genetisch veränderten Bösewichts als verbitterten und rachsüchtigen Widersacher von Kirk und seiner Mannschaft zurück. Der Mexikaner Ricardo Montalbàn gibt als Khan eine denkwürdige Show, seine Darbietung ist gleichermassen grausam und bedrohlich als auch von einem nicht zu leugnenden Charme und Schalk. Gepaart mit seiner exzentrischen aber stilvollen Kostümierung, seiner Unnachgiebigkeit und Brutalität und seinem einfallsreichen ersten Auftritt ergibt sich gerade die richtige spannende Nemesis für die Helden der Enterprise. Leider ist Khans Präsenz in der Handlung eher überschaubar. Das kommt dem Film zwar insofern zugute, dass sich Meyer viel Zeit nimmt alle Szenen und Wendepunkte aufzubereiten und später nachwirken zu lassen, dafür fällt das elementare Kirk-gegen-Khan-Duell eben eigentlich relativ kurz aus. Merkwürdig wirkt auch, dass sich die beiden Kontrahenten im Verlauf des Films nie von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Zwar bietet das Duell über Videotelefon einen würdigen „Ersatz“ und ist vielleicht sogar die beste Szene des Films, trotzdem fehlt im Zusammentreffen der beiden Erzfeinde irgendwie etwas, was den Film zwar nicht allzu eklatant trüben kann, aber dennoch durchaus auffällt.
Der zweite Kinofilm aus Paramounts Science-Fiction-Schmiede wählt bewusst eine ganz andere Herangehensweise an die Star-Trek-Mythologie als Wises psychedelischer und philosophischer Vorgänger. Nicholas Meyer liefert eine ausgewogene Symbiose aus derbem Weltraumabenteuer und tiefsinnigem Charakterspiel ab und meistert die unterschiedlichen Disziplinen im gelungenen Einklang miteinander. Mit dabei eine ergreifende Schlussszene, ein denkwürdiger Gegenspieler und ein meisterhafter Soundtrack von James Horner. Trotzdem hätte der Zorn des Khan sogar noch besser werden können, wenn er der Konstellation aus Held und Schurke noch mehr Zeit gegeben hätte. Aber auch so wirkt Wrath of Khan als gefühlsvolles, spannendes und durchaus auch tiefsinnig angereichertes Actionkino nicht zu Unrecht bis heute nach.
Wertung: 8,5 / 10
We'll always have Marburg
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