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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 12:45
von Casino Hille
danielcc hat geschrieben: Gestern 12:39 If people are looking at your hair, we are all in big trouble
Tja, ich hab auf die Haare geguckt, also muss Nolan irgendwas falsch gemacht haben. :wink:
Zum Beispiel, dass er mich gar nicht gepackt hat, weil ich seinen Film emotional völlig leer finde.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 13:59
von vodkamartini
Letzteres verstehe ich, aber das kann man fast allen Nolan-Filmen attestieren/ankreiden, er hat da eine große Schwachstelle, zumindest für einige Zuschauer. Mich haben weder Interstellar, noch Dunkirk, noch Oppenheimer auch nur zart berührt, das war alles ungemein leer. In Odyssee fand ich es für seine Verhältnisse aber besser.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 14:46
von Casino Hille
Wenn wir von Figurenbindung sprechen: ja, da hat Nolan für manche Zuschauer eine offensichtliche Schwäche. Aber das ist mir fast schon ein wenig egal. Ich muss nicht von jedem Protagonisten-Schicksal berührt werden und Filme müssen mir auch keine charakterlichen Identifikationsangebote machen. Wenn ich Filme gucke, soll es ja nicht um mich gehen, soll heißen: ich will nicht mich in Figuren erkennen, sondern ich suche Fremdheitserfahrungen, die ich daheim, im Bus oder im Büro nicht ohnehin schon selbst mache. Kubricks 2001, Bergmans Persona, Letztes Jahr in Marienbad von Resnais, Godards Außer Atem und selbst Nolans Tenet machen alle wenig bis keine charakterlichen Angebote, und sind trotzdem allesamt extrem faszinierend für mich, und in einem abstrakteren Sinne auch sehr emotional und bewegend. Nur eben nicht über die Figuren, sondern über ihre Ideen, Themen, Konzepte, teilweise auch übers Filmische selbst.

In der Odyssee finde ich beides nicht. Die Figuren sind alle sehr einfach gestrickte Zweckerfüller, deren Innenleben sie freimütig nach außen tragen, bei denen es also nicht viel zu entdecken gibt. Das ist mal besser gespielt (Tom Holland als zerrissenen Sohn fand ich ziemlich überzeugend) und mal enervierend und ätzend (Anne Hathaway in zickiger Meckerlaune hätte meinetwegen auf der Suche nach ihrem Gatten ertrinken können). Aber wer da jetzt in welche Kategorie gehört ist fast egal, weil keine Rolle wirklich viel bietet oder einen interessanten Kniff hat. Jedenfalls höchstens das Übliche, was wir aus solchen Filmen zigfach kennen.

Aber da ist halt auch sonst nicht viel. Nolan hat kaum interessante oder gute Ideen zur Odyssee und diesem Stoff, außer alles in Bombast zu ersaufen. Das große Gemetzel in Troja? Ständig stürzen da flammende Gebäude ein, aber richtige Grausamkeiten zeigt er nicht, unangenehm wird er nie (würde ja auch das Spektakel schmälern). Der Auftritt des Zyklopen? Das ist laut und wummernd, aber im Ergebnis nur eine stinknormale Monsterszene nach Schema F, von der trickreichen Schläue der Vorlage keine Spur. Die Abrechnung mit den Freiern? Statt hier etwas richtig Großes zu inszenieren, gibt es nur ein wenig Hauen und Stechen, eine Szene also, die jeder von uns schon dutzendfach gesehen hat (und deren überchoreographierte "John Wick"-haftigkeit sich mit Nolans sonst sehr nüchtern-realistischem Ansatz beißt). Klar, man lässt sich von so einem super lauten und super langen Dauerspektakel ganz gerne einlullen, aber für mich ergibt sich da kein schlüssiges Gesamtwerk. Für ein Epos sind die Figuren zu schal, für ein großes Abenteuer ist die Stimmung zu deprimierend und trist, für ein richtiges Drama fehlt es an guten Dialogen und smarten Ideen.

Auch das meine ich mit "emotional leer". In dem Film ist ganz viel bedeutungsschweres Schwadronieren um das Ende der Zivilisation, das Aufkündigen des "ungeschriebenen Vertrags zwischen den Kulturen", es wird generell ganz viel traurig und nachdenklich durch die Gegend geguckt, aber dahinter verbirgt sich dann in der Umsetzung eine Geschichte, die kaum komplexer oder interessanter ist als ein handelsüblicher Errol Flynn Robin Hood. (Und ich mag Errol Flynns Robin Hood, keine Frage, aber der wäre halt für mich nicht besser, wenn er praktisch keine kräftigen Farben mehr hätte, eine Stunde länger wäre und alle ständig in Zeitlupe über den Klerikalfaschismus des Mittelalters debattieren würden.)

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 14:56
von vodkamartini
Ich fand den Flynn Hood immer recht interessant.

Ansonsten, ja, kann ich folgen, habe ich aber nicht so empfunden. Ich sehe das mit den Identifikationsangeboten auch anders. In den Filmen tauchen Menschen auf, durch die, mit denen, über die Geschichten erzählt werden. Ich sehe es schon als Problem an, wenn mir wirklich alle vorkommenden Figuren schnurzegal sind (wie in Dunkirk z.B., um bei Nolan zu bleiben), da bleibt dann nicht mehr viel, außer netter Bilder (sofern man die barocke Düsternis mag) oder die in diesem Fall völlig misslungene Zeitspielerei. Es mag Gegenbeispiele geben, aber das sind Ausnahmen.
Ich meine damit auch nicht, das ich mich mit jedem zu 100% identifizieren muss, aber ich muss/will die menschlichen Beweggründe hinter den Handlungen, Dialogen usw. nachvollziehen können. Sonst sind es bloße Pappkameraden in einem Schaustellungsstück.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 15:11
von Casino Hille
Jetzt bring mich doch nicht dazu, ausgerechnet Dunkirk zu verteidigen ... :wink:

Dunkirk hat doch gar keine Figuren, erzählt auch nichts über seine Charaktere und will es auch nicht, er versucht es nicht einmal. In dem Fall ist Nolan nicht "schlecht" darin, Figurenbindung aufzubauen, weil er es ja völlig wissentlich vollständig unterlässt. Das würde ich ihm daher nicht vorwerfen. Sein Interesse liegt einfach woanders. Das ist ein Konzeptfilm, der uns an den Strand von Dünkirchen zu der Zeit transportiert, in dem wir selbst einer von vielen gesichtslosen Soldaten werden. Die "Hauptfigur" ist einfach irgendein Typ, nicht mal ein besonderer Typ, kein General, kein mutiger Draufgänger, sondern irgendein armes Schwein, wie sich damals Hunderttausende von ihnen an dem Strand aufgehalten haben.

Das muss einem nicht schmecken, wenn man Filme ohne Identifikationstypen grundsätzlich ablehnt, aber es ist schon die erkennbare Intention des Films und kein wirkliches Versäumnis von Nolan. Nur ein anderer Ansatz daran, wie man Filme auch machen kann.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 17:38
von vodkamartini
Das Problem ist nur, dass Nolan den Mythos Dünkirchen zu keiner Sekunde gerecht wird. In England ist das eine nationale Legende. Im Film sieht das wie ein artifizielles Sandkastenspiel aus. Auch dem Krieg an sich kommt er keinen Millimeter näher. Für mich ist der Film interessant vom Ansatz her, aber vom Ergebnis misslungen.

Und der Krieg ist ein Grauen für Menschen, wenn ich diese aus der Gleichung nehme, dann ist das zumindest höchst merkwürdig. Mir ist nicht klar, was Nolan in Dunkirk über den Krieg erzählen will, mir hat er nichts neues offenbart. Und schon gar nichts Interessantes.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 19:57
von dernamenlose
vodkamartini hat geschrieben: Gestern 17:38 Und der Krieg ist ein Grauen für Menschen, wenn ich diese aus der Gleichung nehme, dann ist das zumindest höchst merkwürdig. Mir ist nicht klar, was Nolan in Dunkirk über den Krieg erzählen will, mir hat er nichts neues offenbart. Und schon gar nichts Interessantes.
Nolan will dir nichts über den Krieg erzählen, er will dich den Krieg fühlen lassen. Er nimmt deshalb auch nicht den Menschen aus der Gleichung, sondern er setzt den Zuschauer in die Gleichung hinein. Wie Hille es sehr schön beschrieben hat: Wir werden selbst ein gesichtsloser Soldat. Wir selbst sollen den Stress, die Anspannung, und die Hilflosigkeit fühlen und erfahren, wenn ein weiterer Bomber vom Himmel aus auf uns zu stürzt und das Heulen mehr und mehr anschwillt. Wir selbst sollen die Orientierung in Raum und Zeit verlieren, wenn der Film von Erzählebene zu Erzählebene wechselt. Wir selbst sollen gefangen sein in einem Strom von Ereignissen, der uns mal hierhin und mal dorthin treibt. Dunkirk ist ein Survivalthriller, der uns versucht diesen simpelsten und primitivsten Trieb rund ums eigene Überleben in diesem Setting fühlbar zu machen.
Zumindest im Kino hat das für mich auch hervorragend funktioniert und war damals auch für eine gewisse Zeit mein Lieblingsnolan. Im Heimkino hat er etwas abgebaut, funktioniert aber trotzdem noch relativ gut, wenn auch nicht mehr vollumfänglich.
Casino Hille hat geschrieben: Gestern 12:10 Hathaways Heulsusen-Darstellung von Penelope ging mir dermaßen auf den Geist, dafür hab ich keine Worte.
Ich finde es schon erstaunlich zu was für merwürdigen Einschätzungen du bei manchen Nolanfiguren kommst. Da wundert es mich dann auch nicht mehr so sehr, dass die Filme für dich nicht funktionieren :D
Oppenheimer war für dich ein "Jammerlappen", wenn ich mich recht erinnere und Penelope nun eine "Heulsuse". Beides dürfte ziemlich weit weg sein von dem was Nolan erreichen wollte und es ist definitiv weit weg von dem, wie ich die Figuren wahrnehme. Oppenheimer setzt sich ganz bewusst einem Martyrium aus um für seinen Anteil am Erschaffen der Atombombe und ihrer Opfer Buße zu tun. Ob für sein eigenes Gewissen oder ganz kalkulliert um in der öffentlichen Rezeption reingewaschen zu werden sei mal dahingestellt. Der Film lässte beide Interpretationen zu. Gejammert wird da eigentlich kaum.
Und Penelope hat vielleicht zweimal Tränen in den Augen, aber eine Heulsusendarstellung sehe ich da nicht im geringsten. Eher eine Frau, die als Gegenstück zu Odysseus mit List und Schläue versucht sich durch die Geschehnisse zu lavieren und die neben Liebe, Trauer und Verzweiflung, auch Ehrgeiz und Arroganz in sich trägt. Wo du da eine Heulsuse gesehen hast ist mir wirklich ein Rätsel.
Casino Hille hat geschrieben: Gestern 12:10 Die Rüstung von Agememnon sieht aus als käme sie aus dem 3D Drucker.
Nicht wirklich. Die sieht für mich sehr metallisch aus. In einer Nahaufnahme kann man glaube ich sogar kleine Spuren Rost an den Rändern erkennen. Die Rüstung mag auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig aussehen, passt aber auch mit seinem Einsatz beim Öffnen der Tore von Troja perfekt zum Charakter von Agamemnon als egozentrischer Selbstdarsteller, der die zentrale und prägende Figur der Ereignisse sein will. Diese Rüstung verkörpert für mich die Essenz der Figur, die ich beispielsweise im Film Troja nie gesehen habe.
Casino Hille hat geschrieben: Gestern 12:10 stört es mich, wenn in Nolans Film alle Kleidungsstücke ständig frisch aus der Waschmaschine zu kommen scheinen, und die Rüstungen von Odysseus Crew selbst nach Tagen in der Höhle des Zyklopen noch blitzblank sind. Ich verstehe nicht, wie man den Kritikpunkt nicht verstehen kann.
In der Theorie verstehe ich den Kritikpunkt, in der Praxis allerdings nicht, weil ich am Ende der Zyklopensequenz auf alles mögliche geachtet habe, aber definitiv nicht auf die Rüstungen, die in meinen Augen übrigens so designed sind, dass sie eigentlich nie blitzblank aussehen. Ich habe bei der Flucht von der Insel eher darauf geachtet, wie der No-CGI Ansatz Nolan in dieser Szene eingeschränkt hat und man in jedem zweiten Shot diese Limitierung merkt. Nolan versucht das ganze zwar dadurch zu umschiffen, dass er den Zuschauer in die Position der fliehenden Soldaten setzt und das Grauen auf diese Weise fühlbar gemacht werden soll, aber das hat für mich zumindest bei der ersten Sichtung noch nicht so ganz funktioniert.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 20:46
von vodkamartini
dernamenlose hat geschrieben: Gestern 19:57
vodkamartini hat geschrieben: Gestern 17:38 Und der Krieg ist ein Grauen für Menschen, wenn ich diese aus der Gleichung nehme, dann ist das zumindest höchst merkwürdig. Mir ist nicht klar, was Nolan in Dunkirk über den Krieg erzählen will, mir hat er nichts neues offenbart. Und schon gar nichts Interessantes.
Nolan will dir nichts über den Krieg erzählen, er will dich den Krieg fühlen lassen. Er nimmt deshalb auch nicht den Menschen aus der Gleichung, sondern er setzt den Zuschauer in die Gleichung hinein. Wie Hille es sehr schön beschrieben hat: Wir werden selbst ein gesichtsloser Soldat. Wir selbst sollen den Stress, die Anspannung, und die Hilflosigkeit fühlen und erfahren, wenn ein weiterer Bomber vom Himmel aus auf uns zu stürzt und das Heulen mehr und mehr anschwillt. Wir selbst sollen die Orientierung in Raum und Zeit verlieren, wenn der Film von Erzählebene zu Erzählebene wechselt. Wir selbst sollen gefangen sein in einem Strom von Ereignissen, der uns mal hierhin und mal dorthin treibt. Dunkirk ist ein Survivalthriller, der uns versucht diesen simpelsten und primitivsten Trieb rund ums eigene Überleben in diesem Setting fühlbar zu machen.
Zumindest im Kino hat das für mich auch hervorragend funktioniert und war damals auch für eine gewisse Zeit mein Lieblingsnolan. Im Heimkino hat er etwas abgebaut, funktioniert aber trotzdem noch relativ gut, wenn auch nicht mehr vollumfänglich.
Ok, hat für mich null funktioniert. Ich habe da überhaupt nichts gefühlt. Da war nur abstrakte Leere. Stress, Anspannung etc. werden null komm null greifbar. Witzig ist in diesem Zusammenhang das Wort Thriller, denn kaum ein Nolan Film ist weniger spannend.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 20. Juli 2026 23:12
von Casino Hille
vodkamartini hat geschrieben: Gestern 20:46
dernamenlose hat geschrieben: Gestern 19:57
vodkamartini hat geschrieben: Gestern 17:38 Und der Krieg ist ein Grauen für Menschen, wenn ich diese aus der Gleichung nehme, dann ist das zumindest höchst merkwürdig. Mir ist nicht klar, was Nolan in Dunkirk über den Krieg erzählen will, mir hat er nichts neues offenbart.
Wir selbst sollen gefangen sein in einem Strom von Ereignissen, der uns mal hierhin und mal dorthin treibt. Dunkirk ist ein Survivalthriller, der uns versucht diesen simpelsten und primitivsten Trieb rund ums eigene Überleben in diesem Setting fühlbar zu machen.
Ok, hat für mich null funktioniert. Ich habe da überhaupt nichts gefühlt. Da war nur abstrakte Leere.
Es ist auch weitgehend ein eher abstrakter Film, und ich denke nicht, dass das bei jedem funktioniert. Ich finde es auch nur etwas halbgar umgesetzt, da ist einiges drin, was so ein Film dann im Sinne seiner künstlerischen Integrität nicht oder sogar auf keinen Fall tun sollte! Aber trotzdem greift der Vorwurf der fehlenden Figurenbindung da zu kurz, weil einfach überhaupt nicht im Interesse des Gesamtkonzepts. Und es muss auch nicht jeder Film über Emotionen und Charaktere funktionieren.
dernamenlose hat geschrieben: Gestern 19:57
Casino Hille hat geschrieben: Gestern 12:10 Hathaways Heulsusen-Darstellung von Penelope ging mir dermaßen auf den Geist
Penelope hat vielleicht zweimal Tränen in den Augen, aber eine Heulsusendarstellung sehe ich da nicht im geringsten. Eher eine Frau, die als Gegenstück zu Odysseus mit List und Schläue versucht sich durch die Geschehnisse zu lavieren und die neben Liebe, Trauer und Verzweiflung, auch Ehrgeiz und Arroganz in sich trägt. Wo du da eine Heulsuse gesehen hast ist mir wirklich ein Rätsel.
Ach naja, wie sie da ihrem Sohn mit Aufstampfen ein "ICH WILL ODYSSEUS" entgegenblökt, kommt in Körperhaltung, Tonfall und Gestik dann schon sehr meiner kleinen zehnjährigen Schwester nahe, wenn sie von mir fordert, Schokolade zum Frühstück essen zu dürfen. :) Diese Figur funktioniert für mich nullkommanull, ist dünner als das Papier, auf dem Nolan sie geschrieben hat. Sein obligatorisches Problem mit Frauencharakteren kommt da wieder durch, und wird noch verstärkt durch eine Figur, die schon in der Vorlage nur die pflichtbewusste Ehefrau sein darf und sich nie zu mehr als das entwickelt.

Generell ließe sich viel darüber sagen, wie Nolan wieder keiner einzigen Frau im Film ein echtes Innenleben zugesteht, wie sie alle wieder nur verdammt dazu sind, männliche Gewalt und patriarchale Strukturen zu illustrieren, statt als eigene Individuen mit einem Eigenwert zu existieren. Teilweise funktioniert das in Ordnung (bei Athene ist es sogar ziemlich gut), aber an anderen Stellen fragt man sich, wozu diese Schlenker jetzt noch nötig wären, welchen Reiz das befriedigen soll.
dernamenlose hat geschrieben: Gestern 19:57 Die Rüstung mag auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig aussehen, passt aber auch mit seinem Einsatz beim Öffnen der Tore von Troja perfekt zum Charakter von Agamemnon als egozentrischer Selbstdarsteller, der die zentrale und prägende Figur der Ereignisse sein will.
Grauenhafte Szene, bei der ich leider - es tut mir leid für die, die im Kino hinter mir saßen - ziemlich laut lachen musste. Da schwillt diese Musik bis ins Unermessliche an, die Tore öffnen sich unter schwerlichsten Bedingungen und zum Vorschein kommt dieser komische Dark Knight ( :wink: ) Power Ranger und betreibt das, was die Kids im Internet als "Aura Farming" beschreiben. In einem Zack Snyder Film erwarte ich so eine pubertäre Macho-Geste ja, und dass der sowas cool findet leuchtet mir auch ein, aber so ein Element in einem Christopher Nolan Film? Naja gut, offenbar gefällt es vielen, damit kann ich auch gut leben. Ich finds aber eher peinlich. Sowas gehört meinetwegen in einen Marvel Blockbuster, aber doch nicht in die Odyssee.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 00:08
von 00T
Ich würde sagen, über weite Strecken hat mich " The Odyssey" gut unterhalten können, was vor allem an recht starken Einzelepisoden liegt. Die Trojasequenz (also die Einnahme durch das Pferdchen) fand ich vom Spannungsaufbau her sehr gelungen, dazu auch vor allem die CIrce-Sequenz in einer gänzlich ungewöhnlichen und recht fiesen Interpretation. Auch die Totensequenz und den Zyklopen mochte ich im Grunde, wie ich generell die etwas düsteren, teils ins Horrartige übergehenden Interpretationen der Sagenstoffe mochte. Das Schauspielerensemble ist okay, es ragt aber auch niemand wirklich heraus, was letztlich - und da würde ich vielen von euch zustimmen - an einer nicht sonderlich memorablen Charakterzeichnung liegt. Gerade Pattionsons Antinoos hat mich da enttäuscht, die Figur ist in ihrer Klischeehaftigkeit einfach zu uninteressant als Gegenspieler.
Wo der Film mich etwas verliert, sind Teile des letzten Drittels, wo Nolan alles, was er über die mykenische Zeit recherchiert hat, unterzubringen versucht und so bedeutungsschwanger das temporäre zivilisatorische Ende der Menschheit beschwört (was die Gewaltdarstellungen irgendwie nicht einhalten können). Zudem ersäuft mir das Ende ein bisschen zu sehr im amerikanischen Kitsch.

Daneben stört mich eine gewisse Biederkeit der Odysseus-Figur. Jegliche Schalkhaftigkeit, Arroganz und generell Charisma, was in den Sagen um diese Figur ständig zum Vorschein kommt, ist der Geschichte komplett abhanden gekommen. Alles, was bleibt, ist ein traumatisierter Trauerkloß, auch noch ohne wirkliche moralische Ambivalenz. Wo sind die Lügengeschichten, wo ist der trickster? Klar, das mag alles zu einer Art Heldendekonstruktion gehören, die Nolan da versucht, es nimmt der FIgur aber auch viele ihrer schillernden Charakteristika. Gerade das Auslassen jeglichen sexuellen Inhalts ist da ein deutlicher Hinweis (denn ein moderner Mann, der zu seiner Frau zurück möchte, hat keine sexuellen Abenteuer mit schönen Zauberinnen oder Nymphen).
danielcc hat geschrieben: Ich finde nicht, dass der Rachefeldzug am Ende irgendwie gerechtfertigt ist. Der Typ war 20 Jahre weg und dennoch hat niemand ihm selbst oder selbst seiner Frau etwas angetan. Das ist doch komisch wenn man mal darüber nachdenkt oder ?
Das erklärt sich natürlich auch eher aus der antiken Sichtweise. Die nisten sich jahrelang bei ihm ein und essen Ithaka quasi die gesamte Nahrung weg. Die Angst vor Parasitentum war in der archaischen griechischen Gesellschaft sehr groß. Dazu spielen sie sich wie die Herren im Haus auf, obwohl der Herr ja nicht tot ist - was die nicht wissen können, klar, aber nach dem Brauch hat Odysseus durchaus das Recht, die alle umzubringen. Im Epos bringt er ja auch alle untreuen Mägde noch um, das haben sie im Film noch ausgelassen.
Casino Hille hat geschrieben: Grauenhafte Szene, bei der ich leider - es tut mir leid für die, die im Kino hinter mir saßen - ziemlich laut lachen musste.
Ging mir auch so, ich konnte diese Inszenierung um Agamemnon rum leider auch nicht ernst nehmen und hatte bei jedem seiner Auftritte, ausgenommen als er tatsächlich mal etwas sagt, einen unwillkürlichen Lachreflex.
Casino Hille hat geschrieben:"ICH WILL ODYSSEUS"
Das fand ich fast ein bisschen witzig, weil sie vorher eine selbstbestimmte Rede hält, wie sie 20 Jahre lang ohne männliche Hilfe Ithaka regiert hat und wegen ihres Frauseins nicht ernst genommen wird, nur um dann laut nach ihrem Ehemann zu schreien :lol: .

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 00:32
von Maibaum
00T hat geschrieben: Heute 00:08 Im Epos bringt er ja auch alle untreuen Mägde noch um, das haben sie im Film noch ausgelassen.

Noch mal die konkrete Frage, sieht man sie sterben, oder taucht sie einfach nicht mehr auf?
Ich habe sie noch gesehen in einer Nahaufnahme, in der sie ängstlich schaut als sie vergeblich versucht den Raum zu verlassen. Danach nicht mehr.
Interessiert mich einfach nur ob ich da was verpasst habe, oder ob da tatsächlich nichts mehr war.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 00:34
von Casino Hille
00T hat geschrieben: Heute 00:08
Casino Hille hat geschrieben:"ICH WILL ODYSSEUS"
Das fand ich fast ein bisschen witzig, weil sie vorher eine selbstbestimmte Rede hält, wie sie 20 Jahre lang ohne männliche Hilfe Ithaka regiert hat und wegen ihres Frauseins nicht ernst genommen wird, nur um dann laut nach ihrem Ehemann zu schreien :lol: .
Haha, total! Da kann die arme Hathaway vielleicht auch wirklich nichts dafür. Schon auf dem Papier ist das eine bescheuerte Szene. Nolan will Penelope einerseits als moderne Frau zeigen, die ihre eigene patriarchale Unterdrückung kommentiert, aber weil die Odyssee nun mal die Odyssee ist, muss sie sich dem Plotkonstrukt trotzdem brav fügen und auf die Rückkehr ihres Ehemannes (oder in dem Fall ihres Herrchens) warten. Mir fällt zugegeben auch keine bessere Lösung ein, aber diesen Widerspruch so kondensiert in 90 Sekunden zu pressen war nicht die schlauste Idee.
00T hat geschrieben: Heute 00:08 Daneben stört mich eine gewisse Biederkeit der Odysseus-Figur. Jegliche Schalkhaftigkeit, Arroganz und generell Charisma, was in den Sagen um diese Figur ständig zum Vorschein kommt, ist der Geschichte komplett abhanden gekommen. Alles, was bleibt, ist ein traumatisierter Trauerkloß, auch noch ohne wirkliche moralische Ambivalenz. Wo sind die Lügengeschichten, wo ist der trickster? Klar, das mag alles zu einer Art Heldendekonstruktion gehören, die Nolan da versucht, es nimmt der FIgur aber auch viele ihrer schillernden Charakteristika. Gerade das Auslassen jeglichen sexuellen Inhalts ist da ein deutlicher Hinweis (denn ein moderner Mann, der zu seiner Frau zurück möchte, hat keine sexuellen Abenteuer mit schönen Zauberinnen oder Nymphen).
Geh ich komplett mit! Ich habe mal über "Inception" den Witz gemacht, dass ich mir bei keiner einzigen Figur in dem Film vorstellen kann, sie wüsste was Sex ist und wie es funktioniert. :mrgreen: Nolans Filme sind seltsam asexuell und neurotisch, was normalerweise vielleicht nicht auffällt oder egal ist, aber natürlich bei einer Adaption der dauer notgeilen griechischen Sagen ins Auge sticht.

Odysseus ist bei Nolan nicht die komplexe Figur der Vorlage, sondern ein moderner dekonstruierter Held, ein schwer traumatisierter Kriegsheimkehrer, wie Hollywood sie uns dauernd auf die Nase bindet. Und darin ist Nolan auch noch furchtbar konservativ. Sein Film ist Oliver Stones "Platoon" in die griechische Antike verlegt. Unser Mitleid und unsere Empathie soll dem armen Imperialisten gehören, der durch seine Schläue ein ganzes Volk dezimiert hat, weil es ihm so furchtbar leid tut. Er hat den Tod von Tausenden verursacht (das trojanische Pferd ist für Odysseus, was für Oppenheimer die Atombombe war), aber es geht ihm ganz dolle schlecht damit.

Die Opfer? Die sind egal, sind ja schließlich tot. Wirklich bedauern muss man die Angreifer, die Täter, die ja nicht ahnen konnten, wie das Blutvergießen ihre Seele belasten wird...
Maibaum hat geschrieben: Heute 00:32
00T hat geschrieben: Heute 00:08 Im Epos bringt er ja auch alle untreuen Mägde noch um, das haben sie im Film noch ausgelassen.
Noch mal die Konkrete Frage, sieht man sie sterben, oder taucht sie einfach nicht mehr auf?
Man sieht sie nicht sterben, sie verschwindet mitten im abschließenden Gemetzel aus dem Film.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 00:51
von Maibaum
Ok, das ist dann etwas feige, also sie nicht ebenfalls zu "bestrafen". Dann wäre es besser gewesen sie schon vorher nicht mehr zu zeigen. Aber nicht wirklich wichtig.

Agamemnon, das mochte ich an sich, ihn nur so zu zeigen, ohne Gesicht, nur als dunkler Über-Anführer. Aber es wirkte gleichzeitig in seiner stilisierten Art doch eher wie ein Fremdkörper, passte nicht so richtig in den Film. Aber da fügte sich ja vieles nicht zusammen.

Anne Hathaway, ich mag sie sehr, das ist glaube ich der erste Film in dem sie blass bleibt. In Interstellar dagegen war sie charismatisch wie immer, obwohl das an sich gar nicht mal eine tolle Rolle war, also rein von der Konzeption her.

Bei Pattinson ist das ebenfalls interessant, ich fand ihn sehr stark in Tenet, in einer jamesbondigen Rolle die keine Tiefe besaß, aber in der Odyssee vermag auch er es nicht seinen Widerling auf irgendeine Art trotzdem interessant zu machen.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 08:41
von danielcc
Ich schätze mich so glücklich, dass ich den Film einfach nur genießen konnte ohne jedes Detail zu hinterfragen. Jetzt habe ich richtig Lust auf eine zweite Sichtung

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

Verfasst: 21. Juli 2026 09:32
von dernamenlose
Casino Hille hat geschrieben: Heute 00:34 Haha, total! Da kann die arme Hathaway vielleicht auch wirklich nichts dafür. Schon auf dem Papier ist das eine bescheuerte Szene. Nolan will Penelope einerseits als moderne Frau zeigen, die ihre eigene patriarchale Unterdrückung kommentiert, aber weil die Odyssee nun mal die Odyssee ist, muss sie sich dem Plotkonstrukt trotzdem brav fügen und auf die Rückkehr ihres Ehemannes (oder in dem Fall ihres Herrchens) warten. Mir fällt zugegeben auch keine bessere Lösung ein, aber diesen Widerspruch so kondensiert in 90 Sekunden zu pressen war nicht die schlauste Idee.
Muss das denn ein Widerspruch sein? Für mich bricht hier kurz ihre über Jahre aufgebaute Fassade, was durchaus verständlich ist und definitiv nicht nach einem zehnjährigen Mädchen klingt, das Schokolade will. Und auch inhaltlich sehe ich nur bedingt einen Widerspruch. Kann sie sich denn nicht nach Odysseus als ihrem geliebten Mann sehnen und gleichzeitig frustriert darüber sein, dass die gesellschaftlichen Umstände es ihr nicht erlauben bis zu seiner eventuellen Rückkehr alleine Königin zu sein, die sich nicht mit machthungrigen, parasitären Verehrern herumschlagen muss? Ich sehe nicht, dass sie sich danach seht, dass Odysseus ihr die schwierige Regierungsaufgabe abnimmt. Sie will ihn einfach als Mensch zurück.

Mich hat Anne Hathaway in ihrer Rolle definitiv überzeugt und es wundert mich nicht, dass sie hier und da schon als Oscar-Kandidatin gehandelt wird.
danielcc hat geschrieben: Heute 08:41 Ich schätze mich so glücklich, dass ich den Film einfach nur genießen konnte ohne jedes Detail zu hinterfragen. Jetzt habe ich richtig Lust auf eine zweite Sichtung
Die wird auch bei mir noch folgen. Und eine dritte sicherlich auch noch. Ich bin sehr gespannt, wie sich der Film über die Zeit entwickelt. Bei der ersten Sichtung wirkte die erste Hälfte noch etwas unrhythmisch auf mich, aber das war bei Oppenheimer nicht anders. Da hat es auch bis zur vierten Sichtung gebraucht, bis sich der Flow des Films vollständig auf mich übertragen hat. Ich bezweifle zwar, dass "The Odyssey" das gleiche Potential hat, dafür sind mir zu viele Kleinigkeiten leicht störend aufgefallen, aber das muss die Zeit zeigen.