Maibaum hat geschrieben: 2. November 2019 14:37
Auch wenn Kubrick das Kapitel gekannt hätte, heißt das ja nicht, daß er es auch benutzt hätte.
Vollkommen richtig und je nachdem, wo man liest und wen man fragt, kannte Kubrick den Inhalt des 21. Kapitels sehr wohl oder erfuhr während der Dreharbeiten davon, hielt es aber für absurd und war der Ansicht, es stelle den ganzen Roman auf den Kopf (was gewissermaßen auch stimmt). Er blieb daher beim sehr düsteren Ende, wie wir es aus dem Film kennen, anstatt vergleichsweise hoffnungsvoll versöhnlich zu enden wie Autor Anthony Burgess es tat. Der Roman wird gewissermaßen auf den letzten Metern zu einem Moralstück, während der Film (und die damalige US-Ausgabe des Buchs, welche das letzte Kapitel nicht enthielt) ambivalent ausgeht. Burgess selbst dazu: "My book was Kennedyan and accepted the notion of moral progress. What was really wanted was a Nixonian book with no shred of optimism."
Maibaum hat geschrieben: 2. November 2019 14:37
Ob es für den Roman Sinn macht ist die gleiche Frage, weil es den Inhalt des Romans in gewisser Hinsicht komplett verändert. Wie man überhaupt mit kleinen Änderungen gegen Ende eines Werkes dessen Aussage auch ins Gegenteil kehren kann.
Jain, denn die kleine Änderung gegen Ende ist ja in dem Fall das Weglassen des Kapitels in der US-Ausgabe und dann eben auch in der ansonsten für Kubrick sehr werkgetreuen Verfilmung. So gesehen verändert das letzte Kapitel den Inhalt des Romans auch nicht. Chronologisch vielleicht schon beim Lesen, aber Burgess hat die Geschichte von Anfang an von diesem Ende aus gedacht, es ging ihm um einen Reifeprozess und die moralische Lektion, dass jeder Jugendliche auf natürlichem Weg aus seiner gewalttätigen Phase rauswächst. Deswegen braucht es auch keine Umerziehung von oben, die ohnehin nicht von Dauer ist oder funktionieren kann, weil wir alle in uns die Fähigkeit haben, von selbst diese Reifung zu vollziehen. Für sich betrachtet ist das der Inhalt des Buches: Am Ende siegt der freie Wille von Alex, und er entfernt sich von seinen gewalttätigen Tagen auf ganz natürliche Weise. Und damit führt Burgess den staatlichen Apparat und seine Methoden vor. Kubricks Film endet anders, und verändert in die Tat die Aussage und den Inhalt des Romans durch Auslassung. Der von Burgess erdachte Konflikt zwischen Libido und Kulturwesen kann bei Kubrick nicht überwunden oder aufgelöst werden und das ist dann eine ganz andere Geschichte, obwohl sie fast deckungsgleich verlaufen bis zur Schlusspointe.