Casino Hille hat geschrieben: 22. Mai 2023 11:56
ollistone hat geschrieben: 22. Mai 2023 11:35
Wer den Film nicht kennt (wie mein Sohn), hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn der Film mit der Szene auf dem Schiff endet ("Wo tut es eigentlich nicht weh?" - "Hier... und hier ist auch nicht so schlimm...").
Hmmm okay. Finde ich aber nicht. Da wäre zu vieles unrund – gerade weil ein wesentlicher Kern des Films (Indy als Archäologe und Gegenbild zu Belloq) nicht auserzählt worden wäre. Für mich wäre das da ein unbefriedigendes Ende, während das eigentliche Ende schlüssig ist und sehr befriedigend ausfällt – gerade weil, nachdem die Lade ihre Kräfte offenbart hat, sie dann letztlich in irgendeinem geheimen Lager endet und Indy zwar damit nicht viel erreicht, aber immerhin die Frau bekommen (und die Welt gerettet) hat.
Bzw. um das noch weiter auszuführen: Indiana Jones hat ja eine Charakterentwicklung im ersten Film, die selbst mit der Szene mit dem Raketenwerfer und Belloq noch nicht abgeschlossen ist. Er ist den ganzen Film über motiviert von seiner Gier nach Antiquitäten, einer Gier, die ihn immer wieder in Lebensgefahr bringt und andere sogar das Leben kostet. Seine Motivation, für die Regierung nach der Bundeslade zu suchen, ist nie darüber definiert, den Nazis in die Suppe zu spucken. Er handelt nicht aus Patriotismus, sondern einzig aus seiner Besessenheit für Geschichte heraus. Spielberg ist einer dieser Regisseure, deren Meisterklasse man vor allem an dem Material erkennt, das sie aus ihren Filmen herausschneiden und nicht verwenden, obwohl es gedreht wurde.
In der Szene, in der Marcus Brody seinen Freund Indy bei sich zu Hause besucht, wurde im Schnitt später deutlich verändert und war eigentlich viel länger. Indy ist in dieser Szene leicht bekleidet zu sehen, er hat nur einen Bademantel übergeworfen. Das liegt daran, dass wir ursprünglich erfahren hätten, dass er Frauenbesuch bei sich versteckt, den Marcus nicht sehen soll (der bekennende Bondfan Spielberg zollt da der ähnlichen Szene mit M und Moneypenny bei Bond daheim in LALD Tribut). Indy hat nämlich gerade jene Studentin / Schülerin bei sich, die ihm zuvor im Unterricht zwinkernd Avancen gemacht hat, und vergnügt sich mit ihr. Diesen Teil der Szene hat Spielberg entfernt, weil sie so anders gewirkt hätte. Die eigentliche Intention der Szene war, dass Indy versucht, Marcus möglichst schnell wieder loszuwerden und deshalb auf dessen Warnungen bezüglich der Bundeslade nicht groß eingeht. Da Spielberg aber die Bettgespielin entfernt hat, wirkt Indy jetzt als Charakter anders: Es kommt so rüber, als habe er tatsächlich anders als Marcus keinerlei Bedenken. Religiösen Glauben tut er als "Hokuspokus" ab. Das passt auch sehr gut, denn in der Szene zuvor (als die beiden Herren von der Regierung Marcus und Indy mit dem Auftrag betreuen), sagt er an einer Stelle: "Yes, it (the Ark) contains the actual Ten Commandments. The original stone tablets that Moses brought down out of Mount Horeb and smashed … if you believe in that sort of thing."
Indy ist kein gläubiger Mensch, sondern bestenfalls ein Skeptiker, der mit religiösen Mythen nicht viel anfangen kann. Er glaubt nicht an irgendwelche übersinnlichen Kräfte der Bundeslade, derer Hitler sich bemächtigen könnte. Ihn interessiert nur der Nervenkitzel, die Jagd nach der Lade und ihre geschichtliche Dimension. Es gibt später noch eine Szene, in der Sallah ebenfalls Indy vor der Lade und ihren Kräften warnt, und erneut weist Indy dies zurück. Er hat absolut kein Interesse am Glauben, er will die Bundeslade finden (für ihn ein archäologisches Objekt wie jedes andere, nur eben ein enorm gewaltiges). Belloq hat deshalb mehrfach im Film vollkommen recht, wenn er Indy sagt, sie seien gar nicht so verschieden. Sie haben beide Hybris, wandern beide durch die Geschichte ohne Rücksicht auf Verluste. Beloq sagt wörtlich: "You and I are very much alike. Archaeology is our religion, yet we have both fallen from the purer faith. Our methods have not differed as much as you pretend. I am a shadowy reflection of you. It would take only a nudge to make you like me, to push you out of the light." Und später: "Look at this pocket watch. It's worthless. Ten dollars from a vendor in the street. But I take it, I bury it in the sand for a thousand years, it becomes priceless … like the Ark. Men will kill for it. Men like you and me."
Indy lehnt das zu dem Zeitpunkt ab und will nicht einsehen, wie richtig Beloq liegt. Dass die geschichtlichen Artefakte von ihnen beiden gleichermaßen nur der "Aufhänger" fürs nächste Abenteuer sind, sie aber alles andere ignorieren und opportunistisch ausblenden, was mit diesen Artefakten verborgen sein könnte. Später zeigt der Film uns, dass Beloq wirklich recht mit seinen Worten hatte. Als Indy ihn mit der Panzerfaust bedroht, hätte er die Chance, die Lade zu sprengen (Marion würde dann zwar sterben, aber er eben auch) und würde er an die dämonischen Kräfte der Lade glauben, würde er sie wohl auch sprengen, damit sie Hitler nicht in die Finger gerät. Aber er kann nicht. Belloq kommentiert das so: "All your life has been spent in pursuit of archaeological relics. Inside the Ark are treasures beyond your wildest aspirations. You want to see it opened as well as I. Indiana, we are simply passing through history. This, this is history." Genau deshalb will Belloq das Ritual ja vollziehen: Weil er sonst nie die Chance hätte, in die Lade zu sehen, sobald sie erstmal bei Hitler in Berlin ankommt. Belloq ist kein Nazi, er steht nicht treu hinter der Deutschen Führung. Er ist motiviert durch seine Neugierde.
Das Finale aber dann ist der Moment, in dem Indy seine Entwicklung abschließt. Bis zu diesem Moment ist er ganz in die Jagd vertieft, in das Bedürfnis zu wissen, was die Bundeslade wirklich ist. Deshalb sprengt er sie nicht in die Luft - er ist genau wie Belloq. Aber als Belloq das jüdische Ritual vollzieht und sich der Himmel auftut, ist Indy endlich dazu bereit, all das aufzugeben, wofür er gekommen ist: das Bedürfnis nach Wissen. Er schließt die Augen und sieht nicht hin, er entscheidet sich, nicht zu
wissen, was vor sich geht und was die Lade tut, sondern stattdessen an die Lade und ihre Kraft zu
glauben, statt sie mit eigenen Augen sehen zu müssen. Er ist reumütig gegenüber Gott. Und deshalb überlebt er, während die Nazis und Belloq es nicht tun. Vom Skeptiker zum Gläubigen, vom eigennützigen Grabraub zum respektvollen Umgang mit der Geschichte – darum geht es in "Jäger des verlorenen Schatzes".
Hier wieder: Spielbergs Klasse erkennt man in Teilen an den Szenen, die NICHT in seinen Filmen auftauchen. Es gab ursprünglich eine Szene, in der Indy und Sallah mit dem Medaillon von Marions Vater zu einem Imam gehen, der ihnen die Aufschrift interpretiert. Er erklärt ihnen, dass die Aufschrift eine Warnung ist, die Lade nicht zu stören, und sagt wörtlich, es sei verboten sie zu berühren, zu öffnen oder, wenn sie geöffnet ist, sie anzusehen. Diese Szene sollte sozusagen erklären, warum Indy im Finale weiß, dass Marion und er die Augen schließen müssen. Aber obwohl das eine wichtige Info ist, hat Spielberg die Szene entfernt und er lag richtig damit. Es hätte die finale Szene schlicht geschwächt, wenn Indy hier nur einer Handlungsanweisung folgt, statt aus eigener Überzeugung den Blick abzuwenden. Und zudem ist sie auch wenig glaubwürdig: Ein studierter Mann, der sich so gut mit archäologischen Artefakten und biblischer Geschichte auskennt, sollte kein Medaillon und keinen Imam brauchen, um zu wissen, dass man die Bundeslade nicht berühren oder öffnen darf.
Dafür genügt ein Blick in die heilige Schrift selbst. Beim Abtransport der Bundeslade nach Jerusalem betreute David die zwei Männer Usa und Achio damit, den Ochsenkarren anzutreiben, auf dem die Lade transportiert wurde. Als dieser Karren aber beinahe umkippte und so auch die Bundeslade hätte beschädigt werden können, streckte Usa seine Hand aus, um sie festzuhalten, und wird zur Strafe von Gott erschlagen, da es selbst den "Söhnen Kahats" (laut heiliger Schrift jene, welchen die göttliche Aufgabe zukommt, die Lade zu berühren) verboten ist, das Heiligtum der Lade zu berühren. Indy sollte das selbst wissen und nicht von irgendeinem alten Mann in der Wüste erklärt bekommen.
Man kann jetzt darüber diskutieren, ob es nicht besser gewesen wäre, uns genau wie Indy nicht zu zeigen, was aus der Lade kommt, und was mit den Nazis (und Belloq) geschieht, aber gleichzeitig wollte Spielberg eben einen Haufen sterbender Nazis bei der schlampigen (oder zumindest ungenauen, unvollständigen) Durchführung eines jüdischen Rituals zeigen. Wer kann ihm das verübeln?

So oder so: Je mehr ich darüber nachdenke, umso perfekter ist "Jäger des verlorenen Schatzes" konzipiert.