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von Casino Hille
'Q Branch' - MODERATOR
Bevor er ellenlange Bestseller über übernatürliche Autos, formwandelnde Monster oder kinderfressende Clowns schrieb, widmete Stephen King seinen Debütroman dem vielleicht schrecklichsten Horror des realen Lebens, den man sich überhaupt vorstellen kann: ein Teenager-Mädchen zu sein. Sowas wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht. Die Geschichte von Carrie, der telekinetisch begabten Tochter einer fanatisch katholischen Frau, die in der Schule gemobbt wird, als sie Angst vor ihrer ersten Menstruation bekommt, machte King zum Starautor. Auch die Verfilmung von 1976 tat es der Vorlage gleich und kickstartete die Karriere eines prägenden Künstlers: Regisseur Brian De Palma wurde, nach ein paar verdienten vorherigen Werken, über Nacht zu einer Schlüsselfigur des New Hollywood.
Entgegen seinem Ruf ist "Carrie" zwar ein Klassiker, aber dabei weniger ein Schocker als vielmehr ein psychologisches Melodram – wenn auch ungewöhnlich voyeuristisch und ausbeuterisch. De Palma eröffnet ihn mit der fast schon pervers luschernden Darstellung nackter minderjähriger Mädchen im Umkleideraum, schwelgt in sadistischen Szenen von Ausgrenzung, Demütigung und Grausamkeiten, und ergötzt sich an jugendlichen Perversionen. Mobbing und Sex gehen Hand in Hand. Das Premium-Miststück der Schule muss selbst beim Oralverkehr mit ihrem Lover noch nebenbei darüber schimpfen, wie wenig sie Carrie eigentlich leiden kann. Es ist alles notwendiges Vorspiel, ein unaufhörlicher Aufbau hin zum donnernden Höhepunkt. „Carrie“ erlangte popkulturelle Berühmtheit für sein blutrünstiges Finale am Abschlussball, eine opernhafte, alttestamentarische Rachefantasie, angetrieben von weiblicher Wut. Die schockierend präsentierte Gewalt (in stilvollen, rot getönten Splitscreens) ist rein kathartisch, das befriedigende Inferno einer Femme castratrice.
Mitreißend in seinen trashigen, weitgehend primitiven B-Movie-Instinkten und getragen von Sissy Spaceks tragikomischer Performance, erwies sich De Palmas Arbeit als absolut fesselnd. Was aber nicht heißen soll, dass sie unanfechtbar wäre. Schon immer wählte De Palma seine stilistischen Mittel wie ein Kind im Süßigkeitenladen seine Taschen vollstopft. Sein übermäßiger, exzessiver Einsatz von Zeitlupe, Split-Diopter-Fotografie und Weichzeichner wirkt daher etwas kitschig und ästhetisch angestrengt, und die Tonalität seines Films ist in ihrer Zweiteilung übermäßig repetitiv; oszilliert ständig zwischen Süßlichkeit und Düsternis. Doch die Wirkung des Ganzen lässt sich kaum bestreiten, wenn der letzte Schock aus dem Jenseits auch mehr als fünfzig Jahre später noch das Publikum zusammenzucken lässt. 7/10
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Let the sheep out, kid.