Casino Hille hat geschrieben: 20. Juli 2026 00:07
Maibaum hat geschrieben: 18. Juli 2026 18:49
Letztendlich hat Nolan keinen interessanten Ansatz gefunden um der Geschichte mehr abzugewinnen als hier und da ein paar starke Bilder, aber auch da hat er mir im Ganzen nicht viel zu bieten, vieles sieht belanglos aus, jedenfalls wenig beeindruckend.
5/10
Bin da bei dir. Ein teilweise schön anzusehendes, aber emotional völlig leeres Spektakel, welches der Vorlage wenig abgewinnen kann. Das Ensemble ist teils recht okay (Holland, Damon, Morton), teils erbärmlich schlecht (Hathaway, Pattinson, Bernthal). Die Action ist insgesamt mittelmäßig choreographiert, vor allem den Endkampf fand ich einem Regisseur von Nolans Größe unwürdig. Wie da die Freier einer nach dem anderen Odysseus angreifen und alle brav warten, bis sie an der Reihe sind, geht eigentlich gar nicht. Die Zyklop-Episode hat er auch völlig verkackt, das war öde und fantasielos. Dafür fand ich Circe richtig super. Die Sequenz hatte schön fiese Bodyhorror-Elemente. Auch sein Verweilen bei Kalypso funktioniert gut. Witzig: Damon spielt mal wieder jemanden, der in den Ozean plumpst und danach an Amnesie leidet.
Eine richtige Katastrophe war das Kostüm- und Produktionsdesign:
- Agamemnons "Darth Vader bei Wish bestellt" Rüstung sieht aus wie aus dem 3D Drucker.
- Kaum Bronze in der Bronze Ära. Dabei wird die Bronze Ära sogar im Dialog benannt (was ein wenig albern ist).
- Alle Outfits wirken stets wie aus dem Ei gepellt.
- Die Riesen tragen einfach Mittelalter-Ritterrüstungen? Häää? Wieso haben die überhaupt Rüstungen?
- Das Wikingerschiff von Odysseus reißt mich völlig aus der Immersion. War es so schwer, da was historisch halbwegs Passenderes zu finden?
- Ob Sparta oder Ithaka, all diese farblosen dunkelbraunen Thronsäle lösen nullkommanull Abenteuerfeeling aus.
- Generell sind die Settings oft abstrus weit weg von der Mittelmeer-Region. Dieser nordenglische Düsterwald bei den Riesen sieht mehr nach "King Arthur" als "The Odyssey" aus.
Und das ausgerechnet in einem Film, in dem wieder groß und sinnfrei um zivilisatorische Brüche schwadroniert wird und wie ausgerechnet das blöde Attrappen-Hottehü die Menschlichkeit verraten und "die Welt für immer verändert hat". Drunter macht er es wohl nicht mehr.
Kein Film für mich. Aber ich gönne es allen, die es irgendwie mochten. Ich hab mich leider meist eher gelangweilt.
Du sprichst mir aus der Seele, Hille.
Rüstungen, Outfits, Schiffe. Gerade die Immersion wird immer wieder gebrochen und ich konnte einfach nicht in die Story eintauchen. Das farbenprächtige Mittelmeer wirkt meistens nur düster, schroff und unwirtlich, dazu kommen immer wieder Fehler wie Odysseus' Crew schrumpft und wächst wie es Nolan gerade braucht, uvm.
Die Bindung und Kameradschaft zwischen O. und seinen Männern fehlte völlig. Stattdessen beginnen die Typen gleich Odysseus' Entscheidungen und Kurs in Frage zu stellen. Hey, die waren gerade 10 Jahre lang gemeinsam im Krieg, den sie sogar gewonnen haben, unter entscheidender Beteiligung des Chefs. Da hätte ich eigentlich mehr Vertrauen in den Chef erwartet.
Nolans Odysseus ist eine komische Figur, mir war er weder sympathisch noch abstoßend, er war eher langweilig und blass. Ein richtiges Heldenfeeling durfte nicht aufkommen.
Odysseus kennzeichnet normalerweise seine Klugheit und Listigkeit aus, zwar ist er nicht der größte Krieger, aber dennoch einer von Agamemnons wichtigsten Generälen ohne den praktisch nix läuft:
- Odysseus gewinnt Achilles und Patroklos für den Krieg
- O. ermöglicht Iphigenies "Opferung"
- O. gewinnt auch mehrere Wettkämpfe bei den Leichenspielen des Patroklos -> auch Muskeln, nicht nur Grips
- O. ist ein Günstling Athenes (#Streit mit Ajax um die Waffen des toten Achilles)
- O. holt Achilles' Sohn Neoptolemos nach
- O. klaut heimlich das Athena-Bild aus dem Athena-Tempel in Troja, uvm.
- erfindet das Trojanische Pferd
- entwickelt den Plan zur Flucht aus Polyphems Höhle (okay, wegen seiner Neugier sind sie überhaupt in der Höhle gefangen, aber auch von dieser Neugier und Abenteuerlust des O. war bei Nolan für mich wenig zu spüren. Der Mann verabschiedet sich am troj. Strand von Agamemnon und nimmt eine andere Route durchs Mittelmeer, weil er noch etwas von der Welt sehen will, stattdessen scheint er mir bei Nolan irgendwie verloren, antriebslos und planlos.
Irgendwann auf seiner Irrfahrt schlägt das Ganze natürlich in Sehnsucht nach der Ithaka um, aber wirklich von Heimweh und Sehnsucht nach Weib und Sohn geplagt scheint mir der Damon' sche Odysseus nicht zu sein.
Stattdessen wird uns ein Odysseus mit PTSB und angeblichen gewaltigen Schuldgefühlen präsentiert, der sich selbst bestrafen will?,
Casino Hille hat geschrieben: 20. Juli 2026 00:07 Und der Film schwadroniert groß und sinnfrei um zivilisatorische Brüche und wie ausgerechnet das blöde Attrappen-Hottehü die Menschlichkeit verraten und "die Welt für immer verändert hat". Drunter macht er es wohl nicht mehr.
und alles wird mit dieser angeblichen Xenia, Gastfreundschaft, die in meinen Augen nicht ausführlich eingeführt bzw. genau genug erklärt wird, begründet.
Casino Hille hat geschrieben: 20. Juli 2026 14:46
Aber da ist halt auch sonst nicht viel. Nolan hat kaum interessante oder gute Ideen zur Odyssee und diesem Stoff, außer alles in Bombast zu ersaufen. Für mich ergibt sich da kein schlüssiges Gesamtwerk. Für ein Epos sind die Figuren zu schal, für ein großes Abenteuer ist die Stimmung zu deprimierend und trist, für ein richtiges Drama fehlt es an guten Dialogen und smarten Ideen.
Auch das meine ich mit "emotional leer". In dem Film ist ganz viel bedeutungsschweres Schwadronieren um das Ende der Zivilisation, das Aufkündigen des "ungeschriebenen Vertrags zwischen den Kulturen", es wird generell ganz viel traurig und nachdenklich durch die Gegend geguckt, aber dahinter verbirgt sich dann in der Umsetzung eine Geschichte, die kaum komplexer oder interessanter ist als ein handelsüblicher Errol Flynn Robin Hood.
Richtig.
Mich haben die Story nicht gepackt und die Figuren nicht mitgerissen. Eine große Rolle spielt sicherlich, dass ich gerade die griechischen Mythen und Heldensagen sehr gerne mag und Nolan praktisch jegliche Fantasien und göttliche Interventionen entfernt bzw. rationalisiert hat:
Die Sirenen waren lächerlich und Skylla eines der am kläglichsten animierten Monster, die ich je sehen durfte. Und das im Jahr 2025, mit bester Tricktechnik und riesigem digitalen Arsenal und einer 300-Mio-Produktion.
Stattdessen nervt uns Odysseus mit seinen Visionen von Athene, die sein Gewissen, seine Schuld darstellt?,
Wahrscheinlich ist Nolan für mich auch einfach der falsche Regisseur bzw. sein Mindset mir zu hoch. In Sachen Filmen bin ich öfters mal eher leicht gestrickt bzw. bin traditionell oder konservativ.
P.S. Das Ende ist ja der Gipfel. Der Typ kommt nach verdammten 20 Jahren endlich nach Hause und bricht sofort mit seiner Frau zur nächsten Kreuzfahrt auf. Ich weiß, mögliches Exil oder so, nervt mich trotzdem.
