Welcher Film von Christopher Nolan ist der Beste?

Following (1998) (Keine Stimmen)
Memento (2000)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 3 (12%)
Insomnia (2002) (Keine Stimmen)
Batman Begins (2005) (Keine Stimmen)
Prestige (2006)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (8%)
The Dark Knight (2008)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (16%)
Inception (2010)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (16%)
The Dark Knight Rises (2012) (Keine Stimmen)
Interstellar (2014)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (16%)
Dunkirk (2017)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Tenet (2020)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 3 (12%)
Oppenheimer (2023)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Die Odyssee (2026)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 3 (12%)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 25

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2118
danielcc hat geschrieben: Gestern 16:28 Wieso das? Bis 900 ist es ein sehr weiter weg.
Weil das bedeuten würde, dass "The Odyssey" einen Startwochenendsmultiplier von lediglich 3,4 haben müsste - etwas was es in Nolans Filmographie noch nie gab. Sein geringster Multiplier war 4,3 bei Insomnia. Seit er mit "The Dark Knight" ein großer Name wurde, hatte nur noch ein Film von ihm einen geringeren Multiplikator als 5. Das war "The Dark Knight Rises", ein Superheldenfilm, der zugleich Abschluss einer Trillogie und Nachfolger des vielleicht beliebtesten Superheldenfilms aller Zeiten war, also quasi ein Paradebeispiel für einen Film mit frontloaded Box Office. Ich sehe nicht, dass ausgerechnet "The Odyssey", mit hervorragender Kritiker- und Zuschauerbewertung, der aktuell in aller Munde ist, über zig Wochen außer Spiderman keine ernstzunehmende Konkurrenz und in den Hotspots der USA über Wochen ausgebuchte IMAX-Vorstellungen hat, einen ähnlich schwachen Weg vor sich haben sollte. Und selbst wenn: Mit ähnlichen Holds/Drops wie "The Dark Knight Rises" würde der Film am Ende dennoch bei über 1,1 Mrd stehen. Für mich deutet aktuell allerdings alles auf ein Einspielergebnis von mindestens 1,3 Mrd hin.
"You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang."

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2119
Odyssey hat mir besser gefallen als der spröde und knochentrockene Oppenheimer und der wirre und selbstverliebte Tenet, was durch den für mich interessanteren Stoff aber auch kein Wunder ist. Aufgrund meiner wechselhaften Beziehung zu Nolan war aber auch kein neuer Lieblingsfilm zu erwarten. Ich bin mit Optimismus und Vorsicht zugleich rein, und diese Einschätzung wurde weitgehend erfüllt.

Der Einstieg ist mal wieder ziemlich hektisch (mit unnatürlich schnellen Wortwechseln im blitzschnellen Schuss-Gegenschuss-Verfahren) und wenig strukturiert, bis sich der Erzählfluss einpendelt, und im Anschluss dafür sinniger und stimmiger wirkt als noch bei Oppenheimer. Ein grosser Kritikpunkt ist für mich das bedeutungsschwangere Schwadronieren über das Ende der Zivilisation durch das Trojanische Pferd oder so ähnlich, was Nolan im Schlussakt als zentrales erzählerisches und figürliches Motiv etablieren möchte. Das führt an einigen Stellen zu ziemlich viel schwülstigem Pathos, dessen Aussage ich aus der Sage so nie mitgenommen hatte und als wenig überzeugende Neudichtung empfunden habe. Sicher liesse sich noch vieles mehr kritisieren. Ausgerechnet den filigranen und blauäugigen Benny Safdie als Agamemnon zu besetzen und ihn dann aber pechschwarz maskiert wie ein ehrfurchtgebietendes, abstraktes Wesen zu inszenieren, sind schon für sich gesehen zwei merkwürdige Entscheidungen, die zudem überhaupt nicht zueinander passen. Und Nolan gibt dem Film durch die echten Drehorte zwar einiges an Haptik und Gravitas, aber die Stadt Troja und ihre Mauern haben bei Weitem nicht die eindrucksvolle Grösse, wie sie Petersen vor zwanzig Jahren erreicht hatte. Ich musste schmunzeln, als ich "Troja" in der ersten Sekunde als das marokkanische Berberdorf Aït-Ben-Haddou erkannt habe. Pittoresk, ja. Aber uneinnehmbar?

Was die Herangehensweise an den mythologischen Sagenstoff angeht verfolgt Nolan einen vertretbaren und stimmigen Ansatz. Düster, albtraumhaft, real und doch abstrakt. Das entspricht vielleicht nicht meiner Wunschvorstellung einer solchen Adaption, aber erfüllt seinen Sinn und Zweck. Ich finde es nur schon gut, dass Nolan diese Fantasy-Elemente überhaupt mit eingebracht hat. Ein Highlight ist die Polyphem-Szene, die wirklich spannend, gruslig, beeindruckend und leicht verstörend gelungen ist. Schwächer ist der Besuch bei den Laistrygonen, der keine bessere Dramaturgie hat als rein - aufs Maul - Flucht, und bei dem die Riesenwesen aussehen wie aus einem völlig anderen Film.

Was den emotionalen und figürlichen Unterbau angeht halte ich Odyssey für den Nolan-Vorgängern überlegen. Obwohl am Ende die Pathos-Keule zuschlägt und mal wieder mindestens genauso viel über Emotionen geredet wird wie selbige tatsächlich vermittelt werden, ist der Erzählstrang um den Heimkehrer Odysseus bzw. seine finale Rückkehr zur Familie nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Auch das martialische Gemetzel unter den Freiern, in dem sich zwanzig Jahre Wut und Sehnsucht entladen, hat für mich gepasst. Dabei war die Hathaway weder besonders gut noch besonders schlecht, und Holland ist für mich genau wie Zendaya mehr Celebrity als Schauspieler, obwohl er sein Ding hier tatsächlich okay macht. Das darstellerische Zentrum ist eh Damon, den ich mehr für einen charismatischen Zeitgenossen als für einen brillanten Schauspieler halte, der als Odysseus aber eine erstaunlich solide Figur macht und den Film zu stemmen vermag.

Alles in allem eine ordentliche Sache, mit vertretbaren Einschränkungen, die ich mit meiner generellen Nolan-Skepsis aber längst einkalkuliert hatte. 6,5 / 10
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2120
GoldenProjectile hat geschrieben: Gestern 22:41 Ein grosser Kritikpunkt ist für mich das bedeutungsschwangere Schwadronieren über das Ende der Zivilisation durch das Trojanische Pferd oder so ähnlich, was Nolan im Schlussakt als zentrales erzählerisches und figürliches Motiv etablieren möchte. Das führt an einigen Stellen zu ziemlich viel schwülstigem Pathos, dessen Aussage ich aus der Sage so nie mitgenommen hatte und als wenig überzeugende Neudichtung empfunden habe.
Ja, das schwülstige Geschwätz nervte mich auch. Muss aber gleichzeitig bekennen, dass ich das was Nolan da erzählen wollte gar nicht richtig verstanden habe.

Warum ist das Trojanische Pferd so ein essentieller Einschnitt in zivilisatorischen Respekt? Nolan erklärt es sozusagen damit, dass Odysseus mit seiner List das Gesetz des Zeus gebrochen hat, also heruntergebrochen das Ideal der Gastfreundschaft. Und damit hat er eine Art Dammbruch begonnen.

Aber ... begann der trojanische Krieg nicht damit, dass die Trojaner als Gäste in Sparta die Frau des Königs entführt haben? Ist der Raub der Helena durch Paris, also der direkte Auslöser der zehnjährigen Belagerung, nicht bereits selbst ein eklatanter Bruch des obersten Prinzips der Gastfreundschaft? Oder zählt das nicht?

Rein mythologisch gesprochen kommt mir das merkwürdig vor. Zumal ich aber auch grundsätzlich kein Fan dieser sehr "amerikanischen" Haltung des Films bin, in der uns der Kriegsverbrecher (aka Odysseus) leid tun soll, weil er seine Taten ganz dolle bereut, während das Abschlachten seiner Opfer als Spektakel inszeniert wird. Das ist die Haltung vieler Vietnamkriegsfilme ("Platoon" z.B.) und war mir nie sonderlich sympathisch.

In "Oppenheimer" sollte ich schon mein Mitleid für den Konstrukteur der Atombombe aufwenden, während die Opfer aus Japan nicht mal vorkamen. Und bevor die Forentrolle jetzt wieder nerven: Klar darf ein Film das so machen, es darf mir aber auch nicht gefallen.
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2121
dernamenlose hat geschrieben: Gestern 18:35
danielcc hat geschrieben: Gestern 16:28 Wieso das? Bis 900 ist es ein sehr weiter weg.
Weil das bedeuten würde, dass "The Odyssey" einen Startwochenendsmultiplier von lediglich 3,4 haben müsste - etwas was es in Nolans Filmographie noch nie gab. Sein geringster Multiplier war 4,3 bei Insomnia. Seit er mit "The Dark Knight" ein großer Name wurde, hatte nur noch ein Film von ihm einen geringeren Multiplikator als 5. Das war "The Dark Knight Rises", ein Superheldenfilm, der zugleich Abschluss einer Trillogie und Nachfolger des vielleicht beliebtesten Superheldenfilms aller Zeiten war, also quasi ein Paradebeispiel für einen Film mit frontloaded Box Office. Ich sehe nicht, dass ausgerechnet "The Odyssey", mit hervorragender Kritiker- und Zuschauerbewertung, der aktuell in aller Munde ist, über zig Wochen außer Spiderman keine ernstzunehmende Konkurrenz und in den Hotspots der USA über Wochen ausgebuchte IMAX-Vorstellungen hat, einen ähnlich schwachen Weg vor sich haben sollte. Und selbst wenn: Mit ähnlichen Holds/Drops wie "The Dark Knight Rises" würde der Film am Ende dennoch bei über 1,1 Mrd stehen. Für mich deutet aktuell allerdings alles auf ein Einspielergebnis von mindestens 1,3 Mrd hin.

Ok kann sein. Dieser Multiplikator zum Erstwochenende setzt halt voraus, dass alle Filme weltweit gleich angelaufen sind - was wahrscheinlich der Fall ist.

Wie auch immer: insidekino prognostiziert +15% am zweiten Wochenende! Das wird gut!
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2122
Casino Hille hat geschrieben: Heute 01:39 Zumal ich aber auch grundsätzlich kein Fan dieser sehr "amerikanischen" Haltung des Films bin, in der uns der Kriegsverbrecher (aka Odysseus) leid tun soll, weil er seine Taten ganz dolle bereut, während das Abschlachten seiner Opfer als Spektakel inszeniert wird.
Das ist eine etwas merkwürdige Auffassung dessen, was der Film zeigt. Zumindest der zweite Teil deines Satzes. Der Film zeigt das geschehen doch sehr bewusst zweimal, und dabei sehr unterschiedlich. Das erste Mal wird die Eroberung Trojas als triumphaler Moment gezeigt, eben als das was man ihn popkulturell in der Regel kennt. Während Odysseus Monolog gegen Ende sehen wir die Eroberung dagegen als barbarisches Massaker, von Spektakel keine Spur. Dieser Shift in Tonalität hat für mich sehr gut funktioniert.
Und klar, Odysseus soll einem gegen Ende sicherlich leid tun und das muss man nicht mögen, aber ich persönlich sehe nicht, wo das Problem sein sollte, einem Menschen der seine Taten bereut zu vergeben und ihm Mitgefühl entgegenzubringen. Solange das Bereuen ernsthaft und nicht nur vorgetäuscht ist.
Casino Hille hat geschrieben: Heute 01:39 In "Oppenheimer" sollte ich schon mein Mitleid für den Konstrukteur der Atombombe aufwenden, während die Opfer aus Japan nicht mal vorkamen. Und bevor die Forentrolle jetzt wieder nerven: Klar darf ein Film das so machen, es darf mir aber auch nicht gefallen.
Kein Ahnung ob ich zu den Forentrollen gehöre (ich gehe nicht davon aus, aber who knows): Nö, gefallen muss es dir natürlich nicht, aber ich finde diese Sichtweise aus rein technischer Sicht immer ziemlich merkwürdig. Es ist ein Film über Oppenheimer, nicht über die Atombombe. Wäre es letzteres hättest du definitiv recht und es wäre ein Versäumnis. In einem Film über Oppenheimer wäre das direkte zeigen der Opfer aus Japan völlig fehl am Platz. Ich habe mehrfach versucht mir das ganze vorzustellen, aber eine solche Szene wäre ein vollkommener Fremdkörper gewesen. Das einzige was man hätte machen können, wäre gewesen, dass man bei der "Sichtung" der Bilder aus Hiroshima nicht nur die Reaktion von Oppenheimer, sondern auch ein paar der Bilder selbst zeigt. Alles andere würde einen völlig anderen Film bedingen, von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Aber wie gesagt, das Ganze ist nicht Thema des Films. Wenn ich die Opfer der Atombombe zeige würde sich die Frage stellen, warum ich die Auswirkungen von Los Alamos auf die umliegenden Indianerstämme, die dadurch ihre heiligen Stätten verloren haben, nicht zeigen sollte, etc.
Oppenheimer war erst Jahre später in Japan, die Opfer hat er nur über Bilder zu Gesicht bekommen. Es wäre eine absurde Entscheidung gewesen, den Schauplatz zu wechseln und Japan nach den Bombeneinschlägen zu zeigen. Erzählerisch wäre das großer Unsinn.
Und darüber hinaus: Abgesehen von seiner Behandlung in der Anhörung zur Sicherheitsfreigabe weiß ich nicht, ob Nolan will, dass wir mit Oppenheimer Mitleid haben. Ich denke eher nicht.
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2123
danielcc hat geschrieben: Heute 08:56 Ok kann sein. Dieser Multiplikator zum Erstwochenende setzt halt voraus, dass alle Filme weltweit gleich angelaufen sind - was wahrscheinlich der Fall ist.
Das habe ich ehrlicherweise nicht überprüft. Aber ich denke auch, dass das mit Ausnahme von Tenet und seinen ersten Filmen vergleichbar sein dürfte. Aktuell fehlen an großen Märkten noch China, Süd-Korea und Japan, die alle drei auch bei Oppenheimer mit Verspätung gestartet sind und für diesen zusammengenommen 100 Mio eingespielt haben. Gerade aufgrund des weniger sensiblen Themas für Japan und des nur anderthalb und nicht acht Monate verspäteten Kinostarts würde ich für "The Odyssey" von prozentual höheren Zahlen ausgehen.
danielcc hat geschrieben: Heute 08:56 Wie auch immer: insidekino prognostiziert +15% am zweiten Wochenende! Das wird gut!
Das war bei Oppenheimer ähnlich. Auch da war das zweite Wochenende in Deutschland stärker als das erste. Warum auch immer. Aber ich beobachte es auch in den Kinos um mich herum. Die 19 Uhr Vorstellung gestern Abend war ähnlich gut ausgebucht wie die am vergangenen Freitag und Samstag und fürs Wochenende sehen die Vorbestellungen auch nicht schwächer aus als letzte Woche. Vom IMAX-Kino in der Nähe ganz zu schweigen: Bis auf die Sonntagabendvorstellung (20:45 Uhr) ist jede einzelne mit Ausnahme der ersten Reihe und ein paar einzelnen Sitzen am Rand komplett ausgebucht. Egal ob unter der Woche oder am Wochenende. Egal ob nachmittags oder abends. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ich den Film in IMAX sehen werde...
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2124
dernamenlose hat geschrieben: Heute 09:27
Casino Hille hat geschrieben: Heute 01:39 Zumal ich aber auch grundsätzlich kein Fan dieser sehr "amerikanischen" Haltung des Films bin, in der uns der Kriegsverbrecher (aka Odysseus) leid tun soll, weil er seine Taten ganz dolle bereut, während das Abschlachten seiner Opfer als Spektakel inszeniert wird.
Das ist eine etwas merkwürdige Auffassung dessen, was der Film zeigt. Zumindest der zweite Teil deines Satzes. Der Film zeigt das geschehen doch sehr bewusst zweimal, und dabei sehr unterschiedlich. Das erste Mal wird die Eroberung Trojas als triumphaler Moment gezeigt, eben als das was man ihn popkulturell in der Regel kennt. Während Odysseus Monolog gegen Ende sehen wir die Eroberung dagegen als barbarisches Massaker, von Spektakel keine Spur.
"Barbarisches Massaker"? So würde ich das bisschen FSK 12 Action da aber nicht nennen.

Nolan bleibt doch 90 Prozent der Rückblende bei Odysseus und dessen Perspektive, wie er da zwischen seinen Männern umhergeht und um ihn herum flammende Gebäude einstürzen. Die "Barbarei" dieses "Massakers" empfinde ich da als behauptet, sie wird bestenfalls impliziert. Er zeigt keine unangenehme, drastische Gewalt, und seine Kamera interessiert sich gar nicht für die Trojaner, sondern nur für den entsetzten Gesichtsausdruck Matt Damons. Bei dir scheint das emotional verfangen zu haben, mir war es zu wenig. Wenn Nolan mir einen zivilisatorischen Bruch aufzeigen will, dann erwarte ich da auch etwas mehr Grausamkeit. Was ich im Film sehe, ist normales Kriegsspektakel, in dem hauptsächlich gegnerische Soldaten sterben samt ein paar Kollateralschäden. Die Hinrichtung der einen jungen Frau vor dem Tempel ist schon das "Heftigste", was Nolan zeigt. Insgesamt sind einstürzende Gebäude (Spektakel!) aber mehr im Bild als sterbende Zivilisten Trojas (ich hab es nicht mit der Stoppuhr auf die Sekunde gemessen, ich beschreibe ein Gefühl).



Petersen bleibt in seinem Film nicht dem Blickwinkel eines Mannes verpflichtet, sondern zeigt tatsächlich etwas, was ich Barbarei nennen würde (auch wenn es sicherlich noch drastischer hätte sein dürfen, für meinen Geschmack). Frauen werden vergewaltigt, Babys werden ihren Müttern entrissen und weggeworfen, Menschen werden von oben auf die Menschen darunter geworfen und so selbst zur Waffe gemacht ... Auch Petersen kann man das ganze als Spektakel vorwerfen, aber wenigstens hat es eine gewisse Drastik, während Nolan inszenatorisch ein Saubermann bleibt. Seine Empathie gilt - wie der Kamera - zu 90 Prozent dem entsetzten Gesicht Matt Damons, der Gefühlswelt des Odysseus. Nicht den Opfern des Angriffs. Jedenfalls empfinde ich es so.

Und ich finde das schade, weil es der Figur eine Ambiguität und moralische Komplexität nimmt, die Nolans Film gestanden hätte. Odysseus ist quasi im zweiten Rückblick von Sekunde 1 an entsetzt und schockiert von den (größtenteils im Off oder unscharf in Wackelkamera Bildern stattfindenden) Taten seiner Landsleute, er bereut die Nummer mit dem Pferd sozusagen direkt. Damon hat ein sofortiges "Upps, das wollte ich so aber nicht"-Gesicht. Das kann man absolut so machen, aber auch hier wirkt es wieder sehr "sauber" auf mich, dass Odysseus sich selbst an den Kriegsverbrechen natürlich nicht beteiligt. Er soll als Protagonist und "Held" ja funktionieren können.

Achso: Das mit den zwei Sichtweisen ist meiner Ansicht nicht richtig. Die Szene ist bloß zweigeteilt. Die erste Hälfte zeigt alles bis zur Öffnung der Tore, und bis dahin war es für Odysseus ja auch ein triumphaler Moment, da sein Plan aufgegangen ist. Danach war er dann halt völlig überrascht, dass seine Männer in Troja massive Gewalt ausüben werden. Hätte ja auch keiner ahnen können, dass sowas passiert, wenn man Soldaten nach zehn Jahren Wartezeit auf die Zivilbevölkerung loslässt. ;) Vielleicht ist er ein Naivling, wer weiß. Aber der Film zeigt nichts zweimal, sondern zwei Sachen, die aufeinanderfolgten und sich gegenseitig nicht ausschließen.
dernamenlose hat geschrieben: Heute 09:27
Casino Hille hat geschrieben: Heute 01:39 In "Oppenheimer" sollte ich schon mein Mitleid für den Konstrukteur der Atombombe aufwenden, während die Opfer aus Japan nicht mal vorkamen.
Es ist ein Film über Oppenheimer, nicht über die Atombombe. Wäre es letzteres hättest du definitiv recht und es wäre ein Versäumnis. In einem Film über Oppenheimer wäre das direkte zeigen der Opfer aus Japan völlig fehl am Platz. Ich habe mehrfach versucht mir das ganze vorzustellen, aber eine solche Szene wäre ein vollkommener Fremdkörper gewesen. Das einzige was man hätte machen können, wäre gewesen, dass man bei der "Sichtung" der Bilder aus Hiroshima nicht nur die Reaktion von Oppenheimer, sondern auch ein paar der Bilder selbst zeigt. Alles andere würde einen völlig anderen Film bedingen, von der ersten bis zur letzten Sekunde.
Das finde ich nicht, da werden wir nicht zusammenkommen. Ein Film über Oppenheimer ist immer auch einer über die Atombombe, und ausgerechnet Nolans Film handelt sogar noch viel mehr von der Atombombe als theoretisches Konzept und praktische Konsequenz, als es ein Oppenheimer Biopic per se tun müsste.

Ich brauche nicht unbedingt eine simple Szene, in der ein paar japanischen Fischern die Bombe auf Birne purzelt. Das wäre letztlich geschmacklos und für das Narrativ überflüssig. Trotzdem schmeckt es mir nicht, dass in einem dreistündigen Film überbetont wird, wie viele Bauchschmerzen das Abwerfen der Atombombe ihrem Erschaffer gemacht hat, im Verhältnis dazu, dass die wahren Opfer der Bombe und ihres Einsatzes definitiv andere Menschen waren. Wie so ein Film das besser auffangen kann, ist eine delikate Frage. Vermutlich ist mein Problem eher die mitleidgenerierende selbstmitleidende Zeichnung von Oppenheimer als Charakter, die ich für ein solches filmisches Porträt zu einfach und zu undifferenziert befinde. Das wirst du aber sicherlich anders sehen und das stört mich auch gar nicht. Es gibt hier ja keine Wahrheiten, nur unterschiedliche Auffassungen.
dernamenlose hat geschrieben: Heute 09:27 Und darüber hinaus: Abgesehen von seiner Behandlung in der Anhörung zur Sicherheitsfreigabe weiß ich nicht, ob Nolan will, dass wir mit Oppenheimer Mitleid haben. Ich denke eher nicht.
So lese ich den Film jedenfalls. Er schaltet uns den ganzen Film über sogar direkt in Oppenheimers Blickwinkel, er zwingt uns durch dessen Augen zu sehen, mit ihm zu empathisieren. Was man bis zu einem gewissen Grad tun kann (vielleicht: muss). Bloß: es hat bei mir nicht funktioniert.
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2125
Ich denke, es weichen mehr Leute jetzt von IMAX auf normale Leinwände aus. Zum anderen ist die MzM extrem gut, und es wird insgesamt mehr über den Film geredet als vor dem Start. last but not least, ist es auch ein Sujet was eher die Älteren und "Bildungsbürger" anspricht. Die müssen nicht am ersten Wochenende in so einen Film. Ah, und WM ist vorbei und Wetter ist kinotauglicher. Also, alles spricht für den das zweite Wochenende.

sehr guter Kommentar in Bezug auf die Darstellung der Eroberung Trojas aus zwei Sichtweisen. Übrigens, ich habe Odysseus im ganzen Film nicht als fehlerlosen Helden empfunden. ich war schon fast überrascht, wie wenig heldenhaft er dargestellt wird. Von daher ist das für mich alles sehr stimmig.
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Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2126
Morgen Abend läuft auf Bayern 3 die italienische Uralt Verfilmung mit Kirk Douglas im Frei-TV, eventuell auch in der ARD Mediathek. Ein Film den ich als eher schwach in Erinnerung habe, aber Nolans Film hat mein Interesse an dem ganzen Troja und Odysseus Kram wieder geweckt, und vielleicht gebe ich dem noch mal eine Chance. Es dürfte sich um einen noch deutlich naiveren Ansatz handeln.

Wegen diesem Interesse habe ich mich auch sonst etwas kreuz und quer mit dem mythologischen Stoff beschäftigt. Was ich komplett vergessen hatte, obwohl ich die Ilias vor Ewigkeiten mal gelesen hatte, war das die Ilias selber nur einen sehr kleinen Ausschnitt zum Ende des 10jährigen Krieges hin behandelt, und noch vor dem Tod des Achilles endet. Und auch der Raub der Helena und alles andere was der Belagerung vorausging, also der ganze Beginn des Krieges fehlt dort genau so wie des Kriegs Ende. Es gibt also in der Ilias auch kein trojanisches Pferd.
Was jedoch bei all den teils abweichenden Überlieferungen auffällt ist das es ein sehr wüster Stoff ist, mit sehr vielen Grausamkeiten und teils sehr ambivalenten Helden.

Von Odysseus etwa gibt es eine Geschichte wie er sich versuchte dem Krieg zu entziehen in dem er vorgab verrückt zu sein, aber von Palamedes durch eine List gezwungen wurde sich zu offenbaren. Er rächte sich später auf niederträchtige Art in dem er einen gefangenen Trojaner zwang eine gefälschten Brief zu schreiben der Palamedes als Verräter erscheinen lies. Dann tötete er den Gefangenen so daß bei dessen Leiche der Brief gefunden wurde und versteckte zuvor Gold unter Palamedes Zelt. Das Gold diente als Beweis für den Verrat und Palamedes wurde gesteinigt. Soviel zu Odysseus dem Listigen. Außerdem lebte er ein Jahr mit Circe zusammen und hatte mit dieser wie auch später mit Kalypso Kinder, was die große Liebe zu Penelope auch in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Jedenfalls ist dieser ganze Odyssee Stoff viel interessanter als ich ihn In Erinnerung hatte, und da sehe ich jetzt so viele Möglichkeiten das zu erzählen, daß der Nolan Ansatz im Nachhinein noch etwas enttäuschender erscheint. Letztendlich waren Nolans vorherige 4 Filme doch für ein erwachsenes Publikum gemacht, und das hätte ich mir für die Odyssee natürlich auch gewünscht.
Zuletzt geändert von Maibaum am 23. Juli 2026 10:46, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Grasp for resonant symbols – Die Filme des Christopher Nolan

2127
Der Kirk Douglas Film ist natürlich naiv, vor allem tricktechnisch, hat aber auch starke Momente. Die Zyklopenepisode ist dort eigentlich raffinierter inszeniert und erzählt als bei Nolan, beinhaltet sowohl die eigentliche List (das Betrunkenmachen des Giganten) als auch den essentiellen Fluch (Odysseus nennt dem Zyklopen seinen wahren Namen), der die kommenden Irrfahrten erst auslöst. Und auch die finale Abrechnung mit Penelopes Verehrern, wenngleich natürlich mit 50er Jahre Actionchoreo gesegnet, hat etwas mehr Dynamik und Wucht als bei Nolan.

Ich sehe den 54er Film, mit leichtem Bonus für die sehr charmante Umsetzung, bei 6/10, und Nolans Film vielleicht bei knapp 5/10.
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