Re: Zuletzt gesehener Film

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iHaveCNit: Große Freiheit (2021) – Sebastian Meise – Piffl Medien GmbH
Deutscher Kinostart: 18.11.2021
gesehen am 23.11.2021
Arthouse Kinos Frankfurt – Kleine Harmonie – Reihe 3, Sitz 9 – 20:15 Uhr


Wie stehe ich persönlich zu gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität ? Ich stehe dem Thema sehr tolerant und offen gegenüber, auch wenn ich selbst dieser Gruppe nicht zugehöre. Jeder darf sowohl sein wer er sein möchte als auch lieben, wen er lieben möchte. Wer damit glücklich wird und ist, finde ich großartig. Für mich ist das ganz normal. Doch leider sah die rechtliche Anerkennung der Liebe unter Männern bis ins Jahre 1994 noch ganz anders aus – genau wie zum gewissen Teil auch die gesellschaftliche Anerkennung. Rechtlich zumindest wurde unter dem Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern unter Strafe gestellt, bis die Strafbarkeit im Jahre 1969 aus dem Gesetz gestrichen worden ist. Der aktuelle Film von Sebastian Meise „Große Freiheit“ skizziert die Perfidität dieses Paragraphen anhand eines intensiven, stillen und harten Gefängnisdramas.

Hans Hoffmann liebt Männer, doch seine Liebe zu Männern ist gesetzlich verboten und wird unter Strafe gestellt, so dass er nach seiner Internierung im Konzentrationslager 1945 direkt in den Knast wandert und den Rest seiner Strafe absitzen muss. Im Knast trifft er auf den verurteilten und homophoben Viktor. Da Hans jedoch ein Wiederholungstäter ist, findet er sich immer wieder im Knast wieder, so dass im Laufe der Jahrzehnte eine Freundschaft zwischen ihm und Viktor entwickelt – oder ist es vielleicht sogar Liebe ?

Kern dieses intensiven und stillen Dramas sind vor allem seine beiden Hauptdarsteller. Ich sehe immer wieder gerne Filme mit Franz Rogowski an und auch hier brilliert er wieder mit seinem sehr stillen, aber nuancierten Schauspiel, mit dem er trotz Zurückhaltung die Leinwand für sich erobert und in großen Momenten dann auch mal aus seiner Zurückhaltung ausbrechen darf. Ihm gegenüber spielt Georg Friedrich, der direkt durch seine Rolle bedingt eine Präsenz mitbringt und hinter seiner rauen Fassade auch eine Herzlichkeit verbirgt. Diese sich entwickelnde Chemie beider Darsteller ist für den Film im Kern ein Glücksgriff. Gerade die stille, intensive Inszenierung und der Fokus auf das Gefängnis macht das Ganze auch zu einem Kammerspiel, dass sich auch über mehrere Jahrzehnte erstreckt und wir so quasi in Episoden unterschiedliche Zeitpunkte in der Entwicklung dieser Männerfreundschaft mit erleben bis zum Zeitpunkt an dem die Strafbarkeit des Paragraphs wegfällt. Und da stellt er auch eine interessante Frage zumindest für Franz Rogowskis Hans Hoffmann, ob diese Freiheit für ihn die richtige ist.

„Große Freiheit“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9962
iHaveCNit: Resident Evil Welcome To Raccoon City (2021) – Jonathan Roberts - Constantin Film
Deutscher Kinostart: 25.11.2021
gesehen am 25.11.2021 in Dolby Atmos
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kinosaal 9 – Reihe 9 Platz 13 – 20:00 Uhr


Nachdem Paul W.S. Anderson mit Milla Jovovich eine lange, frei interpretierte Filmreihe über die Spielreihe „Resident Evil“ in die Kinos gebracht hat sind nun einige Jahre ins Land gezogen, so dass man scheinbar über einen Neustart nachgedacht hat. Dieser ist nun von Jonathan Roberts inszeniert und kann sowohl Fans der Spielreihe als auch Fans von B-Horror-Actionfilmen gefallen.

Claire Redfield ist gerade auf dem Weg nach Raccoon City um ihren Bruder und Polizisten Chris zu besuchen. Doch in der Nacht bricht im mittlerweile stillgelegten Werk des Pharmakonzerns Umbrella ein Virus aus und Chris muss mit einem Team der Polizei auf ein Anwesen der Firmengründer, um diesem Ausbruch nachzugehen.

Da ich den Film gemeinsam mit eingeweihten Spielern von Resident Evil gesehen habe, wurde nach dem Film angemerkt, dass man sich bei vielen Szenen an Momenten im Spiel orientiert hat. Das kann zum durchaus gut sein. Gut ist daran, dass man allgemein stärker und detailgetreuer an der Vorlage ist und somit ein wenig Fanservice bieten könnte. Für mich als jemand mit sehr dunkler Kenntnis über die Spielreihe funktionierte der Film als klassischer B-Action-Horror, der sowohl handwerklich als auch erzählerisch sehr klischee- und formelhaft rüber gekommen ist. Eine gute Sache für diesen B-Action-Horror ist, dass vieles im Dunkeln stattfindet – hier unterstützt das auf jeden Fall die Atmosphäre und kann durchaus einiges an vielleicht nicht so guten Effekten kaschieren. Insgesamt hat mich der Film einigermaßen unterhalten.

„Resident Evil Welcome To Raccoon City“ - My First Look – 6/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9963
iHaveCNit: Das Schwarze Quadrat (2021) – Peter Meister – Port Au Prince Films
Deutscher Kinostart: 25.11.2021
gesehen am 28.11.2021
Arthouse-Kinos Frankfurt – Große Harmonie – Reihe 4, Platz 9 – 20:45 Uhr


Es wurde mal wieder Zeit für eine richtig gute deutsche Komödie und da kam mir Peter Meisters „Das Schwarze Quadrat“ gerade recht, der mich richtig amüsiert hat. Da er nicht nur toll inszeniert worden ist und ein großartig aufspielendes Ensemble bietet, sondern auch überraschenden Humor, skurrile und absurde Situationen und einen coolen, flotten Handlungsverlauf.

Vincent und Nils sind Kunsträuber. Nachdem sie Kasimir Malewitschs Gemälde „Das Schwarze Quadrat“ in Frankfurt geklaut haben, soll an Bord eines Kreuzfahrtschiffs die Übergabe stattfinden. Doch ein Mittelsmann verpasst die Übergabe wichtiger Boarding-Unterlagen, so dass beide gezwungen sind, vor Ort die Tickets und das Gepäck von 2 Gästen zu klauen, die sich als Imitatoren von Elvis Presley und David Bowie entpuppen. Während der jüngere Nils scheinbar Gefallen an der Elvis-Tarnung findet, missfällt die Bowie-Tarnung dem verkappten Maler Vincent,. Doch sie spielen erst einmal mit, bis ihnen das Gemälde aus der Kabine entwendet wird, da scheinbar mehrere Gäste sowohl von dem Gemälde an Bord wissen als auch daran interessiert sind. So sind beide auf die künstlerische Ader von Vincent angewiesen, ohne zu wissen, dass sie damit noch mehr Verwirrung stiften.

Das Gaunerstück ist unfassbar witzig und unterhaltsam geworden. Die Fokussierung der Handlung auf ein großes Kreuzfahrtschiff macht das ganze sogar fast zu einem Kammerspiel. Das Ensemble ist großartig. Angefangen vom Gaunerduo Vincent und Nils, die von Bernhard Schütz und Jacob Matschenz gespielt werden, von der Kunsthehlerin Martha – von Sandra Hüller gespielt, bishin zur Pianistin Mia - von Pheline Roggan gespielt – und vielen weiteren doch recht skurrilen Charakteren. Der Humor ist in seiner Situationskomik recht nuanciert und pointiert. Der Handlungsverlauf durchaus überraschend und interessant – aber auch sehr rasant und flott durch erzählt, so dass er extrem kurzweilig ist. Auch ganz interessant ist hier, dass sich die Handlung auch um ein reell existierendes Gemälde dreht. Da Kasimir Malewitschs Gemälde „Das Schwarze Quadrat“ schlicht ein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund ist, setzt sich der Film auch durchaus ironisch mit der Kritik an dieser Form der Kunst auseinander und macht sie zu einem Element der Handlung. Insgesamt bin ich wirklich unterhalten worden und mir hat der Film richtig gut gefallen.

„Das Schwarze Quadrat“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9964
HCN007 hat geschrieben: 26. November 2021 00:59 Da ich den Film gemeinsam mit eingeweihten Spielern von Resident Evil gesehen habe, wurde nach dem Film angemerkt, dass man sich bei vielen Szenen an Momenten im Spiel orientiert hat. Das kann zum durchaus gut sein. Gut ist daran, dass man allgemein stärker und detailgetreuer an der Vorlage ist und somit ein wenig Fanservice bieten könnte.
Besteht darin wirklich schon ein Wert für sich? Vorlagentreue macht doch nicht per se einen Film gut oder schlecht.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Zuletzt gesehener Film

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Casino Hille hat geschrieben: 29. November 2021 15:26
HCN007 hat geschrieben: 26. November 2021 00:59 Da ich den Film gemeinsam mit eingeweihten Spielern von Resident Evil gesehen habe, wurde nach dem Film angemerkt, dass man sich bei vielen Szenen an Momenten im Spiel orientiert hat. Das kann zum durchaus gut sein. Gut ist daran, dass man allgemein stärker und detailgetreuer an der Vorlage ist und somit ein wenig Fanservice bieten könnte.
Besteht darin wirklich schon ein Wert für sich? Vorlagentreue macht doch nicht per se einen Film gut oder schlecht.
Für die beiden schon, bei mir sieht es da eher zweigeteilt aus.

iHaveCNit: Hannes (2021) – Hans Steinbichler – Studiocanal
Deutscher Kinostart: 25.11.2021
gesehen am 29.11.2021
Cinestar Metropolis – 19:00 – Kinosaal 4 – Reihe F Platz 5


Als ich irgendwann vor Monaten bereits den Trailer zu „Hannes“ im Kino gesehen habe, hat mich der Film aufgrund seiner Bilder und seiner Geschichte interessiert. Da es sich hier um eine Romanverfilmung des Romans von Rita Falk handelt ist es bei mir so wie in den meisten Fällen, dass ich den Roman nicht gelesen habe und somit unvoreingenommen den Film ansehe. So herzlich die Geschichte und so hochwertig die Bilder sind, der Film hat leider mit einigen Schwächen zu kämpfen.

Hannes und Moritz kennen sich bereits seit der Geburt. Sie sind nahezu zeitgleich am selben Ort auf die Welt gekommen und seitdem unzertrennliche Freunde. Bei einem gemeinsamen Urlaub in Tirol mit den Motorrädern tauschen beide nach einem Defekt die Räder und es kommt zu einem Unfall, der Hannes auf die Intensivstation und ins Koma zwingt. Von Schuldgefühlen geplagt und von der unzertrennlichen Freundschaft geprägt möchte Moritz nun bis Hannes aus dem Koma erwacht die Aufgaben von Hannes übernehmen und dessen Tagebuch weiterschreiben.

Klar ist die Geschichte über eine aufopferungsvolle Freundschaft sehr herzlich und gepaart mit Trauerverarbeitung, Selbstfindung durchaus interessant und auch mit großartig gefilmten Bildern ein hochwertiger Genuss im Kino. Doch leider hat das Ganze ein paar Schwächen auf der Brust. Leider will der Film sehr vieles verdichtet in 90 Minuten erzählen, so dass vieles sehr oberflächlich und auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen eher behauptet bleibt. Des weiteren wird vieles durchaus romantisiert und durchaus fragwürdig dargestellt und bei manchen Elementen der Handlung sind schon einige Augen notwendig, die man zudrücken muss. Bei den schauspielerischen Leistungen ist alles durchgehend routiniert, doch einige Gastauftritte wirken etwas verschenkt. Und die Erzählung und audiovisuelle Inszenierung hat sich alle Mühe gegeben eine emotionale Verbindung zum Zuschauer aufzubauen, doch auch dort hat er bei mir nur bedingt gezündet.

„Hannes“ - My First Look – 6/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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GoldenProjectile hat geschrieben: 30. November 2021 00:49 Emily Blunt und Ewan McGregor? Wie funktioniert das? Gleichen die sich gegenseitig aus?
Müssen die sich ausgleichen? Weil sie an sich nicht zusammenpassen?

Aber ja, ich denke das tun sie, sich ausgleichen, weil sie 2 sehr unterschiedliche Charaktere spielen, die am Ende natürlich auf die üblich erwartet unerwartete Art zusammenfinden. Ähh ja, eigentlich nicht so meine Art von Film, aber es funktioniert recht gut.

Die Romanvorlage dürfte ganz anders sein, eine mehr politische Sartire die ganz oder überwiegend in Form von Briefen, E-Mails, Zeitungsartikeln Memos etc. Davon sind im Film, eine romantische Liebeskomödie, noch Reste enthalten.

Also ok, für Fans von Blunt oder/und McGregor natürlich ein Muss.

Re: Zuletzt gesehener Film

9969
Maibaum hat geschrieben: 30. November 2021 11:54 Müssen die sich ausgleichen? Weil sie an sich nicht zusammenpassen?
Ich meine weil ich McGregor gerne als Lump bezeichne, weil er mir Mary Elizabeth Winstead weggeschnappt hat, obwohl er doch viel zu alt ist für sie. Emily Blunt hingegen möchte ich auch heiraten (wenn Thomasin und Mary nichts dagegen haben).

(Nicht zu ernst nehmen, McGregor ist schon okay).

Trotzdem ein paar Gründe warum McGregor ein Lump ist:
- Hat mir Mary Elizabeth Winstead weggeschnappt
- Der Camerlengo bei Dan Brown sollte doch Italiener sein
- Mary Elizabeth Winstead
- Seine langweilige Gurke American Pastoral. Den hat er selber inszeniert, total öde
- Mary
- "Hello there!"
- Mary...
We'll always have Marburg

Das Trümmerfeld der Liebe

9971
Niemandsland – The Aftermath

„Sie sind im Begriff, einem merkwürdigen Volk in einem merkwürdigen, feindlichen Land zu begegnen“, liest ein kleiner Junge laut im Zug. „Halten Sie sich unbedingt von den Deutschen fern. Jedes Fraternisieren ist unerwünscht.“ Die Britin Rachael Morgan sitzt dem Jungen gegenüber. Der Zug bringt sie im Winter 1945 in das zerbombte Hamburg, der Zweite Weltkrieg endete vor fünf Monaten. Ihr Gatte Lewis, ein hochrangiger Besatzungsoffizier, erwartet sie dort. Er soll die Entnazifizierung der Stadt beaufsichtigen und will mit seiner Frau in einer von den Alliierten beschlagnahmten Villa an der Elbe wohnen. Schon bei ihrer Ankunft ist Rachael verwundert, welche Töne ihr Mann gegenüber dem besiegten Feind anschlägt. „Auf Hamburg sind an einem Wochenende mehr Bomben gefallen als auf London im ganzen Krieg“, erklärt er ihr. Mitgefühl ist in seiner Stimme.

Sich von den Deutschen fernhalten wird schwierig für Rachael, als sie erfährt, dass der Architekt ihres neuen Hauses, der deutsche Stefan Lubert, und seine Tochter Freda von ihrem Mann eingeladen wurden, weiter auf dem Dachboden zu leben. Woher er wisse, bei beiden handle es sich nicht um ehemalige Mitglieder der Partei, fragt seine Frau. Immerhin hat Lubert bislang keinen Persilschein ausgestellt bekommen. „Ich bezweifle, dass man einen Menschen aufgrund eines Fragebogens beurteilen kann“, sagt er. Doch was macht man stattdessen? „Man sieht ihm in die Augen.“

Nun sieht Rachael genauer hin: In den Augen des Architekten, der um seine Frau trauert, die bei einem der Bombenabwürfe ums Leben kam, sieht sie Schmerz, denselben Schmerz, den sie in den Augen ihres eigenen Mannes nicht erkennen kann. Dabei verlor auch das Ehepaar Morgan ihren kleinen Sohn auf dieselbe Weise, als in London eine Bombe ihr Haus zerstörte. Der Schmerz entfremdet das eine Paar und bringt das andere zusammen. Aus der anfänglichen Ablehnung, die Stefan und Freda von Rachael zu spüren bekommen, wird seelische Verbundenheit. Als sie sich einen Ruck geben, der erste Kuss zwischen ihr und dem Deutschen fällt, stehen sie regelrecht in Flammen.

Von einer riskanten Affäre also erzählt „Niemandsland – The Aftermath“, basierend auf der gleichnamigen Buchvorlage des walisischen Autoren Rhidian Brook. Sein Roman landete eines Tages auf dem Schreibtisch von Regie-Gigant Ridley Scott. Der war sofort fasziniert: Scotts eigener Vater war britischer Offizier, der nach dem Krieg ebenfalls in Hamburg stationiert wurde. So lebte Scott als 10-Jähriger selbst in einem ganz ähnlichen Haus. Ursprünglich wollte er daher unbedingt persönlich „The Aftermath“ inszenieren, doch mit beiden Händen in andere Projekte eingebunden, fungierte er schlussendlich nur als Produzent, gab die Regie an den TV-erfahrenen James Kent ab. Klar ist: Hätte Scott inszeniert, wäre dies ein anderer, ein autobiografischerer Film geworden. Aber auch ein besserer?

Auf dieses Urteil mag man kommen, liest man die Kritiken, die 2019 kaum ein gutes Haar an der Romanverfilmung ließen. Nahezu jede Rezension nutzte das böse Schlagwort: „Kitsch“. Der Film sei plump inszeniert, drücke auf die Tränendrüse, ließe Subtilität vermissen. Die Affäre zwischen Stefan und Rachael wurde als „naiv“ empfunden, über die teils pompöse Bildsprache schrieb David Steinitz abfällig in der Süddeutschen Zeitung, der Film sähe aus „wie eine schicke Luxusuhrenwerbung, die aus unerfindlichen Gründen im Jahr 1946 spielt“. Patrick Seyboth von EPD Film fand, Regisseur Kent erzähle „kurzatmig und grob wie eine Vorabend-Soap“.

All das mögen in einem gewissen Rahmen zutreffende Beobachtungen sein, doch übersehen sie die Ambitionen dieser wunderbar sinnlichen Filmperle. Rhidian Brook hatte sich einen Namen als Autor rührender Melodramen gemacht. Er schrieb „The Aftermath“ als eine epische Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund, nach Vorbild des klassischen Hollywood-Kinos der 40er- und 50er-Jahre. James Kent hat das erkannt – so verzichtet seine 109 Minuten lange Adaption gänzlich auf die ironischen Metaebenen und den postmodernen Zynismus, mit dem sich Regisseure seit der Jahrtausendwende dem romantischen Genre meist nähern. In seinem Film wird noch mit großen Gesten geliebt, mit Dackelblick geschmachtet, und ohnehin darf kein einzelner Kuss ohne meterdickes Pathos auskommen.

Kaum zufällig hat er Rachael mit der großartigen Keira Knightley besetzt, die jahrelang durch Literaturverfilmungen wie „Stolz und Vorurteil“, „Anna Karenina“ oder „Abbitte“ zum letzten Gesicht des melodramatischen Kinos geworden ist. Ihr Charme ist klassisch, ihr Schauspiel überlebensgroß. Es ist keine Überraschung, zu sagen, dass „The Aftermath“ ganz und gar ihr gehört, von ihrer Ausstrahlung, ihrem Charisma lebt. Ergreifend, wie sie am Klavier einsam „Claire de Lune“ von Claude Debussy spielt und dabei in Erinnerung an ihren Sohn in Tränen ausbricht. Wiederrum köstlich mit anzusehen, wie sie sich im Prunk ihrer neuen Behausung unwohl fühlt und an einem ungewöhnlichen Sessel stört, ehe Stefan ihr fachmännisch erklärt, dass dieser von Ludwig Mies van der Rohe gestaltet wurde, dem berühmtesten Vertreter des Minimalismus in der Architektur, der die Formel prägte: „Weniger ist mehr.“

Für den Film gilt dieser Grundsatz nur selten, sehr wohl aber für Jason Clarke als Lewis und Alexander Skarsgård als Stefan. Sie überlassen die übersprudelnden Emotionen ganz Keira Knightley und erden den Film durch zurückgenommene Auftritte. Skarsgård legt seinen Bildungsbürger gar als lebende Chiffre an, als geheimnisvollen Kavalier, spielt seine Anziehung zu Knightley glaubhaft – nur wenn er im Originalton deutsch sprechen muss, wirkt der gebürtige Schwede ungemein weniger authentisch. Jason Clarke zeigt dafür sein ganzes Talent in einem schwierigen Part: Als altruistischer Militär will er aufrichtig dem leidgeplagten deutschen Volk helfen, muss aber in Gefahrensituationen und bei Verhören den starken Mann markieren. Die Liebesbeziehungen von Rachael mit beiden Männern haben dank dieser feinen Charakterisierungen die nötige emotionale Tiefe und Größe.

Groß ist vieles an diesem Film, vor allem, wie er das „Niemandsland“ des deutschen Titels illustriert. Die Trümmerhaufen des zerstörten Hamburgs musste die Produktion am Computer erstellen, die Außenaufnahmen fanden in Prag statt. In kalten, dunklen Farbtönen zeigt Kent eine schneebedeckte Welt, in der Hoffnung und Perspektive verloren sind. Mehrfach schwingt seine Kamera über die Gesichter der Hamburger, die vom Krieg gezeichnet, traumatisiert sind. Stefans Tochter Freda freundet sich mit Albert an, einem ehemaligen Hitlerjugendlichen, gespielt von Jannik Schümann. Dieser greift einmal vor ihren Augen auf den verschmutzten Boden, hält ihr seine mit Dreck beschmierte Hand entgegen, sagt: „Das ist der Staub unserer Stadt. Die Asche, die von den Menschen geblieben ist.“ In den Arm hat er sich eine „88“ gebrannt …

Als Gegengewicht zum vernichteten Hamburg fungiert die in warmen Farben gefilmte Villa der Morgans. Gedreht wurde dafür in Schleswig-Holstein im Schloss Tralau. Allzu leicht wäre es, die Arbeit des Kameramanns Franz Lustig als elegant und umwerfend zu beschreiben, weil die Kulisse, die er abfilmt, elegant und umwerfend ausschaut. Es ist aber erst seine wunderbare Bildgestaltung, seine einfallsreiche Kinematographie, die aus „The Aftermath“ ein solches Vergnügen macht – insbesondere im Zusammenspiel mit der dezenten, meist nur subliminal wahrzunehmenden Filmmusik von Martin Phipps.

Welch düstere Historie selbst die schönsten deutschen Gemäuer haben, vergessen weder Film noch Rachael: In jedem requirierten Haus, das sie besucht, bemerkt sie ein weißes Quadrat an der Wand. Es sind die Umrisse eines abgehängten Gemäldes. „Wer hat da gehangen?“, will Rachael wissen. „Der Führer“, antwortet ihr eine Freundin. „Der Schandfleck, der nicht verschwindet.“

Die Metaphern sind groß, das Szenenbild von Sonja Kraus theatralisch, die Dialoge schwülstig, das Schauspiel der Hauptdarstellerin gewaltig. Obwohl die Situation im Haus der Morgans auch die Situation des besetzten Deutschlands widerspiegelt, in dem einstige Feinde plötzlich nebeneinanderher leben müssen, ist James Kent mit seinem fantastischen Erotikdrama von einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit der politischen Situation der frühen Nachkriegszeit weit entfernt. Sein Film entstammt der Tradition des goldenen Zeitalters des Hollywood-Kinos, ist als würdiger Erbe von „Doktor Schiwago“ oder gar „Vom Winde verweht“ zu verstehen.

Mit Ridley Scott als Regisseur wäre dieser Film so wohl nicht entstanden. Gut also, dass er sich für eine Produzententätigkeit entschied. Schade nur, wie Großteile der internationalen Filmkritik auf das fertige Werk reagierten. Wieso sollte „Kitsch“ ein Vorwurf sein, wenn er doch so inspiriert umgesetzt wird? Die altmodischen US-Melodramen sind vielleicht zurecht aus der Kino-Gegenwart verschwunden, vielleicht hat das Publikum aber auch verlernt, sich auf offenherziges Überwältigungskino einzulassen. Mit dieser Gattung Film ist es wie mit dem ersten Kuss: Wer sich einen Ruck gibt, kann danach regelrecht in Flammen stehen. Aber man muss sich dafür fallen lassen können. „Niemandsland – The Aftermath“ ist perfekt für alle, die genau das wollen – oder es erst lernen möchten.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Zuletzt gesehener Film

9972
iHaveCNit: À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen (2021) – Eric Besnard – Neue Visionen Filmverleih
Deutscher Kinostart: 25.11.2021
gesehen am 30.11.2021
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema Lumiere – Reihe 5 Platz 12 – 18:15 Uhr


Es wird aktuell mal wieder etwas historisch und kulinarisch im Kino. Grund dafür ist Eric Besnards Film „À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen“ der es auch vor kurzem erst auf meinen Kinokalender geschafft hat. Genauso wie beispielsweise ein Gericht, von dem ich vor kurzem erst Notiz genommen habe und dann auch kurzerhand bestelle beziehungsweise selbst koche – und dann ein tolles geschmackliches Erlebnis geliefert bekomme.

Im 18 Jahrhundert gehören prunkvolle Buffets zum kulinarischen Zeitvertreib der französischen Elite. Für die Buffets des Herzogs von Chamfort ist der Küchenchef Manceron zuständig. Als der talentierte Koch im Rahmen eines dieser Buffets ein Experiment mit einem Appetitanreger aus Kartoffeln wagt, sind der Herzog und seine Gäste erzürnt und Manceron muss seine Sachen packen. Ohne Anstellung findet er auf einem kleinen Rasthof eine Bleibe, wo Durchreisende mit Brot und Suppe versorgt werden. Als jedoch die beharrliche Louise den eigenwilligen Manceron dazu überredet, ihr die Kochkunst beizubringen, wird der Rasthof zum Gasthof, indem auch das normale Volk willkommen ist. Die Kunde über seinen Gasthof dringt sogar bis zum Herzog vor, der sich selbst für eine Audienz bei Manceron ankündigt.

Mir hat der Film köstlich und deliziös gefallen. Die Liebeserklärung an die Kochkunst ist wirklich sowohl in den Dialogen als auch der Inszenierung spür- und sichtbar. Im heutigen Fachjargon würde man sogar von Foodporn sprechen. Aber für das normale Volk und Bürgertum hat es lange gebraucht, bis das Kulinarische von der funktionalen Nahrungsaufnahme dann auch mal in den Genuss gehobener Küche kommen konnte. In seiner verdichteten und fokussierten Erzählung wirft uns der Film direkt ins Frankreich des 18. Jahrhundert und präsentiert uns dabei die gesellschaftliche Ausgangslage und auch die Umbrüche, die letztendlich dazu geführt haben. Die Zentrierung auf genau den einen Hof und die Fokussierung auf wenige Charaktere macht das Ganze sogar sehr übersichtlich und schafft durch Inszenierung, tolles Schauspiel und schönes Produktionsdesign den Raum, sowohl atmosphärisch dicht zu sein als auch in die Tiefe gehen zu können. Auch die charakterliche und beziehungstechnische Entwicklung zwischen Gregory Gadebois` Manceron und Isabelle Carres Louise fühlt sich sehr glaubwürdig an und beide entwickeln eine tolle Chemie miteinander. Insgesamt ein köstliches Vergnügen.

„À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen“ - My First Look – 9/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9973
iHaveCNit: Gunpowder Milkshake (2021) – Navot Papushado - Studiocanal
Deutscher Kinostart: 02.12.2021
gesehen am 05.12.2021
Kinopolis Main-Taunus-Zentrum – Kinosaal 11 – Reihe 16, Platz 15 – 19:40 Uhr


Für Freunde von Actionfilmen gibt es aktuell einen Film, den ich durchaus empfehlen könnte, wenn man durchaus Kompromisse eingehen möchte. Dieser Film ist Navot Papushados „Gunpowder Milkshake“.

Sam arbeitet genau wie ihre Mutter Scarlet einst als Killerin für „die Firma“. Als es jedoch bei zwei aufeinanderfolgenden Aufträgen zu unerwarteten Problemen kommt, gerät sie und die kleine Emily ins Fadenkreuz der Organisation, so dass sie durch die damit verbundenen Folgen sowohl Unterstützung ihrer Mutter und weiterer Killerinnen in einer Bibliothek in Anspruch nimmt.

„Gunpowder Milkshake“ hat mir was seinen audiovisuellen Look, die Action – auch deren Kreativität und den Grad an Gewalt sehr gut gefallen. Vermutlich spielt hier auch ein Teil der Besetzung eine Rolle, Karen Gillan zum Beispiel. Insgesamt hat der Film unfassbar viel Laune gemacht. Jedoch folgt ein Großteil der Handlung einem für Filme dieser Art klaren und vorhersehbaren Muster und auch die Zeichnung der Charaktere selbst bleibt relativ blass. So bleibt meine Kritik zum Film auch relativ kurz an dieser Stelle, weil ich auch nicht großartig mehr dazu schreiben möchte.

„Gunpowder Milkshake“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9974
iHaveCNit: Mortal Kombat (2021) – Simon McQuoid - Warner
Deutscher Kinostart: 17.06.2021
gesehen am 07.12.2021 im Heimkino


In der Anfangszeit des Jahres stand es ja lange Zeit auf der Kippe, ob und wann die Kinos wieder öffnen. So gab es ein paar Filme, die im Streaming veröffentlicht worden sind, aber dann zum Start der Kinoeröffnungen auch limitierte Kino-Releases erhalten haben. Ein Teil dieser Filme stand auf meiner Liste, doch aufgrund zeitlicher und örtlicher Limitierungen durch mich und die für mich verfügbaren Kinos habe ich mir diese Filme dann für eine Sichtung im Heimkino aufgehoben. Den Anfang in diesem Jahr macht der filmische Neustart von Verfilmungen um das beliebte Beat Em Up „Mortal Kombat“, das bereits in den 90ern Filme spendiert bekommen hat, die aufgrund des Kult- und Trashfaktors ihre eigene „Guilty Pleasure“-Fangemeinde gefunden hat.

Im Japan des 17 Jahrhunderts kommt es zu einem blutigen Attentat der Attentäter von Bi-Han auf dem Hof des Ninjas Hanzo Hazashi, bei dem Hanzos Familie fast vollständig getötet wird. Nur die überlebende Tochter wird vom Donnergott Raiden gerettet. Jahrhunderte später steht die Welt vor einer drohenden Apokalypse, denn die Außenwelt hat mit ihren besten Kämpfern bereits in 9 von 10 notwendigen Turnieren die besten Kämpfer der Erde besiegt. Vor dem 10. dieser Turniere müssen sich unter anderem der junge MMA-Fighter Cole Young an einem geheimen Ort einfinden, damit sie sowohl für das Turnier vorbereitet als auch verborgene Kräfte wecken müssen.

Der filmische Neustart ist irgendwo zwischen Prequel und Reboot verortet. Den Ansatz finde ich persönlich schon interessant. Dabei finde ich dass der Film weniger wie ein Kult- oder Trashfilm wirkt, sondern viel eher wie ein moderner Martial-Arts-Fantasy-B-Actionfilm, bei dem sowohl die Sets als auch die Effekte im Visuellen als auch im Gore-Faktor der nicht ganz so hochwertigen Sorte entsprechen. Auch nimmt sich der Film etwas ernster, was ihm tonal eher nicht so gut tut. An Charakterzeichnung und Entwicklung ist der Film sowohl oberflächlich als auch sehr flott unterwegs. Die gebotene Action mit den Choreographien kann sich aber dann doch sehen lassen – und für Fans des Beat Em Ups gibt es sofern sie auch neben dem Gaming an Filmen dieser Art interessiert sind durch präsentierte Charaktere ein wenig Fanservice.

„Mortal Kombat“ - My First Look – 6/10 Punkte.
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