Welcher ist euer Lieblingsfilm von Michael Cimino?

Die Letzten beißen die Hunde
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (17%)
Die durch die Hölle gehen
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (33%)
Heaven's Gate – Das Tor zum Himmel
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (17%)
Im Jahr des Drachen
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (33%)
Der Sizilianer (Keine Stimmen)
24 Stunden in seiner Gewalt (Keine Stimmen)
The Sunchaser (Keine Stimmen)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 6

"One Shot" - Die Filme des Michael Cimino

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Nach dem Leone-Thread gleich mal noch ein weiterer Thread für einen bedeutenden Regisseur: Michael Cimino. Zum einen aus Anlass meiner jüngsten Sichtungen von Den letzten beissen die Hunde und Der Sizilianer, zum anderen um GP schon mal einen Platz einzurichten für sein hoffentlich bald kommendes Review von The Deer Hunter/Die durch die Hölle gehen. :wink: :D

Michael Cimino, Jahrgang 1939, machte bereits in den 60ern Furore als Regisseur sehr innovativer und erfolgreicher Werbefilme. Zu Beginn der 70er siedelte er nach Hollywood über, zunächst als Drehbuchautor (u.a. Silent Runnings und zusammen mit John Milius Magnum Force), ab 1974 als Regisseur. Sein Debutfilm war das Eastwood-Caper/Roadmovie Thunderbolt & Lightfoot/Den letzten beissen die Hunde, welches sich sowohl bei Kritik als auch beim Publikum zu einem Achtungserfolg entwickelte. Bereits mit seinem zweiten Film The Deer Hunter erklomm Cimino den Hollywood-Olymp und gewann sowohl den Oscar für die beste Regie als auch für den besten Film. Bei seinem Folgeprojekt Heaven´s Gate wurde ihm dann sein Perfektionismus zum Verhängnis, das maßlos über Zeitplan und Budget gedrehte Epos ging an der Kinokasse wie ein Stein unter und wurde von der US-Kritikerelite bereits vor Kinostart mit Schimpf und Schande bedacht. Obwohl ihm 1985 mit dem beachtlichen Neo-Noir-Thriller Im Jahr des Drachen ein Comeback gelang verlief seine Karriere im Anschluss fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Sizilianer, Desperate Hours und Sunchaser liefen schwach an der Kinokasse und konnten auch künstlerisch nicht an Ciminos frühere Filme heranreichen. Im Anschluss gelang es ihm nicht mehr, weitere Projekte zu realisieren, auch wegen seines katastrophalen Rufs in Hollywood.

Obwohl Cimino lediglich sieben Filme gedreht hat, von denen kaum einer von der Kritik genädig behandelt wurde, kann man ihn dennoch zu den bedeutendsten Regisseuren der 70er Jahre zählen. Die Qualität und die Nachhaltigkeit von The Deer Hunter sind so überragend, dass alleine dieser Film schon für einen Ritterschlag ausreichen würde. Bei dem (über-)ambitionierten Heaven´s Gate lassen sich viele der gleichen Qualitäten finden, wenn gleich der Film in Gänze dann doch nicht ganz an seinen grandiosen Vorgänger rankommt. Dennoch ein außergewöhnlicher, herausragender Film, der in den letzten Jahren auch endlich von Kritikerseite die Anerkennung bekam, die ihm bei seiner Veröffentlichung weitgehend versagt blieb. Thunderbolt & Lightfoot und vor allem der kompromisslose Year of the Dragon (mit einem wie um sein Leben spielenden Mickey Rourke) sind ebenfalls bemerkenswert starke Filme mit unverkennbar eigener Handschrift. Und auch wenn Ciminos letzte drei Filme The Sicilian, Desperate Hours und Sunchaser qualitativ unter seinen früheren Werken einzuordnen sind, so bieten auch diese noch diverse interessante Eigenschaften, einen eigenständigen Stil und (weitgehend) überdurchschnittliche Filmkost.

Persönlich mag ich Cimino vor allem aufgrund seiner bildgewaltigen und epischen Handschrift irgendwo in der Schnittmenge zwischen Ford, Lean und Leone. Heaven´s Gate ist für mich fraglos einer der am schönsten fotografierten Filme aller Zeiten. Die gewaltige visuelle und erzählerische Kraft von The Deer Hunter und auch (in etwas geringerem Maße) von Year of the Dragon faszinieren mich jedes mal wieder aufs neue, ebenso die elegante, leichtfüssige (Nomen est omen) Inszenierung von Thunderbolt & Lightfoot. Es ist bedauerlich, dass Ciminos Karriere ähnlich wie die seines Kollegen Coppola irgendwann im Sande bzw. in der Bedeutungslosigkeit verlief und nicht wie beim anderen großen Kollegen der 70er, Scorsese, zu einem Comeback im neuen Jahrtausend führte. Ähnlich wie Coppola stand sich Cimino (vermutlich sogar in noch weit größerem Maße) dabei aber auch oft selbst im Wege und vermutlich ist dies auch Scorseses großer Vorteil, dass er die Regeln der Filmindustrie eher bereit ist mitzuspielen. Dennoch bekam Cimino oftmals Kritik in einem Ausmaße ab, welches nicht wirklich gerechtfertigt war. Gerade der für seine Karriere letztlich wegweisende Heaven´s Gate diente der US-Kritkerelite auch als Gelegenheit zur Abrechnung mit den immer maßloser und egozentrischer agierenden Regisseuren des New Hollywood. Nachdem Coppola mit dem ähnlich maßlosen Apocalypse Now gerade noch so durchgekommen war wurde Cimino quasi zum Sündenbock für eine gesamte Generation von Regisseuren. Die späte Rehabilitierung von Heaven´s Gate zeigt sehr deutlich, wie wenig die ursprüngliche Kritkerschelte am eigentlichen künstlerischen Wert des Filmes interessiert war. Wie auch immer, Ciminos Werk ist in jedem Fall eine nähere Betrachtung wert, gerade für Freunde des anspruchsvollen 70er Jahre Kinos (zu welchem ich auch Heaven´s Gate noch unbedingt zählen würde).



Filmographie Michael Cimino

1974 Thunderbolt & Lightfoot (Den Letzten beissen die Hunde)
1978 The Deer Hunter (Die durch die Hölle gehen)
1980 Heaven´s Gate
1985 Year of the Dragon (Im Jahr des Drachen)
1987 The Sicilian (Der Sizilianer)
1990 The Desperate Hours (24 Stunden in seiner Gewalt)
1996 Sunchaser
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Re: Der Michael Cimino Thread

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Den letzten beissen die Hunde (1974) – Michael Cimino

Nachdem John Milius 1973 sein Regiedebut „Dillinger“ auf den Weg brachte konnte er die Überarbeitung seines Drehbuches zum Dirty Harry-Nachfolger Magnum Force nicht mehr selbst übernehmen und so bekam Michael Cimino den Job. Hauptdarsteller Clint Eastwood zeigte sich von Ciminos Talent und Fähigkeiten derart beeindruckt, dass er ihn ein Jahr später gegen diverse Widerstände als Regisseur für seinen mächsten Film Thunderbolt & Lightfoot aka Den letzten beissen die Hunde durchsetzte, welcher nach einem von Cimino verfassten Script entstand. Der Film erzählt die Freundschaft des alternden Korea-Veteranen und Safeknackers Thunderbolt und des jungen, unangepassten Hallodris Lightfoot, die sich zusammentun um zusammen mit Thunderbolts alter Gang einen Safe zu knacken. Im Laufe der minutiös geplanten Aktion verläuft dann aber einiges ganz anders, als es geplant war und getreu dem deutschen Titel beissen den Letzten hier tatsächlich die Hunde.

Thunderbolt & Lightfoot ragt ein wenig aus Ciminos Oevre heraus (eigentlich nicht wirklich, da sein letzter Film Sunchaser thematisch und stilistisch ähnlich ist), da die launig-sentimentale Mischung aus Road-, Caper- und Buddymovie deutlich konventioneller und weniger episch angelegt ist als viele seiner Folgefilme. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn unter der Oberfläche eines mainstreamtauglichen Eastwood-Vehikels ist der Film vor allem auch eine sehr präzise Studie zweier sehr unterschiedlicher Charaktere und ihrer geradezu rührenden Freundschaft. Es gelingt Cimino dabei dreidimensionale Charaktere aus Fleisch und Blut zu erschaffen und gleichzeitig wirkliche Sympathie beim Zuschauer für seine beiden Hauptfiguren zu erzeugen. Die Freundschaft zwischen Thunderbolt und Lightfoot ist das zentrale Element des Films und die Entwicklung, die Festigung dieser Freundschaft bestimmt den Fortgang der Handlung mindestens so sehr wie die Vorbereitungen und die Durchführung des Safe-Coups. Dennoch ist der Film visuell bereits unverkennbar ein echter Cimino, denn gerade der Roadmovie-Anteil des Film gibt ihm jede Menge Gelegenheit zum visuellen Schwelgen in edel eingefangenen Landschaftspanoramen. Diese prächtigen Longshots verleihen dem an sich eher kleinen Film eine beachtliche „Größe“ und unterstreichen gleichzeitig die Freiheit, nach der vor allem der Lightfoot-Charakter so sehr strebt. Bereits in seinem Erstling beweist Cimino damit ein absolut sicheres Händchen für spektakuläre visuelle Gestaltung.

Die Dramaturgie des Films geht Cimino erstaunlich leichtfüssig und laid back von der Hand wenn man seinen späteren Hang für Langsamkeit und inhaltliche Schwere als bewusste Stilmittel im Hinterkopf hat. Thunderbolt und Lightfoot ist trotz des bereits erwähnten unterschwelligen Anspruchs in erster Linie ein spassiger Abenteuertrip mit farbigen Figuren. Neben den so unterschiedlichen Protagonisten sind dies vor allem Thunderbolts alte Kollegen, einem von George Kennedy wunderbar bärbeissig gespielten Choleriker und seinem von Geoffrey Lewis gewohnt skurril verkörperten unterwürfigen Kompagnon. Herzstück des Films sind natürlich die großartig besetzten beiden Protagonisten. Eastwood gibt eine erstaunlich anrührende Performance als alter harter Hund mit Herz und weicht damit recht deutlich von seinem Mann ohne Namen- und Dirty Harry-Klischee ab. Ihm ebenbürtig trumpft ein junger Jeff Bridges auf, der seinen „Bruder Leichtfuß“ naiv-sympathisch und oftmals brüllend komisch anlegt. So gut die Darstellungen von Eastwood und Bridges für sich sind, so herausragend agieren sie im Zusammenspiel – vor allem auch wenn aus dem Duo durch die bereits erwähnten beiden großartigen Nebendarsteller ein höchst unterhaltsames Quartett wird.

Inhaltlich lässt sich der Film zunächst sehr viel Zeit seine beiden Protagonisten und die Entwicklung ihrer Freundschaft zu zeigen, im Anschluss nimmt dann die Vorbereitung und die Durchführung des Safeknackens den Löwenanteil des Filmes ein. Dies ist immer unterhaltsam und oft auch sehr amüsant anzusehen (etwa wenn der riesige George Kennedy zusammen mit seinem Sidekick Geoffrey Lewis in einem kleinen Eiswägelchen durch die Gegend brettern). Der eigentliche Heist ist dann nach allen Regeln des Genres sehr spannend inszeniert und lebt von seiner minutiösen Schilderung und – ebenfalls Genrekonform – natürlich auch davon, dass eben doch nicht alles wie geplant abläuft. Der letzte Teil des Films gehört dann wieder der Freundschaft der beiden Protagonisten und ihrem letzten Versuch richtig abzustauben. Ohne zuviel verraten zu wollen endet der Film dann mit einer bittersüssen, melancholischen Note, welche dem Film und seinem Kernthema – der Freudschaft der Protagonisten – nochmals zusätzliches Gewicht verleiht. Kurz: der Film bietet eigentlich die komplette Gefühlspalette: leicht-lustig-spannend-tragisch: ein Film wie das Leben.

Bereits mit seinem ersten Film legte Michael Cimino einen richtig starken Film hin, der vor allem durch die gelungen Studie einer Freundschaft zu überzeugen weiss, darüber hinaus aber genauso gut als unterhaltsamer Mainstreamfilm funktioniert. Abgerundet wird der Film durch eine bereits hier sehr spektakuläre visuelle Handschrift, die dem Film erstaunlich viel Größe verleiht. Da übersieht man sehr leicht die Tatsache, dass die Handlung hin und wieder etwas unspektakulär von statten geht. Für Eastwood-Fans wie auch für Freunde etwas anspruchsvollerer Charakterstudien eine klare Empfehlung.
Wertung: 8,5 / 10

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Re: Der Michael Cimino Thread

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Der Sizilianer (1987) – Michael Cimino

Die gleichnamige Romanvorlage zu Der Sizilianer stammt von Mario Puzo und ist nichts anderes als die Fortsetzung zu seinem Welterfolg Der Pate, in welchem er die Wege von Michael Corleone und dem realen italienischen Banditen und Rebellen Salvatore Giuliano während Corleones Exil auf Sizilien miteinander verknüpft. Nach Coppolas Welterfolgen war Hollywood verständlicherweise begierig darauf auch den Sizilianer auf die Leinwand zu bringen. Da jedoch nicht Pate-Rechteinhaber Paramount sich die Verfilmungsrechte gesichert hatte sondern die kleine Produktionsfirma Gladden war eine Rückkehr von Michael Corleone bereits von Beginn an ausgeschlossen, da Paramount verständlicherweise wenig Interesse an einem Konkurrenzprojekt hatte, zumal der dritte Teil der Paten-Saga sich seinerzeit in Vorbereitung befand. Damit musste sich das Sizilianer-Projekt zwangsläufig auf die Geschichte von Giuliano konzentrieren, ein Epos im Stile des Paten sollte es aber nichtsdestotrotz werden. Nachdem man Coppola als Regisseur nicht bekommen konnte sicherte man sich die Dienste eines anderen Regiesuperstars der 70er, die von Michael Cimino, der sich mit dem 1985 entstandenen Neo-Noir-Thriller Year of the Dragon wieder ins Gespräch und Geschäft gebracht hatte und der bereits zuvor mit The Deer Hunter und Heaven´s Gate ein Händchen für großangelegte Epen bewiesen hatte.

Der Film erzählt die Geschichte von Salvatore Giuliano, der im Nachkriegs-Sizilien sich als eine Art italienischer Robin Hood gegen die Obrigkeiten auflehnte, indem er reiche Großgrundbesitzer bestahl und damit die arme Landbevölkerung unterstützte. Zunehmend wurde er zu einem Dorn im Auge von Politik und Großgrundbesitzern, sein Schicksal wurde endgültig besiegelt als er sich mit dem lokalen Mafia-Don überwarf. Um die Hintergründe seines gewaltsamen Todes ranken sich unzählige Mythen und Legenden und Cimino setzt Giulianos letzte Jahre auch entsprechend um und stilisiert ihn zu einer Art aufrecht-naivem Märtyrer der unterdrückten Landbevölkerung. Gleichzeitig fügt er seinem Film aber auch eine ordentliche Portion Ambivalenz bei und zeigt Giuliano nie nur als edlen Helden, sondern durchaus auch als zuweilen sehr grausam und unverantwortlich.

Der Sizilianer ist visuell unverkennbar ein typischer Cimino-Film. Die in fiebrigen, satten Gelb- und Brauntönen festgehaltenen Aufnahmen von Sizilien sind einfach nur prächtig. Es gelingt ihm mit seiner Bildsprache wunderbar die Atmosphäre des Nachkriegs-Sizilien einzufangen. Hier erweist es sich auch als großer Pluspunkt, dass praktisch der gesamte Film an Originalschauplätzen gedreht wurde. Viele Szenen verfügen darüberhinaus über sehr elegante Kamerabewegungen und ebenso elegante und einfallsreiche Regieeinfälle. Hier zeigt sich Ciminos große visuelle Begabung und wenn der Film in einem Punkt voll und ganz zu überzeugen weiss, dann ist es in seiner visuellen Gestaltung. Stilistisch ähnelt der Film durchaus den Sizilien-Szenen aus Coppolas Filmen, allerdings wirkt Ciminos Film farbenintensiver und hat nicht diesen Sepia-Look vom Paten. Dennoch ist die visuelle Gestaltung beider Filme nicht unähnlich. Ebenso typisch für Cimino ist die betonte Langsamkeit vieler Szenen, er nimmt sich viel Zeit Szenerie und Handlung zu zeigen, wodurch der Film einen sehr epischen Touch bekommt.

Leider weniger zu überzeugen weiss Cimino im Sizilianer hingegen als Geschichtenerzähler. Der Weg Guilanos vom einfachen Dieb zur Rebellenikone wird doch sehr fragmentiert gezeichnet. Oftmals stehen viele der Szenen eher für sich, als dass sie wirklich eine kohärrente Handlung bilden würden. Dies erweist sich als Kardinalsproblem des Films, denn dadurch gelingt es Cimino nur sehr selten dem Publikum Thema und Figuren wirklich nahezubringen, da die zahlreichen inhaltlichen Sprünge und Brüche dies recht unsanft verhindern. Hinzu kommt das Problem, dass gleichwohl viele Szenen sehr detailliert und ausführlich sind der generelle Werdegang Giulianos und die Entwicklung seines fatalen Schicksals eher grob und oberflächlich abgehandelt werden. Wobei man hier erwähnen muss, dass viele der einzelnen Szenen durchaus ansprechend und sehenswert sind, einige sind sogar richtig stark (z.B. die Liquidierung des Friseurs). Aber der Film gleicht diesbezüglich eher einer Kollage einzelner Szenen denn einer zusammenhängenden Geschichte.

Ein weiteres großes Problem des Films ist ausgerechnet sein Hauptdarsteller. Cimino bestand auf den kurz zuvor durch seine Rollen in Greystoke und Highlander zu Weltruhm gekommenen Franzosen Christopher Lambert in der Titelrolle, eine sehr unglückliche Wahl wie sich herausstellen sollte. Denn gleichwohl Lambert optisch mit dunklem Teint, öligen Haaren, stahlblauen Augen und blendendem Aussehen die Rolle sehr gut verkörperte, ist seine Darstellung alles andere als überzeugend. Lambert ist ungewöhnlich passiv in der Rolle, oftmals spielt er ganze Szenen mit praktisch derselben versteinerten Mimik. Es gelingt ihm nur sehr selten wirkliches Charisma zu entwickeln, etwas was seine Rolle als „Legende“ aber unabdingbar benötigt hätte. Lamberts schwache Darstellung führt in Kombination mit der starken Fragmentierung und der betonten Langsamkeit (letzteres wäre an sich eher ein positiver Aspekt) dazu, dass der Film einige Längen aufweist. Ein stärkerer, passenderer Hauptdarsteller hätte hier sicher einiges rausreissen können. Auch wenn er nicht unbedingt vom Aussehen dem klassischen Italo-Klischee entpricht wäre Mickey Rourke (man erinnere sich daran, dass er in seiner bemerkenswerten Rolle in The Pope of Greenwich Village auch schon einen Italo-Amerikaner gespielt hatte) hier wohl die Königslösung gewesen und wäre sicher auch im Stande gewesen, den Film auf ein höheres Niveau zu ziehen. Dem Highlander gelang dies aber leider nicht.

Was schade ist, denn der Rest der Besetzung spielt durchaus gut bis sehr gut. Vor allem John Turturro als Giulianos Cousin und Kompagnon gibt eine bärenstarke Vorstellung, neben welcher der trotz dunklen Teints blasse Lambert noch blasser wirkt. Auch Joss Ackland als lokaler Don und Terence Stamp als blasierter Aristokrat wissen darstellersich zu überzeugen. Warum man ausgerechnet Fassbinder-Star Barbara Sukowa in der einzigen amerikanischen Rolle besetzt hat bleibt hingegen rätselhaft, ihr Auftritt ist nichstdestotrotz aber sehenswert – und angesichts der Tatsache, dass sie wahrlich nicht mir ihren Reizen geizt im wortwörtlichen Sinne.

Der Sizilianer ist ein Film, dem man in jedem Moment ansieht wie gut er hätte werden können, wenn man einige Dinge vermieden hätte. Die visuelle Gestaltung, die eingefangene lokale Atmosphäre, ein Großteil der Darstellerleistungen, der Soundtrack: all diese Elemente bewegen sich auf enorm hohen Niveau. Leider sind die fragmentierte Dramaturgie und der blasse, fehlbesetzte Hauptdarsteller eine zu schwere Bürde, als dass man über diese hinwegsehen könnte. Der Sizilianer zeigt in Teilen nochmals Ciminos ganz großes Talent, beeinhaltet eben aber auch einige seiner Schwächen. Denn es gelingt ihm hier ähnlich wie zB auch in Heaven´s Gate nicht wirklich seine Figuren dem Publikum ans Herz zu legen. Man sieht dem Treiben der Charaktere zu, aber wirklich Anteil nimmt man nicht, da die Inszenierung die Figuren zu distanziert abhandelt. Überdurchschnittliche Kost ist Der Sizilianer unterm Strich aber dann dennoch, da die Stärken gegenüber den Schwächen letztlich doch überwiegen.

Wertung: 6,5 / 10

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Re: Der Michael Cimino Thread

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Tolle Reviews, Onkel Anatol! Wenn ich mal endlich drei freie Stunden Zeit habe für den Deer Hunter und noch zwei bis drei weitere für ein Review, dann bekommst du, was du willst! :D

Sollte man sich Heaven's Gate in der dreieinhalbstündigen Fassung antun oder in der gekürzten?
We'll always have Marburg

Re: Der Michael Cimino Thread

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Agent 009 hat geschrieben:Titel sagen mir was, aber gesehen habe ich noch nichts davon :(
Na dann wird es Zeit - zumindest für den Deer Hunter. :D Ich hab den Thread ja auch deshalb eröffnet, um die etwas in Vergessenheit geratenen Filme vorzustellen. Immerhin haben die beiden reviewten Filme doch die perfekte Schnittmenge für deinen Geschmack - Highlander und Clint. :D

GoldenProjectile hat geschrieben:Tolle Reviews, Onkel Anatol! Wenn ich mal endlich drei freie Stunden Zeit habe für den Deer Hunter und noch zwei bis drei weitere für ein Review, dann bekommst du, was du willst! :D
Ich bin gespannt!
GoldenProjectile hat geschrieben:Sollte man sich Heaven's Gate in der dreieinhalbstündigen Fassung antun oder in der gekürzten?
Ich glaube es dürfte dir schon schwierig fallen die Kurzfassung zu bekommen, ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher ob die jemals außerhalb der Kinoausstrahlung veröffentlicht wurde. Aber in jedem Fall unbedingt die Langfassung (=Director´s Cut). Die Criterion VÖ ist hervorragend und sehr empfehlenswert, zur Not tut es aber auch die deutsche DVD (wobei die Farben bei der restaurierten Criterion wirklich komplett anders ausschauen, ich kannte den Film jahrelang nur als etwas dreckigen, sepiastichigen Film - in der Criterion sieht er jetzt aus, als ob man direkt durchs "Himmelstor" blickt, einfach toll).
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Re: Der Michael Cimino Thread

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vodkamartini hat geschrieben:Den Sizilianer finde ich auch nicht so dolle, aber Thunderbolt & Lightfoot ist eine Perle, die man schon einmal gesehen haben sollte. Sehr gutes Review.
Wie siehst du Deer Hunter, Heaven´s Gate und Year of the Dragon?
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Re: Der Michael Cimino Thread

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GoldenProjectile hat geschrieben:Tolle Reviews, Onkel Anatol! Wenn ich mal endlich drei freie Stunden Zeit habe für den Deer Hunter und noch zwei bis drei weitere für ein Review, dann bekommst du, was du willst! :D

Sollte man sich Heaven's Gate in der dreieinhalbstündigen Fassung antun oder in der gekürzten?
Es gibt hierzulande nur eine Fassung, und die läuft 219 min. Es gibt mittlerweile noch einen DC, der sich aber glaube ich nicht groß von der bekannten Fassung unterscheidet. Ist sogar etwas kürzer. Längere Fassungen die Cimino anfangs veröffentlichen wollte sind glaube ich bislang in den Archiven geblieben.

Die stark gekürzte US KF ist hier nie gelaufen, und ich weiß nicht ob die überhaupt je fürs Heimkino veröffentlicht wurde.

Re: Der Michael Cimino Thread

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Maibaum hat geschrieben:Es gibt hierzulande nur eine Fassung, und die läuft 219 min. Es gibt mittlerweile noch einen DC, der sich aber glaube ich nicht groß von der bekannten Fassung unterscheidet. Ist sogar etwas kürzer. Längere Fassungen die Cimino anfangs veröffentlichen wollte sind glaube ich bislang in den Archiven geblieben.
Kurze Ergänzung: der von Maibaum erwähnte DC ist die von Criterion veröffentlichte Version, die in der Tat minimal kürzer läuft als der Erstaufführungscut (=deutsche DVD- und Kinofassung). Es sind zwei Szenen, in denen - warum auch immer - ein paar Sekunden gekürzt wurden. Es handelt sich dabei um die Szene im Zelt des Armeelagers mit Kristofferson, Waterston und Hurt sowie um die direkt anschliessende Szene mit Kristofferson und Huppert. Die Cuts sind tatsächlich nur in Sekundenlänge, der Rest des Films ist identisch mit der Ursprünglichen Kinofassung.

Bei der von Maibaum ebenfalls angesprochenen noch längeren Fassung gibt es durchaus Zweifel, ob es sich dabei auch nur annähernd um einen beabsichtigten FInal Cut handelt. Laut Steven Bach, dem damaligen für die Produktion zuständigen Vizepräsidenten von United Artists, handelt es sich um einen 5 H 20 Minuten langen Cut, den Cimino den UA-Bossen zeigte mit dem Verweis, dass der Film noch "etwas" lang sei und er noch ca. 20 Minuten kürzen müsse. Die wie vom Donner gerührten UA-Bosse wiesen daraufhin Cimino an, den Film weiter zu bearbeiten, um auf eine vermarktbare Länge zu kommen. Angeblich soll in diesem "Ur-Cut" allein die finale Schlacht anderthalb Stunden lang gewesen sein. Diese Aussagen entstammen Bachs Buch "Final Cut", welches er nicht zuletzt dazu dazu nutzt, um seine unzweifelhaft große Verantwortung am finanziellen Disaster Heaven´s Gate herunterzuspielen und Cimino die Hauptschuld zuzuschieben. Von daher sind diese Aussagen mit Vorsicht zu geniessen. Zwischen den Zeilen dieser Passage kann man aber auch klar entnehmen, wie vehement sich Cimino gegen dieses anberaumte Screening gewehrt hat, welchem er nur nach massivem Druck nachkam. Von daher liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser Version nur um eine Arbeitsfassung handelte, die von Cimino nie auch nur annähernd in dieser Länge als Final Cut beabsichtigt war. Ob dieser Cut bzw. diese Material noch existiert ist fraglich, Cimino äusserte sich mittlerweile jedenfalls mehrfach so, dass der aktuelle DC seine Wunschfassung sei. Da man allerdings auch bei Ciminos recht wankelmütigen Aussagen immer vorsichtig sein muss, gibt auch diese Aussage keinen wirklichen Anhaltspunkt über die Bedeutung des 5h20 Minuten Cuts. :wink:
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Re: Der Michael Cimino Thread

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AnatolGogol hat geschrieben:
Maibaum hat geschrieben:Es gibt hierzulande nur eine Fassung, und die läuft 219 min. Es gibt mittlerweile noch einen DC, der sich aber glaube ich nicht groß von der bekannten Fassung unterscheidet. Ist sogar etwas kürzer. Längere Fassungen die Cimino anfangs veröffentlichen wollte sind glaube ich bislang in den Archiven geblieben.
Kurze Ergänzung: der von Maibaum erwähnte DC ist die von Criterion veröffentlichte Version, die in der Tat minimal kürzer läuft als der Erstaufführungscut (=deutsche DVD- und Kinofassung). Es sind zwei Szenen, in denen - warum auch immer - ein paar Sekunden gekürzt wurden. Es handelt sich dabei um die Szene im Zelt des Armeelagers mit Kristofferson, Waterston und Hurt sowie um die direkt anschliessende Szene mit Kristofferson und Huppert. Die Cuts sind tatsächlich nur in Sekundenlänge, der Rest des Films ist identisch mit der Ursprünglichen Kinofassung.
Der Unterschied sollte aber 2 - 3 min betragen, da die Criterion Blu ca 216 min läuft.

Re: Der Michael Cimino Thread

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Maibaum hat geschrieben:Der Unterschied sollte aber 2 - 3 min betragen, da die Criterion Blu ca 216 min läuft.
Ist aber definitiv nicht der Fall, ich habe beide Fassungen frame für frame vergleichen. Lauflängen habe ich momentan nicht parat, kann aber heute abend mal schauen.
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Re: Der Michael Cimino Thread

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Maibaum hat geschrieben:Der Unterschied sollte aber 2 - 3 min betragen, da die Criterion Blu ca 216 min läuft.
So, da heute wieder so heiß ist früher Feierabend gemacht und gleich mal in die Criterion BD und die deutsche DVD reingeschaut.

DVD: Nettospielzeit Film (ohne MGM/UA-Logo, da zwischen DVD und BD abweichende Versionen/Länge): 03:29:40
Die DVD beinhaltet 1:40 Min Musikuntermalung zu Schwarzbild an der Intermissionstelle
Ohne die Intermissionmusik haben wir also eine Nettospielzeit von 03:28:00, umgerechnet auf 23,976 fps sind dies 03:36:53

Criterion BD: Nettospielzeit Film: 03:36:30 - die BD hat keine Intermissionmusik

Somit ergibt sich eine Differenz von 23 Sekunden.
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