Welches ist der beste Leone-Film?

1960: Der Koloß von Rhodos (Il colosso di Rodi) (Keine Stimmen)
1964: Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
1965: Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollaro in piu) (Keine Stimmen)
1966: Zwei glorreiche Halunken (Il buono, il brutto, il cattivo)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 7 (39%)
1968: Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 5 (28%)
1971: Todesmelodie (Giù la testa) (Keine Stimmen)
1973: Mein Name ist Nobody (Il mio nome è Nessuno)*
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
1984: Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (22%)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 18

Der Sergio Leone Thread

#1
Aus Anlass der jüngsten Sichtung von Leones Todesmelodie erlaube ich mir mal die Freiheit und eröffne einen Thread für einen der einflussreichsten und besten Regisseure aller Zeiten: Sergio Leone.

Todesmelodie (1971) – Sergio Leone

Todesmelodie oder Giu la testa wie er im Original heisst (der deutsche Titel ist eine Anspielung an Leones legendären Vorgänger) ist von den sechs Leone-Filmen seiner großen Zeit ab 1964 fraglos der am wenigsten bekannte und wohl auch der verkannteste. Denn tatsächlich handelt es sich bei dem 1971 entstandenen Film um den zusammen mit Es war einmal in Amerika wohl „reifsten“ Film des Ausnahmeregisseurs. Todesmelodie spielt während der mexikanischen Revolution und zeigt die Revolutionswirren aus der Perspektive von zwei höchst unterschiedlichen Protagonisten, einem von Rod Steiger verkörperten kleinen mexikanischen Banditen und einem von Jimmy Coburn gewohnt knurrig gespielten irischen Sprengstoffexperten. Nicht wirklich freiwillig werden sie in die Revolution hineingezogen und letztlich sogar unbeabsichtigt zu Revolutionshelden.

Nachdem Leone bereits in Zwei glorreiche Halunken sehr effektiv die Schrecken des Krieges und die Auswirkungen auf die Beteiligten als zusätzliche Ebene in seinen Film eingewoben hatte ging er bei Todesmelodie noch einen ganzen Schritt weiter und schuf seinen wohl düstersten und fatalistischsten Film. Das außergewöhnliche dabei ist, dass der Film stilistisch eine analoge Entwicklung nimmt zur Veränderung der Charaktere der Protagonisten. Das erste Drittel ist noch durchzogen von derbem Humor und hier liefert Leone eine Art Quasi-Fortsetzung seiner Zwei glorreichen Halunken. Rod Steigers Bandit Juan Miranda ist dabei ganz unverkennbar eine Fortführung von Wallachs Tuco und entsprechend laut polternd ist hier auch Steigers formidable Darstellung. Der Ton des Films ändert sich im Verlauf aber sehr deutlich und wird zunehmend ernster. Leone zeigt die mexikanische Revolution eben nicht als Abenteuerspielplatz oder als romantisch verklärte Geschichtslüge sondern macht sehr deutlich, dass Revolution gleichbedeutend mit Krieg ist und allen Beteiligten unterm Strich in erster Linie Verluste einbringt. So ergeht es auch den beiden Protagonisten von Todesmelodie, Juan und John, und selbst der zu Beginn so laut polternde Steigercharakter hat spätestens im letzten Drittel des Films dann zusehends weniger zu lachen.

Dieser ernste Tonfall ist bemerkenswert angesichts der oft fast schon heiteren, aber zumindest immer mit einem Augenzwinkern inszenierten Dollarfilme. Selbst der bereits deutlich getragenere Spiel mir das Lied vom Tod war nicht annähernd so düster, wie Todesmelodie in seiner zweiten Hälfte. Aber gerade das macht auch die Stärke des Films aus, der dadurch sein Anliegen enorm eindrucksvoll an den Zuschauer vermittelt. Hinzu kommt, dass Leone hier sein bewusst eingesetztes Stilmittel der Langsamkeit auf die Spitze treibt (stimmt nicht ganz, denn in Es war einmal in Amerika steigert er sich diesbezüglich noch einmal) und die einzelnen Szenen regelrecht zelebriert. Lange Kamerafahrten, extrem aufwändig inszenierte Szenenaufbauten, elegante Flashbackszenen in Zeitlupe, atemberaubende Zoom- und Beleuchtungseffekte: in Todesmelodie zeigt sich Leone visuell auf dem Zenith seines Könnens und schöpft mit Gusto aus dem Vollen seines reichhaltigen künstlerischen Könnens. Trotz der bewussten Langsamkeit wird der über zweieinhalb Stunden lange Film nie auch nur einen Moment langweilig.

Die beiden Hauptdarsteller erweisen sich dabei als Trumpfkarte und harmonieren prächtig miteinander. Steiger spielt seinen Juan mit der gleichen liebenswerten Großmäuligkeit wie Wallach seinen Tuco, verleiht dem Film mit zunehmender Dauer aber auch immer mehr Tiefe und Gebrochenheit. Coburn überzeugt als der andere Leonesche Archetyp, dem eher wortkargen Unbekannten mit mysteriöser Vergangenheit. Zusammen bilden sie das für mich beste Leone-Duo, gerade auch schauspielerisch (und das trotz De Niro/Woods!). Leones musikalischer Partner Ennio Morricone leistet bei Todesmelodie ebenfalls herausragendes und übertrifft sich zwar nicht selbst, liefert aber einen Soundtrack ab auf dem selben absoluten Topniveau wie Zwei glorreiche Halunken und Spiel mir das Lief vom Tod. Dabei ist er so vielfältig und abwechslungsreich wie noch nie und unterstützt Leones Inszenierung wie immer kongenial. Höhepunkt diesbezüglich sind vermutlich die Flashbackszenen, die gerade auch durch Morricones Musik hier so gut funktionieren wie in keinem anderen Leonefilm.

Todesmelodie wird völlig zu Unrecht immer etwas übersehen im großartigen Oevre von Sergio Leone. Der Film ist wenn man so will das stilistische Bindeglied zwischen Zwei glorreiche Halunken und Es war einmal in Amerika, wobei er in Sachen Fatalismus und auch Düsterheit letzteren sogar noch übertrifft. Inhaltlich halte ich den Film sogar für den reichhaltigsten aller Leone-Filme, vor allem auch da viele Entwicklungen und Elemente sehr subtil eingearbeitet sind. Es gibt zwei Momente, in denen der Film etwas unrund wirkt. Dies sind die Szenen, in denen warum auch immer gefilmte Szenen nicht im Film integriert wurden, wodurch es zu kleineren Anschlussproblemen kommt. Mit den entfernten Szenen wäre der Film noch runder und vermutlich dann eben sogar perfekt gewesen. Aber so oder so ist dies Klagen auf sehr hohem Niveau, denn auch so wie er ist ist Todesmelodie ein Highlight in Leones Karriere.
Wertung: 9,5 / 10

Zuletzt geändert von AnatolGogol am 12. August 2015 09:02, insgesamt 1-mal geändert.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Sergio Leone Thread

#2
Regie:

1954: Hanno rubato un tram*
1955: Die schöne Helena (Helen of Troy)*
1959: Die letzten Tage von Pompeji (Gli ultimi giorni di Pompei)*
1960: Der Koloß von Rhodos (Il colosso di Rodi)
1964: Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari)
1965: Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollaro in piu)
1966: Zwei glorreiche Halunken (Il buono, il brutto, il cattivo)
1968: Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West)
1971: Todesmelodie (Giù la testa)
1973: Mein Name ist Nobody (Il mio nome è Nessuno)* (ungenannt)
1975: Nobody ist der Größte (Un genio, due compari, un pollo)* (ungenannt)
1984: Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America)

* Produktionen unter fremder Regie, Teilsequenzen unter Regie Leones

Drehbuch

1961: Romulus und Remus (Romolo e Remo)

Mal ergänzt :D

Die ersten 2 Dollar-Filme und Spiel mir das Lied ... finde ich ziemlich großartig. Wobei Dollar 1 der stärkste der drei ist. Good/Bad/Ugly steht bald an. :)

Re: Der Sergio Leone Thread

#3
Zweifellos einer meiner absoluten Lieblingsregisseure, der es immer wieder geschafft hat, bildgewaltige, spannende und unterhaltsame Filme zu erzählen.

A Fistful of Dollars - 8,5 / 10
For a Few Dollars more - 9 / 10
The Good, the Bad and the Ugly - 10 / 10 (oder auch 11 / 10)
C'era una Volta il West a.k.a. Spiel mir das Lied vom Tod - 10 / 10 (oder auch 12 / 10)
Todesmelodie - - / 10
Once Upon a Time in America - 8 / 10
We'll always have Marburg

Re: Der Sergio Leone Thread

#4
Hau ich auch mal die Noten raus:

Für eine Handvoll Dollar (1964) 8,5 / 10
Für ein paar Dollar mehr (1965) 9 / 10
Zwei glorreiche Halunken (1966) 10 / 10
Spiel mir das Lied vom Tod (1968) 8,5 / 10
Todesmelodie (1971) 9,5 / 10
Es war einmal in Amerika (1984) 8 / 10
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Sergio Leone Thread

#5
1959: Die letzten Tage von Pompeji (Gli ultimi giorni di Pompei) 4/10
1960: Der Koloß von Rhodos (Il colosso di Rodi) 5/10
1964: Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari) 8,5/10
1965: Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollaro in piu) 8,5/10
1966: Der Gute, der Böse, der Hässliche (Zwei glorreiche Halunken) (Il buono, il brutto, il cattivo) 11/10
1968: Es war einmal der Westen (Spiel mir das Lied vom Tod) (C’era una volta il West) 12/10
1971: Nimm den Kopf runter (Todesmelodie) (Giù la testa) 8/10
1973: Mein Name ist Nobody (Il mio nome è Nessuno) 9/10
1984: Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America) 8,5/10

Re: Der Sergio Leone Thread

#6
Maibaum hat geschrieben:1966: Der Gute, der Böse, der Hässliche (Zwei glorreiche Halunken) (Il buono, il brutto, il cattivo) 11/10
1968: Es war einmal der Westen (Spiel mir das Lied vom Tod) (C’era una volta il West) 12/10
1971: Nimm den Kopf runter (Todesmelodie) (Giù la testa) 8/10
Gut, dass du nicht für die deutschen Titel zuständig warst, klingt ja gruselig. :lol:
Für mich ist Nobody kein Leone-Film - auch weil ich ihn blöde und albern finde. Hat mir ehrlich gesagt auch nicht viel besser als der berüchtigte Zwiebel-Jack gefallen, ist die gleiche Art gruseliger Holzhammer-Humor. Interessant, dass Todesmelodie für dich der schwächste Leone-Film ist (die Frühwerke zählen für mich auch nicht). Leone ist für mich ein 6-Filme-Regisseur.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Sergio Leone Thread

#7
Todesmelodie habe ich nicht vollständig gesehen, deshalb ohne Bewertung. Seltsam ...
Mich wundert, dass "Es war einmal in Amerika" nicht besser bei Euch wegkommt. Schließlich enthält der Film den besten Dialog der Filmgeschichte. Fat zu Noodels, als dieser nach 35 Jahren zurückkehrt:

"Was hast Du in all den Jahren gemacht?"
"Ich bin früh schlafen gegangen."

Für eine Handvoll Dollar (1964) 8 / 10
Für ein paar Dollar mehr (1965) 8 / 10
Zwei glorreiche Halunken (1966) 10 / 10
Spiel mir das Lied vom Tod (1968) 10 / 10
Todesmelodie (1971) - / 10
Es war einmal in Amerika (1984) 10 / 10
#Marburg2021

Though this be madness, yet there is method in’t
William Shakespeare, Hamlet

Re: Der Sergio Leone Thread

#8
DonRedhorse hat geschrieben:Mich wundert, dass "Es war einmal in Amerika" nicht besser bei Euch wegkommt.
Ich halte ihn für überfrachtet und erzählerisch etwas zu sehr mäandernd. Klar, dagegen stehen viele superbe Szenen und eine hervorragend spielende Besetzung. Aber der Film ist für mich qualitativ einfach nicht ganz auf dem Niveau wie die anderen großen fünf, vor allem verglichen mit den Halunken und der Todesmelodie. Stärken und Schwächen erinnern mich ein bisschen an Heaven´s Gate, wobei ich diesen aufgrund der umwerfenden Optik dann doch nochmal ein ordentliches Stück höher einschätze.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Sergio Leone Thread

#9
Ja, EWIA ist überlang, und zu viele der Charaktere gewinnen nicht wirklich an Tiefe. Für mich wirkt er angestrengter, weniger selbstverständlich als die Western. Der Film hat schon viele grandiose Ideen, aber ich habe nur wenig Lust ihn öfter zu schauen. Allerdings habe ich ihn trotzdem schon oft gesehen.

Re: Der Sergio Leone Thread

#10
AnatolGogol hat geschrieben:
Maibaum hat geschrieben:1966: Der Gute, der Böse, der Hässliche (Zwei glorreiche Halunken) (Il buono, il brutto, il cattivo) 11/10
1968: Es war einmal der Westen (Spiel mir das Lied vom Tod) (C’era una volta il West) 12/10
1971: Nimm den Kopf runter (Todesmelodie) (Giù la testa) 8/10
Gut, dass du nicht für die deutschen Titel zuständig warst, klingt ja gruselig. :lol:
Nö, die ersten beiden sind korrekt übersetzt, und entsprechen perfekt den Filmen (und wurden auch in den meisten Ländern fast korrekt übersetzt). Die deutschen Titel sind gruselig. Wobei Spiel mir das Lied vom Tod an sich geht, wenn er nicht so meilenweit von Leones Intentionen entfernt wäre.

Für Giu la testa hätte man sich allerdings etwas einfallen lassen müssen. Leone hat ja den ebenfalls abweichenden englischen Titel Duck you Sucker selber verbrochen.
Für mich ist Nobody kein Leone-Film - auch weil ich ihn blöde und albern finde. Hat mir ehrlich gesagt auch nicht viel besser als der berüchtigte Zwiebel-Jack gefallen, ist die gleiche Art gruseliger Holzhammer-Humor.
Bitte?
Da liegen doch Welten zwischen. Schon deswegen weil MNIN zur Hälfte ein ernster und sehr melancholischer Spätwestern ist, der auch sehr intelligent mit seinen vielfältigen Motiven spielt. Da sollte man einfach mal ca 3 min an überflüssigen Slapstick herauskürzen, und schon hat man eine sehr gelungene Mischung aus Parodie und Ernsthaftigkeit.

Und dann hat Leone den Film so sehr kontrolliert daß er eindeutig ein Leone Film ist ,auch wenn sein direkter Regieanteil nach wie vor strittig ist.

Und dann ist er fast durchweg dermaßen exzellent inszeniert, daß das Anschauen für mich jedesmal der reinste Genuß ist. Von daher sind 9/10 auf dem Entertainometer, trotz einiger offensichtlicher Schwächen, locker vertretbar. Denn über diese paar Szenen sehe ich dann locker hinweg.
Außerdem gehört MnIN natürlich klar in die liste der größten deutschen Synchronverbrechen. Der namentlich bekannte Oberschurke hat ja nicht einmal seine Spuren verwischt, sondern lässt sich in den deutschen Credits sogar als Co-Drehbuchautor feiern.
Interessant, dass Todesmelodie für dich der schwächste Leone-Film ist (die Frühwerke zählen für mich auch nicht). Leone ist für mich ein 6-Filme-Regisseur.
Warum zählen die frühen nicht? Nur weil sie konventionell sind? Es sind Leone Filme, er hat sie inszeniert, und zumindest der Koloß ist auch voll offiziell ein Leone Film.

Und bei Giu la testa funktionieren die Höhepunkte nicht, und die erste Hälfte ist zu lang. Für mich ist es ein Film dem man anmerkt daß Leone nicht wirklich hinter ihm stand. Aber ich sehe auch wie sehr Leone seinen Stil weiterentwickelt hat seit seinem ersten Western, aber es fehlt mir jenes tiefere Etwas daß seine beiden vorherigen Filme so überragend macht, und was ich dann wieder in MNIN finde. Denn die besten Szenen in MNIN sind besser als alles in Giu la testa.
Zuletzt geändert von Maibaum am 9. August 2015 11:57, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Der Sergio Leone Thread

#11
AnatolGogol hat geschrieben: Gut, dass du nicht für die deutschen Titel zuständig warst, klingt ja gruselig. :lol:
Nichts klingt gruseliger als Zwei Glorreiche Halunken. :roll:
DonRedhorse hat geschrieben:Mich wundert, dass "Es war einmal in Amerika" nicht besser bei Euch wegkommt.
Once Upon a Time in America ist für mich in den ersten zwei bis drei Stunden ein Meisterwerk. Erinnert mich nicht nur stilistisch und thematisch an The Godfather 2, sondern ist auch mindestens genauso überwältigend. Leider lässt der Film für mich im letzten Drittel etwas nach, die Liebesgeschichte zieht sich vor allem in der Restaurantszene wie Kaugummi und das Ende mit dem Staatssekretär war mir etwas zu konfus und konstruiert. 8 Punkte für die überragenden ersten zwei Drittel.
We'll always have Marburg

Re: Der Sergio Leone Thread

#12
Der Anfang von EweiA ist definitiv sehr stark, aber schon die Kindheitsszenen funktionieren für mich nicht mehr so sehr. Da werden zwar viel erzählerische und inhaltliche Motive entwickelt, aber auf der emotionalen Ebene spricht mich das nicht an, die Charaktere werden für mich nicht wirklich lebendig.
Zuletzt geändert von Maibaum am 9. August 2015 12:18, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Der Sergio Leone Thread

#13
Ich kopiere mal mein Review zur Erstsichtung von OuaTiA hier rein.

Once Upon a Time in America (1984, Sergio Leone)

Bemerkenswert, dass mir die Kombination aus einem meiner Lieblingsregisseure und meinem absoluten Lieblingsdarsteller bisher immer entgangen ist. Und umso schöner, dass ich diesen Film gestern für mich zum ersten mal entdeckt und erlebt habe. Ein weiterer Hauptgrund für meine Vorfreude war zudem die von mir erwartete Ähnlichkeit zum Jahrtausend-Meisterwerk The Godfather 2. Und da hatte ich zum Glück nicht Unrecht, gerade in der ersten Hälfte ist Leones letzter Film in Sachen Stil, Thematik und Inszenierung oftmals herrlich nahe bei meiner geliebten Coppola-Perle. Aber der Reihe nach: Leone erzählt hier ausgedehnt auf eine stolze Laufzeit von vier Stunden eine Geschichte um Kriminalität, Freundschaft, Liebe, Lügen und Verrat, die Handlung erstreckt sich dabei über Jahrzehnte und wechselt in ihrem komplexen Erzählsystem zwischen drei Zeitebenen. Oder zum Vergleich: man könnte Once Upon a Time in America tatsächlich als eine Art (vorweggenommene) Kombination aus The Godfather 2 und Goodfellas bezeichnen, veredelt mit der typischen Leone-Stilistik in einem neuen Gewand. Dem Film gelingt es aber nicht ganz, die Klasse all dieser genannten Meisterwerke zu erreichen.

Aussergewöhnlich und besonders stark ist vor allem eben dieses Zusammenspiel aus Leones kraftvoller Langsamkeit beim Szenenaufbau, den an Coppola erinnernden Farben und Settings mit einem Schuss Scorsese-Thematik in der ersten Hälfte. Eingerahmt von den späteren Zeitebenen werden zunächst die Kindheit und der langsame Aufstieg der Protagonisten in den 1920er-Jahren aufgerollt. Visuell ist dieser Teil des Films atemberaubend, mit den aufwändigen Szenenbildern und einem Hauch von körnigem Sepia ist jede Einstellung ein Genuss, ausserdem sind die Szenen gespickt mit subtilem Humor, Spannung, brillanten Dialogen und einer raffinierten Erzählweise. Der beste Filmkomponist aller Zeiten, Ennio Morricone, hat wieder einmal einen einzigartigen Score geschmiedet, und wenn die Musik auf wundersame Weise mit den Bildern und deren Inhalt Hand in Hand geht, kann das schon mal durch Mark und Bein fahren, in einer Schönheit, wie es sie nur beim Film gibt. Aufregend ist des Weiteren diese Vertrautheit der Geschichte, die erneut Erinnerungen an die Godfather-Trilogie weckt. Dieselben Charaktere, Orte, gewisse Anspielungen und Gegenstände immer wieder über den Zeitraum von einem halben Jahrhundert zu zeigen lässt einen förmlich in diese Welt eintauchen und Teil des gezeigten werden. In Verbindung mit der Musik und der Inszenierung ist dieses Element grossartig. Einen grossen Teil tragen auch die Darsteller zum Vergnügen bei. Es mag sich bei weitem nicht um De Niros beste Leistung handeln, aber beim alten Bob ist das Jammern auf einem sehr hohen Niveau. De Niro steht ein ausgezeichneter James Woods gegenüber, der den Film fast genauso sehr trägt, allerdings werden beide beinahe noch von Scott Tiler und Rusty Jacobs in den Schatten gestellt, welche die Rollen von De Niro und Woods als Jugendliche spielen und ihren älteren Vorbildern mehr als gerecht werden. Ein Mafiafilm ohne Joe Pesci ist natürlich kein Mafiafilm und so habe ich mich als Freund des Genres sehr über seinen Auftritt gefreut - schade, dass es bei einem grösseren Cameo geblieben ist.

All diese Lobhudeleien, unter die ich ohne zu zögern eine 10 setzen würde, beziehen sich aber leider Gottes vor allem auf die ersten zwei Stunden, in denen die gesamte Zeitebene 1920 und erste Teile der Ebene 1933 erzählt werden (immer wieder umrahmt von der sehr schönen 1968er-Ebene). Die zweite Hälfte, die zwischen den Jahren 1933 und 1968 hin- und herpendelt ist zwar auch noch sehr gut, aber nicht überwältigend wie die erste. Insgesamt ist mir die Geschichte im zweiten Teil besonders in ihrer Auflösung etwas zu konfus und hatte auch nicht wenige Längen. Besonders der Subplot um die Figur von Elizabeth McGovern (bzw. Jennifer Connelly) will nicht so ganz überzeugen und zieht sich stellenweise etwas. So bleibt Once Upon a Time trotz aller Qualität etwas hinter den von mir aufgezählten Genrekollegen zurück und ist als Gesamtpaket auch nicht so überwältigend wie andere Leone-Filme. Ein bisschen Schade - die ersten zwei Stunden wären es nämlich gewesen.

8 / 10
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Re: Der Sergio Leone Thread

#14
Maibaum hat geschrieben: Nö, die ersten beiden sind korrekt übersetzt, und entsprechen perfekt den Filmen (und wurden auch in den meisten Ländern fast korrekt übersetzt).
Das ist aber genau die gleiche Argumentation wie bei den Leuten, die bei Synchros am liebsten eine wortwörtliche Übersetzung hätten – und wenn sie noch so radebrechend klingt. Bei der Wahl eines eingedeutschten Titels geht es auch darum einen gut klingenden und prägnanten Titel zu wählen und bei aller Liebe, aber „Der Gute, der Böse, der Hässliche“ klingt einfach nur unrund, nicht elegant und wenig prägnant – ungeachtet des Originaltitels. Es lässt sich nun mal ein Titel nicht immer 1:1 von einer Sprache in eine andere übertragen, was wie hier im italienischen gut und cool klingt (geh ich einfach mal von aus, bin ja kein italienischer Muttersprachler) klingt auf deutsch in der direkten Übersetzung dann merkwürdig.

Maibaum hat geschrieben: Die deutschen Titel sind gruselig. Wobei Spiel mir das Lied vom Tod an sich geht, wenn er nicht so meilenweit von Leones Intentionen entfernt wäre.
Nein, die klingen nicht gruselig, da gibt es GANZ andere Titelverbrechen, dagegen sind die Leones ok. Zwei glorreiche Halunken ist nun mal sogar der usrsprüngliche Titel des Films und trifft zudem den Kern des Films gut, denn ungeachtet des Originaltitel sind es nun mal nur zwei echte Hauptdarsteller, da Van Cleefs Rolle bei aller Liebe eher die eines Nebendarstellers ist. Clint und Eli sind die Hauptdarsteller, sie sind zwei, sie sind glorreich, sie sind Halunken. Der Titel ist griffig und prägnant, also alles ok. Spiel mir das Lied vom Tod kann man natürlich insofern kritisieren, dass man sogar inhaltlich in den Film eingegriffen hat, um den Titel zu legitimieren. Ich finde es funktioniert, der Titel klingt mal richtig badass, wem es nicht gefällt bzw. damit und mit dem Eingriff Probleme hat (was ich absolut nachvollziehen kann) soll den Film halt im Original anschauen und den deutschen Titel ignorieren. Todesmeldie geht ebenfalls ok, da „Kopf runter“ oder „Nimm den Kopf runter“ als deutscher Titel viel zu unspektakulär wäre, selbst das sinnige „Bleib in Deckung“ wäre einfach nicht griffig genug. Die internationalen Titel „Duck you Sucker“ und „Fistful of Dynamit“ finde ich zB auch noch deutlich unpassender, auch wenn der erste zugegebenermaßen einen gewissen Kultcharakter hat. Aber Todesmelodie passt eigentlich auch ganz gut zum Ton und zum Inhalt des Films, geht daher also auch ok.

Maibaum hat geschrieben: Bitte?
Da liegen doch Welten zwischen. Schon deswegen weil MNIN zur Hälfte ein ernster und sehr melancholischer Spätwestern ist, der auch sehr intelligent mit seinen vielfältigen Motiven spielt. Da sollte man einfach mal ca 3 min an überflüssigen Slapstick herauskürzen, und schon hat man eine sehr gelungene Mischung aus Parodie und Ernsthaftigkeit.
Die Meinung hast du aber auch ziemlich exklusiv, jedenfalls gemessen am Erfolg in D. Natürlich hat Nobody auch ernstere Momente und Passagen, aber der Kern liegt doch ganz eindeutig auf der Klamotte. Deshalb ist der Film in D auch so populär, weil Hill da rumalbert und die Synchro auf den Putz haut, als gäbe es kein Morgen mehr. Das mag ich nicht und das verdirbt mir die zugegebenermaßen guten ernsteren Momente.
Maibaum hat geschrieben: Und dann hat Leone den Film so sehr kontrolliert daß er eindeutig ein Leone Film ist ,auch wenn sein direkter Regieanteil nach wie vor strittig ist.
Sicher hat er das und er wollte das ja auch schon bei Todesmelodie machen. Leone als Produzent war eigentlich ein Regisseur im Hintergrund. Da ich Nobody aber nicht mag, will ich mir halt mein Leone-Bild nicht kaputt machen, daher ignoriere ich Leones Regie-Anteil (wie groß der auch immer gewesen sein mag).


Maibaum hat geschrieben:Und dann ist er fast durchweg dermaßen exzellent inszeniert, daß das Anschauen für mich jedesmal der reinste Genuß ist. Von daher sind 9/10 auf dem Entertainometer, trotz einiger offensichtlicher Schwächen, locker vertretbar. Denn über diese paar Szenen sehe ich dann locker hinweg.
Für mich ist er fast durchweg albern und wären das nur ein paar Szenen, dann könnte ich vielleicht eher mit leben. Aber dieser dauernde Klamauk finde ich furchtbar.

Maibaum hat geschrieben: Außerdem gehört MnIN natürlich klar in die liste der größten deutschen Synchronverbrechen. Der namentlich bekannte Oberschurke hat ja nicht einmal seine Spuren verwischt, sondern lässt sich in den deutschen Credits sogar als Co-Drehbuchautor feiern.
Sicher, aber dann verwundert mich noch viel mehr, dass du den Film in so hohen Ehren hältst, da du ihn ja auf deutsch anschaust. Du sagst doch selbst, dass Alfons & Co. Dir den ersten Dollar verderben und dann ist die ungleich viel schlimmer Nobody-Synchro kein Grund dem Film nicht trotzdem 9 Punkte zu geben? Klar, ich weiss für dich steht die Inszenierung über allem, aber dass du das gesprochen Wort so komplett ignorieren kannst, dass finde ich schon beeindruckend. Könnte ich nicht, genaugenommen ist die Synchro schwer mitverantwortlich, dass ich den Film nicht mag (wobei man ihr zu Gute halten muss, dass sie auch den Hauptanteil hat, dass der Film in D nach vielen Jahrzehnten immer noch so populär ist).
Maibaum hat geschrieben:Warum zählen die frühen nicht? Nur weil sie konventionell sind? Es sind Leone Filme, er hat sie inszeniert, und zumindest der Koloß ist auch voll offiziell ein Leone Film.
Gleiches Spiel wie Nobody, ich will mir Leones Oevre nicht mit solchem Mittelmaß verderben. Die Heiligenverehrung funktiniert so einfach besser. :wink:
Maibaum hat geschrieben:Und bei Giu la testa funktionieren die Höhepunkte nicht, und die erste Hälfte ist zu lang. Für mich ist es ein Film dem man anmerkt daß Leone nicht wirklich hinter ihm stand. Aber ich sehe auch wie sehr Leone seinen Stil weiterentwickelt hat seit seinem ersten Western, aber es fehlt mir jenes tiefere Etwas daß seine beiden vorherigen Filme so überragend macht, und was ich dann wieder in MNIN finde. Denn die besten Szenen in MNIN sind besser als alles in Giu la testa.
Sehe ich komplett anders, Nobody hat sicher seine inszenatorischen Momente, aber den Holzhammerfilm über den subtilen Todesmelodie zu stellen kann ich nicht nachvollziehen. Auch darstellerisch liegen da Welten dazwischen, die „Knallcharge“ Hill (sorry, aber er war halt darstellerisch limitiert) und ein Fonda im Automodus gegen den damals führenden Charakterdarsteller und einen der coolsten Haudegen aller Zeiten: ein ungleiches Duell. Zudem hat Todesmelodie so viel magische Momente, etwa gleich die erste Einstellung mit den Ameisen, der Moment als die Kutsche übernommen wird und die Gewehre hinter Juan durch die Fenster kommen, Coburns Einführung als er aus dem Rauch gefahren kommt, der Moment als Juan die Idee kommt mit John die Bank zu knacken, wenn Juan mit seinem Fuss den Hebel von Johns Auslöser runterdrückt und im Hintergrund die Kirche explodiert und und und (das war jetzt alles nur aus der ersten Dreiviertelstunde). Der Film wird immer besser mit zunehmender Laufzeit und arbeitet die Schrecken der Revolution und die Auswirkungen auf die Menschen immer besser heraus. Für mich wirklich nur ganz knapp am Meisterwerk vorbei.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Sergio Leone Thread

#15
AnatolGogol hat geschrieben:Nein, die klingen nicht gruselig, da gibt es GANZ andere Titelverbrechen, dagegen sind die Leones ok. Zwei glorreiche Halunken ist nun mal sogar der usrsprüngliche Titel des Films und trifft zudem den Kern des Films gut, denn ungeachtet des Originaltitel sind es nun mal nur zwei echte Hauptdarsteller, da Van Cleefs Rolle bei aller Liebe eher die eines Nebendarstellers ist. Clint und Eli sind die Hauptdarsteller, sie sind zwei, sie sind glorreich, sie sind Halunken.
Trotzdem ist der fertige Film dem Titel Good, Bad and Ugly angepasst, die drei Charaktere werden ja nacheinander einzeln kurz eingeführt mit dem jeweiligen Zwischentitel. Und die Zwischentitel werden ja ganz zum Ende auf dem Friedhof noch einmal eingeblendet.

Für mich klingt Zwei Glorreiche Halunken auf jeden Fall viel, viel mehr nach einer Spencer-und-Hill-Klamotte als nach dem epischen, brillanten Höhepunkt von Leones Eastwood-Trilogie.
We'll always have Marburg